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Verhaltensbiologie: Flattrige Entscheidungsfindung

Wo sich heute zur Ruhe aufhängen? Tag für Tag stehen Bechstein-Fledermäuse vor dieser Frage. Da sie ausgesprochen gesellig sind, müssen sie sich in der Gruppe einigen. Doch wer oder wie viele entscheiden, wo's langgeht?
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Dem einen ist es zu laut. Der anderen zu verraucht. Ein nächster möchte draußen sitzen, seine Freundin ein Eis, und das steht nicht auf der Karte. Der Älteste hat einen tollen Tipp am gegenüberliegenden Flussufer, das ist den meisten aber zu weit, und der Kleinste ist so müde, dass er sowieso am liebsten gleich nach Hause möchte. Letztendlich steht die ganze Gruppe da und diskutiert, kommt nicht vorwärts und ist irgendwie genervt. Vielleicht findet der Senior noch zwei Begleiter, und sie ziehen ab zur Kneipe gegenüber, andere suchen stattdessen eine Eisdiele, und der Benjamin schläft in den Armen des Vaters ein – auch ein Ende eines gemeinsamen Stadtbummels.

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Bechstein-Fledermäuse | Bechstein-Fledermäuse treffen Gruppenentscheidung – doch eigene Interessen reden ein gewichtiges Wörtchen mit.
Bechstein-Fledermäuse (Myotis bechsteinii) müssen vielleicht nicht so viele Informationen gegeneinander abwägen. Dafür stehen sie allmorgendlich vor dem Problem, wo sie gemeinsam den Tag verschlafen. Denn gesellig sind die Tiere: Ein bis drei Dutzend finden sich häufig zusammen und bleiben sich auch treu. Selbst wenn sich kleine Grüppchen zum Ruhen abspalten, dem Gemeinschaftssinn tut das keinen Abbruch. Bleibt nur die Frage: Wie entscheiden sie, wohin sie sich zurückziehen? Fällt der Beschluss einstimmig? Reicht eine Mehrheit? Oder steckt dahinter nur eine lose Sammlung rein eigener Interessen?Zwei Fledermaus-Populationen rund um Würzburg sollten die Antworten liefern. Gerald Kerth, inzwischen an der Universität Lausanne, kennt sie gut, forscht er doch schon seit Jahren an den Tieren. Einigen wurden sogar passive integrierte Transponder implantiert, um sie jederzeit identifizieren und ihren Aufenthaltsort aufzeichnen zu können.

Für ihre neue Studie offerierten die Wissenschaftler den Tieren neue Unterschlupfe. Da Bechstein-Fledermäuse alle zwei bis drei Tage das Schlafquartier wechseln, würden sie auch die neuen Boxen inspizieren, gegebenfalls für gut befinden und letztlich mit Gruppengenossen zurückkehren. Hier hakten die Forscher ein: Zunächst ließen sie die Verstecke zugänglich, bis diese von drei oder vier Weibchen begutachtet worden waren. Dann verschlossen sie die Eingänge mit Maschendraht – die folgenden Besucher mussten also den Eindruck gewinnen: schade, ungeeignet.

In einem zweiten Experiment agierten die Forscher etwas rabiater: Abends, zu Beginn des Ausfliegens, begannen Kerth und seine Mitarbeiter, die Noch-Insassen mit Kratzen und Geräuschen selbst im Ultraschallbereich zu stören. Dabei achteten sie darauf, ob jeweils eine Minderheit oder noch die Mehrzahl der Gruppe im Unterschlupf hing. Zweck der Übungen war jeweils, einzelne Gruppenmitglieder mit verschiedenen Eindrücken hinsichtlich Eignung eines Schlafplatzes zu versorgen – und zu verfolgen, wie sich diese Individualinformationen in der Gruppenentscheidung widerspiegeln.

Und hier sind Fledermäuse auch nur Menschen: Mehrheiten spielen eine große Rolle. Am deutlichsten zeigte sich dies nach den Störungsaktionen: Steckte noch die Mehrzahl der Gruppe im ungemütlich werdenden Teilzeit-Zuhause, kehrten an den folgenden Tagen nur wenige dorthin zurück. Wurde aber nur eine Minderheit genervt, blieb der Schlafplatz hoch im Kurs – selbst bei einigen Tieren, die dort schlechte Erfahrungen beim Aufwachen machen mussten. Interessant ist dabei, dass nicht etwa nur die Meinung eines Einzelnen oder weniger Individuen die Richtung vorgibt – wie von anderen sozial lebenden Tierarten bekannt –, sondern wohl doch fast jede Fledermaus ein Wörtchen mitzureden hat.

Mehrheiten sind aber auch nicht alles: Gefällt die Wahl des ganzen Haufens nicht, weil er dem eigenen, negativen Eindruck zuwiderläuft, suchen sich manche Fledermäuse eben etwas anderes. Gesinnungsgenossen finden sie allemal, und seien es nur Mitglieder, die weder das eine noch das andere Quartier kennen, und daher einfach dem Rat der anderen folgen.

Letztendlich unterscheidet sich damit das morgendliche Schwärmen der Tiere wenig von der Diskussion in der Fußgängerzone. Wie allerdings Fledermäuse diskutieren, ist noch unklar. Überzeugen sie andere Gruppenmitglieder mit gemeinsamen nächtlichen Abstechern zu aufgespürten Quartierskandidaten? Verbergen sich hinter den Mitentscheidern doch nur schlichte Mitläufer beziehungsweise -flatterer? Fragen genug für Kerth und Co und seine Würzburger Fledermäuse.
27.07.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27.07.2006

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