Schlankheitsgenetik: Genmutation wirkt ähnlich wie Abnehmspritze

Man ist, was man isst – doch was mit diesen Kalorien nach dem Essen geschieht, hängt möglicherweise stärker von den eigenen Genen ab, als man denkt.
Wissenschaftler vermuten schon seit Langem, dass die Art und Weise, wie unser Körper mit Kalorien umgeht, zum Teil durch unsere genetische Veranlagung bestimmt wird. Nun haben sie das Gen FNIP1 genauer unter die Lupe genommen, das eine wichtige Rolle dabei spielt, wie wir Energie umsetzen – und wie hoch unser Risiko für Fettleibigkeit, Diabetes, Herzerkrankungen und Nierenerkrankungen ausfällt. Etwa einer von 7000 Menschen trägt eine veränderte Kopie dieses Gens in sich – eine Genmutation, die ähnlich wirkt wie der Arzneistoff Semaglutid, der im Medikament Ozempic zu finden ist: Sie fördert die Wirkung des Peptidhormons Insulin, verringert das Diabetesrisiko und trägt zur Gewichtsreduktion bei.
Die Fachleute hatten die codierenden Bereiche des Erbguts von mehr als einer Million Menschen auf drei Kontinenten entschlüsselt, um Mutationen zu finden, die den Fettstoffwechsel des Körpers beeinflussen. FNIP1 stach dabei hervor. Das Gen enthält die Bauanleitung des Proteins FNIP1 (Folliculin-interacting protein 1). Dieses steuert die Aktivität verschiedener Enzyme des Energiestoffwechsels. In Verbindung mit einem weiteren Eiweiß namens Folliculin reduziert FNIP1 den Energieumsatz der Zellen. Das hilft, Zeiten der Nahrungsknappheit zu überstehen, und hat sich wohl über den größten Teil der Menschheitsgeschichte hinweg als vorteilhaft erwiesen. Wird das Gen inaktiviert, zieht der Energieumsatz an. Der Körper beginne dann, Fett zu verbrennen, statt es zu speichern, berichtet Viktoria Gusarova. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin im Unternehmen Regeneron Pharmaceuticals und hat an einer Forschungsstudie über FNIP1 mitgewirkt, die im Fachmagazin »Nature« erschienen ist.
Wir erben jeweils zwei Kopien dieses Gens, je eine von jedem Elternteil. Rund einer von 7000 Menschen trägt eine defekte Kopie von FNIP1. Von den etwa eine Million Menschen, deren Erbgut in der Studie untersucht wurde, wiesen rund 150 eine entsprechende Mutation auf. Sie zeichneten sich außerdem durch niedrige Blutfettwerte, wenig Leberfett, einen niedrigen Blutzuckerspiegel, proportional mehr Muskelmasse und ein um 60 Prozent vermindertes Risiko für Diabetes und Adipositas (krankhaftes Übergewicht) aus.
»Diese Personen setzen mehr Energie um als Menschen ohne die Mutation. Genau das ist der schützende Faktor«, erklärt Luca Lotta, Genetiker bei Regeneron Pharmaceuticals und einer der leitenden Studienautoren.
Auf der Spur eines neuen Therapieansatzes
Die Fachleute gingen noch einen Schritt weiter und experimentierten mit Leberzellen im Labor, um festzustellen, ob eine Hemmung von FNIP1 zur Aktivierung von Genen führt, die am Fettstoffwechsel mitwirken. Bei Mäusen, die mit einer fett- und zuckerreichen Ernährung gefüttert wurden, führte die FNIP1-Blockade in der Leber zu verlangsamter Gewichtszunahme, Abbau von Körperfett und verbesserter Insulinsensitivität. Über einen Zeitraum von 30 Wochen hinweg sank dadurch das Risiko von Leberschäden sowie einer krankhaften Vermehrung des Bindegewebes (Fibrose) – typischen Begleiterscheinungen einer nachteiligen Ernährung.
FNIP1-Defekte kämen selten vor, sagt Lotta, weil die Evolution mit unserer sich verändernden Welt nicht Schritt halten könne. »Heutzutage leben wir in einer sehr kalorienreichen Umgebung, historisch gesehen gibt es dafür keinen Präzedenzfall«, so der Genetiker. »Diese sehr seltenen Mutationen, die über viele Jahrtausende hinweg möglicherweise nachteilig waren, sind heute vorteilhaft für den Körper.«
Das Team hofft, dass diese Erkenntnisse dazu beitragen, neue Medikamente zu entwickeln.
»Personen mit genetischen Varianten, die zu einem Funktionsverlust der betroffenen Erbanlagen führen, sind gewissermaßen natürliche Modelle für die Wirkung pharmakologischer Hemmstoffe«, sagt Svati Shah, Direktorin des Center for Precision Health an der US-amerikanischen Duke University, die nicht an der Studie beteiligt war. »Studien mit solchen Menschen haben schon bei anderen Erkrankungen zu wichtigen therapeutischen Fortschritten geführt.« Ob sich FNIP1 beim Menschen gezielt ausschalten lasse, sei jedoch unklar.
Menschen, die zwei defekte Kopien von FNIP1 erben statt nur einer, sind anfällig für Herzerkrankungen und Immundefekte. »Wenn man das Gen im gesamten Körper zu 100 Prozent therapeutisch hemmen würde, könnte sich das negativ auf die Gesundheit auswirken«, vermutet Lotta. Möglicherweise ließen sich die Risiken mindern, wenn das Gen gezielt nur in der Leber gehemmt werde. »Eine Therapie ist allerdings noch viele Jahre entfernt«, gibt er zu.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.