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News: Flug ins Unbekannte

Albatrosse machen Urlaub vom anstrengenden Familienleben - haben sie ihren Sprössling groß gezogen, verreisen sie erst einmal in ferne Meeresregionen, um sich zu erholen. Bisher wusste man allerdings recht wenig darüber, wohin sich die großen Segler zurückziehen. Mit einer einfachen Methode verfolgten Wissenschaftler nun vier Tiere auf ihrem Weg ins Winterquartier und wieder zurück. Zu ihrem Erstaunen waren die Vögel dabei vor Ort nicht besonders wanderfreudig, sondern blieben die meiste Zeit in einem gut abgrenzbaren Gebiet.
So ein Bericht über Wander-Albatrosse (Diomedea exulans) liest sich wie eine Ansammlung von Rekordversuchen. Ihre Spannweite von bis zu 3,50 Metern erreicht kein anderer Seevogel, und bei der Futtersuche für ihren Nachwuchs legen sie insgesamt etwa 150 000 Kilometer zurück, wobei sie weit über 100 Kilometer pro Stunde fliegen können. Auch in dem Punkt "Beziehungen" könnten manche den großen Vogel als Vorbild anführen. Denn die einmal geschlossene Ehe hält tatsächlich, bis dass der Tod sie scheidet. Und dass, obwohl – oder gerade weil? – die beiden Partner nicht die ganze Zeit zusammen leben. So ziehen sich die Altvögel nach der anstrengenden Aufzucht ihres Nachwuchses, auch wenn es meist nur ein Einzelkind ist, erstmal für ein Jahr aus dem Brutgebiet in die fernen Weiten des Ozeans zurück. Aber nicht etwa zusammen, sondern jeder streng für sich: ein Sabbatjahr von der Familie.

Doch damit verschwinden sie auch für Ornithologen von der Bildfläche. Für die Forscher ist es schon schwierig genug, die Tiere in den Brutkolonien zu beobachten, aber in die Hochsee-Urlaubsregionen der perfekten Segler können sie nun wirklich nicht folgen. Wiedergefundene beringte Vögel gaben zwar wenigstens einige Hinweise darauf, wo sie sich aufhielten, und inzwischen konnten Wissenschaftler die Tiere auch per Satelliten über kleine Sender verfolgen. Diese Methode aber ist schwierig und teuer, sodass immer noch recht wenig über die alle zwei Jahre stattfindenden Ausflüge in die Einsamkeit bekannt ist.

Mit einer einfachen und dabei auch noch kostengünstigen Technik kamen Henri Weimerskirch vom Centre National de la Recherche Scientifique in Beauvoir und Rory P. Wilson vom Institut für Meereskunde der Universität Kiel den wanderlustigen Flugkünstlern aber doch auf die Spur. Die Forscher wählten aus einer Kolonie der Crozet-Inseln neun Tiere aus, die einen erfolglosen Brutversuch hinter sich hatten. Normalerweise ziehen sich die Altvögel dann einige Monate zurück, bevor sie einen erneuten Anlauf wagen – vergleichbar dem Erholungsurlaub der erschöpften Eltern. Die Forscher befestigten an den Füßen der Albatrosse winzige Sensoren, um die Lichtintensität aufzunehmen. Mit Hilfe einer internen Uhr können die Forscher dann über Lichtschwellenwerte und das Datum die geographische Breite und über die lokale Mittagszeit die passende Länge bestimmen. So wollten sie den Weg der Tiere während ihrer Reise verfolgen.

Als die Vögel schließlich an die Brutplätze zurückkehrten, waren die Geräte noch intakt, und vier davon lieferten auch Daten über mehr als sechs Monate. Wie ein Tagebuch berichteten sie von der langen Reise. So bevorzugten die Weibchen offensichtlich wärmere Regionen: Sie zogen sich zum Überwintern in subtropische und tropische Gefilde zurück, südlich von Madagaskar. Die Männchen hingegen reizte mehr der kühle Süden, denn sie verbrachten den Winter knapp nördlich des antarktischen Packeises.

Entgegen früheren Annahmen blieben die Tiere auch die meiste Zeit tatsächlich an den gewählten Urlaubsquartieren und ließen sich nicht von den Winden kreuz und quer über den Ozean treiben. Die Wissenschaftler vermuten, dass sich die geschickten Segler in der Zeit womöglich mausern, was ihre Flugfähigkeit deutlich einschränken würde. Auch lassen Ergebnisse von Wiederfängen beringter Vögel darauf schließen, dass sie Jahr für Jahr dasselbe Gebiet aufsuchen. Während auch manche menschlichen Urlauber regelmäßig zu ihrem Lieblings-Campingplatz zurückkehren, spielt für die Albatrosse wahrscheinlich eher ein reich gedeckter Tisch die entscheidende Rolle.

Doch genau darin liegt auch ihr Verhängnis. Denn in denselben Regionen sind auch die Fangflotten der Hochseefischer unterwegs. Insbesondere die Langleinenfischerei fordert viele Opfer, da die Tiere die Köder an den Haken verschlucken, dadurch unter Wasser gezogen werden und ertrinken. In den subtropischen Gewässern nördlich der Crozet-Inseln, einem beliebten Überwinterungsgebiet der Weibchen, ist der Fang von Thunfischen sehr verbreitet, und im tiefen Süden geraten die Männchen mit Fischereiflotten für den Schwarzen Seehecht (Dissostichus eleginoides) in Konflikt. Die Ergebnisse von Weimerskirch und Wilson sind daher besonders auch für den Schutz der großen Seevögel von Bedeutung, denn ihre Zukunft hängt davon ab, wie Entscheidungsträger die Interessen von Fischereiflotten und Naturschutz gegeneinander abwägen.

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