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Ökosysteme: Förderlicher Mundraub

Sie haben einen äußerst schlechten Leumund, denn sie schmarotzen auf Kosten ihres Wirtes, den sie schwächen oder gar das Leben aus dem Leib saugen - alles, ohne dass der unfreiwillige Träger irgendeinen Nutzen davon hat. Die gesamten Lebensgemeinschaften als solche könnten aber vielleicht doch von den geschmähten Parasiten profitieren.
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Die Laus im Pelz, die Zecke und vielleicht auch noch der Bandwurm fallen einem wahrscheinlich als erstes ein, wenn das Stichwort "Parasit" fällt. Doch solch – auf den ersten Blick – unliebsame Gesellen gibt es gleichermaßen im Pflanzenreich. Sie delektieren sich hier an den Säften von Bäumen, Büschen und sogar Kräutern wie Gräsern, verzichten dafür aber im Gegenzug häufig auf die Ausbildung von Chlorophyll für die Fotosynthese: Wozu grünen, wenn es ebenso durch das Anzapfen fremder Produktionssysteme geht?

Zu diesen Profiteuren externer Leistungen gehört auch der heimische Kleine Klappertopf (Rhinanthus minor) – eine weit verbreitete Spezies aus der Familie der Braunwurzgewächse, die in vielen Grasländern Europas und Nordamerikas vorkommt. Rhinanthus minor ist zwar nur ein so genannter fakultativer Halbparasit, weil er über sein Blattgrün gleichfalls Fotosynthese betreiben und damit für seinen eigenen Lebensunterhalt sorgen kann. Dennoch befällt er zusätzlich noch die Wurzeln vieler Gräser inklusive wichtiger Getreidesorten, um sich seinen Anteil an deren Nährstoff- und Wasserversorgung zu sichern. Wurzelausscheidungen des Wirts begünstigen dabei sogar noch die Keimung seines Untermieters.

Viel ist der Wissenschaft schon über die Wechselwirkungen zwischen den Schmarotzern und ihren unfreiwilligen Gastgebern bekannt. Welchen Einfluss die Parasiten aber über diese Beziehung auf das gesamte Ökosystem haben, in dem dieser Mundraub stattfindet, entzog sich bislang weit gehend ihrer Kenntnis. Richard Bardgett von der Universität Lancaster und seine Kollegen gingen daher gezielt diesem Aspekt nach und betrachteten den Einfluss des Kleinen Klappertopfs auf seine Umgebung.

Zu diesem Zweck bepflanzten sie große Kästen mit Graslandgemeinschaften aus verschiedenen Gräsern wie dem Gewöhnlichen Rispengras (Poa trivialis), Ausdauerndem Lolch (Lolium perenne), Gewöhnlichem Zittergras (Briza media) sowie Rotem Straußgras (Agrostis capillaris) und Kräutern wie dem Kriechenden Hahnenfuß (Ranunculus repens), Gemeinem Hornklee (Lotus corniculatus) oder Waldstorchenschnabel (Geranium sylvaticum), wie sie typisch sind für traditionelle Mähwiesen. Als Substrate verwendeten die Forscher Böden, die je nach Verfügbarkeit des Nährelements Phosphor von nährstoffarm bis durchschnittlich fruchtbar rangierten. Manche der Miniweiden wurden während der folgenden Beobachtungsphase entweder gar nicht, einmal jährlich oder alle zwei Jahre gedüngt, um gängige landwirtschaftliche Praxis zu simulieren.

Anschließend säten die gärtnernden Forscher dann in einige der Kästen in unterschiedlicher Dichte Klappertöpfe ein, während andere frei von der Art blieben. Und siehe da, gleich wie mager oder fruchtbar der Boden war: Ohne Klappertöpfe waren die Lebensgemeinschaften deutlich artenärmer als die Lebensgemeinschaften, in denen der Parasit vorkam. Denn Rhinanthus minor befiel bevorzugt den sehr schnell wachsenden und gewöhnlich durch dichte Grasteppiche dominierenden Ausdauernden Lolch, dessen Wettbewerbsfähigkeit in der Folge stark sank. Das gab wiederum einigen Kräutern die Möglichkeit, sich auszubreiten oder neu anzusiedeln, sodass der Anteil dieser Pflanzen im Grasland bedeutend stieg.

Der Effekt blieb sogar noch bei fortgesetzter Düngung erhalten, die eigentlich wachstumsstarke Gräser begünstigt und die Artenvielfalt derartiger Ökosysteme generell mindert. Das Vorhandensein des Schmarotzers glich folglich alle anderen Einflussfaktoren wie die ursprüngliche Bodenfruchtbarkeit oder die Düngung aus oder überwog sie sogar noch.

Das zeigte sich auch noch in einem anderen Phänomen: Je dichter der Klappertopf dabei aufkam, desto geringer war die gesamte Biomasseproduktion der anderen Pflanzen in den Beeten, was wiederum vor allem auf Kosten des Lolchs ging. Die Wissenschaftler führten diesen Effekt auf Veränderungen in den Zersetzungsprozessen und Artengemeinschaften der Bodenlebewesen zurück, die ebenfalls von Rhinanthus minor ausgelöst werden könnten.

Die Forschen maßen daher mittels der so genannten Phospholipid-Fettsäure-Analyse, ob und wie sich die Reaktion der Bodenmikroben auf die Anwesenheit des Kostgängers änderte. In der Summe kam dabei unter allen Versuchsanordnungen das gleiche Ergebnis heraus: Die Gesamtgröße dieser Lebensgemeinschaften schien sich also nicht zu verändern – wohl aber deren Struktur. So hatten Bodenpilze in mageren Böden einen deutlich größeren Anteil am Stoffumsatz als in fetteren, wo Bakterien an Bedeutung gewannen. Unter dem Einfluss des Klappertopfs fand diese Verschiebung allerdings bereits bedeutend früher statt; die Präsenz der Pflanze könnte folglich Bakterien begünstigen.

Derartige Wandel werden im Allgemeinen auch mit verbesserten Stoffflüssen und erhöhtem Umsatz von Nährelementen im Boden in Verbindung gebracht. Ein weiteres Anzeichen, dass diese Umwälzung tatsächlich so stattfindet, belegt nach Ansicht der Forscher ebenso die starke Zunahme – teilweise um mehr als 170 Prozent – der Stickstoffmineralisierung, wenn Klappertöpfe vorhanden waren. Der Stickstoff lag dann zudem in der von Graslandspezies bevorzugten gelösten Form im Boden vor, was ihn aufnahmefähiger für das Grünzeug macht.

Kritiker könnten nun anführen, dass durch diese Düngung von unten eigentlich mittelfristig wieder die Produktivität der Lebensgemeinschaft steigen und die Artenvielfalt sinken sollte. Aber das war nicht der Fall, was den überaus stark negativen Einfluss des grünen Nassauers auf die Wuchs- und Dominanzleistungen bestimmter Grasarten noch unterstreicht.

Damit bestätigt sich für die Biologen ein weiteres Mal die wichtige Rolle von Parasiten für die Biodiversität. Bislang galten sie vor allem als Evolutionsmotor, der die Bildung von Abwehrmechanismen vorantreibt. Das Beispiel aber zeigt, dass sie auch indirekt ihr Scherflein zu artenreichen Lebensräumen beisteuern können. Vielleicht sollten wir doch einmal eine Lanze für diese Geschöpfe brechen.

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