Fliegende Tiere: Der Große Gleiter ist nicht der größte Gleiter

Große Ohren, Knopfaugen, ein langer, buschiger Schwanz und ein flauschiges Fell: Das zeichnet die Südlichen Großflugbeutler (Petauroides volans) aus, die in den Eukalyptuswäldern im südöstlichen Australien leben. Dazu sollen die Tiere auch noch mithilfe ihrer gespreizten Beine und des aufgespannten Fells bis zu 100 Meter weit von Baum zu Baum fliegen können. Doch diese Werte müssen wohl als stark übertrieben gelten, wie Ana Gracanin von der Australian National University in Canberra und ihr Team beim Nachmessen festgestellt haben: Die Tiere können nur deutlich kürzere Distanzen zurücklegen.
Der Rekordwert ging nach den Recherchen der Arbeitsgruppe auf einen einzigen Bericht aus den 1940er Jahren zurück. Und seitdem hatte offensichtlich niemand mehr richtig nachgeforscht; nur eine weitere einzelne Beobachtung erbrachte einen Hinweis auf 75 Meter Flugstrecke. Gracanin und Co begaben sich daher nachts in die Wälder von New South Wales und beobachteten die Großflugbeutler direkt und mithilfe von Infrarotkameras. Insgesamt konnten sie 41 Gleitflüge beobachten – und keiner davon erreichte eine Weite von mehr als 50 Metern. Der längste Flug endete bei 49,6 Metern; durchschnittlich überbrückten die Tiere eine Distanz von 19 Metern. Dabei starteten sie im Mittel aus einer Höhe von 22 Metern und sprangen in einem Winkel von 43,5 Grad ab. Die Landung erfolgte durchschnittlich in einer Höhe von fünf Metern im angesteuerten Baum.
Daraus berechneten die Wissenschaftler ein gemitteltes Gleitzahlverhältnis (horizontale Strecke zu Höhenverlust) von 1:1,1. Kleinere Flugbeutlerarten kommen hingegen auf ein Verhältnis von bis zu 1:2, was heißt, dass sie deutlich größere Distanzen überbrücken. Der Große Gleithörnchenbeutler (Petaurus australis) flog sogar gesicherte 145 Meter weit.
Ein Blick auf den Körperbau der Großflugbeutler lässt auch erkennen, warum sie schlechtere Flugeigenschaften haben: Im Gegensatz zu anderen gleitenden Beuteltieren besitzen sie eine vergleichsweise kleinere Gleitmembran. Diese reicht von den Ellbogen statt von den Handgelenken aus, wodurch sie weniger Auftrieb erzeugen können. Für den Schutz der bedrohten Art dürfte das Konsequenzen haben: Die Tiere leben überwiegend auf den Bäumen und landen nur ungern auf dem Boden, wo sie sich eher unbeholfen fortbewegen – was sie zur leichten Beute von Fressfeinden macht. Größere Lücken im Gelände, etwa durch Abholzung oder Straßenbau, werden für sie daher nur schwer oder gar nicht überbrückbar. Kleinere Teilpopulationen können aus diesem Grund leichter aussterben.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.