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Klimawandel: Flucht ist nicht die erste Wahl

Menschen reagieren nicht wie vorhergesehen auf einen Anstieg des Meeresspiegels - bisherige Vorhersagen über Klimaflüchtlinge müssen wohl angepasst werden.
Wasser sickert durch einen Türrahmen auf den TeppichLaden...

Der steigende Meeresspiegel und damit einhergehende Überschwemmungen würden unzählige Anwohner der Küsten zur Flucht zwingen – diese weit verbreitete Annahme könnte sich als voreilig erweisen. Wie eine Arbeitsgruppe um Ma Laurice P. Jamero von der Universität Tokio in "Nature Climate Change" berichtet, lehnen Bewohner von vier vom steigenden Meeresspiegel betroffenen Inseln trotz regelmäßiger Überflutungen ab, ihre Heimat zu verlassen. Stattdessen nutzen sie eine Reihe von Strategien, um trotz der neuen Gegebenheiten weiter auf ihren Inseln leben zu können. Ein geplantes Umsiedlungsprogramm der Regierung stieß bei ihnen auf Skepsis und Ablehnung. Die Veröffentlichung zeigt, dass Projektionen zukünftiger Anpassung und Migration im Klimawandel soziale und kulturelle Faktoren einbeziehen müssen.

Schon jetzt führt der steigende Meeresspiegel in einigen Teilen der Welt zu häufigeren Überschwemmungen, wie zum Beispiel an der Ostküste der USA. Bisherige Szenarien der Konsequenzen solcher Veränderungen basieren meist auf einem direkten Zusammenhang zwischen Meeresspiegelanstieg und Migration: Küstenschutz, zum Beispiel durch hohe Deiche, ist sehr teuer und in großem Stil lediglich für reiche Länder eine Option. Außerdem lohnt sich der Aufwand nur für sehr wertvolles Land. Der Mensch weicht demnach auf breiter Front vor dem Meer zurück.

Die Analyse von Jamero und ihrer Arbeitsgruppe dagegen gehört zu einer wachsenden Sammlung von Studien, die diesem einfachen Bild widersprechen. Die Forscherin betrachtete vier Inseln in der philippinischen Provinz Bohol, die sich 2013 durch ein Erdbeben gesenkt haben und deswegen ein natürliches Experiment für den steigenden Meeresspiegel darstellen. Die Bevölkerung lebt überwiegend vom Fischfang. Zuvor standen die kleinen Eilande nahe der Küste nur bei Sturm unter Wasser, seit dem Beben werden sie schon bei vielen Hochwassern um Voll- und Neumond teilweise überschwemmt. Statt den Umsiedlungsplan der Regierung zu akzeptieren, arrangierten sich die Einwohner durch einige simple Maßnahmen mit den regelmäßigen Überschwemmungen: Sie bauten ihre Häuser auf Stelzen oder erhöhten Straßen, Plätze und die Fußböden ihrer Häuser. Im Gegensatz zu bisherigen Modellen sind die am wenigsten betroffenen Gemeinden gerade jene, deren Bevölkerung am ehesten geneigt ist, auf das Festland zu ziehen. Jene Orte, die sehr häufig überflutet werden, haben längst in verschiedene Gegenmaßnahmen investiert – deswegen sehen ihre Bewohner inzwischen keinen Grund mehr, ihre Heimat zu verlassen.

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