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News: Form geht über Funktion

Als sie gebeten wurden, einen „Kamm“ aus einer Gruppe von Gegenständen herauszusuchen, wählten Zweijährige typischerweise ein kammförmiges Objekt, bei dem es egal war, ob es überhaupt Zähne zum Kämmen besaß oder nicht. Aus solchen Ergebnissen von Experimenten kann geschlossen werden, daß sehr junge Kinder neue Wörter auf der Grundlage von Formen und nicht von Funktionen lernen. Diese These wird in einem Bericht des Journal of Memory and Language (Ausgabe vom 14. Januar 1998) vertreten.
Für Erwachsene ist ein Kamm nur dann ein Kamm, wenn er wie ein Kamm funktioniert, berichtet Barbara Landau von der University of Delaware. „Bei der Benennung von Objekten gehen Erwachsene sowohl von der Form als auch von den Eigenschaften aus“, erklärte Landau. „Aber junge Kinder halten ein kammförmiges Stück Schreibpapier wahrscheinlich eher für einen Kamm an, als einen Spielzeugrechen oder eine Plastikgabel.“ Für sie steht die Form im Vordergrund.

Landau war die erste, die den Begriff shape-bias in den späten achtziger Jahren prägte, als sie demonstrierte, daß Kleinkinder, die mit unsinnigem Spielzeug konfrontiert wurden, rasch Kategorien nach der Form bildeten. Die Bezeichnung eines mit einem Phantasienamen belegten Gebildes wurde schnell auf ähnlich geformte Objekte ausgedehnt – ungeachtet der Farbe, Beschaffenheit oder Größe. Seither hat sie nachgewiesen, daß die durch die Form beeinflußte Schemabildung anfängt, wenn Kinder zwei Jahre alt sind und dann mit dem Alter zunimmt.

In ihrer jüngsten Studie führt sie diese Theorie einen Schritt weiter: Sie stellt Ermittlungen darüber an, wie die Funktion eines Objekts die Namensgebung durch Kinder und Erwachsene beeinflußt. Landaus Forschungsteam studierte insgesamt 260 Teilnehmer, darunter 72 Kinder zwischen zwei und fünf Jahren. Zu drei separaten Experimenten wurden den Versuchspersonen verschiedene gruppen von Objekten gezeigt, die jeweils eine gemeinsame Form oder Funktion aufwiesen. Kindern wurde beispielsweise eine Gruppe von kammartigen Objekten präsentiert. Diese enthielten einen gewöhnlichen blauen Plastikkamm sowie mehrere kammförmige Gegenstände, die jedoch nicht die Funktion eines Kammes besaßen. Gleichzeitig wurden ihnen Gegenstände gezeigt, die man benutzen könnte, um das Haar einer Puppe zu kämmen, die aber bis auf die Zinken keine kammähnliche Form besaßen.

Nachdem die Objekte vorgestellt und ihre Funktion erklärt wurden, fingen die Forscher an, Fragen zu stellen. In einem Experiment wurde beispielsweise den Kindern gesagt, daß „Barbie gerade aufgewacht ist und ihr Haar kämmen muß.“ Als kein richtiger Kamm zu finden war, begannen die Kinder oft mit dem spielerischen Versuch, das Puppenhaar mit einem Spielzeugrechen oder einer Gabel zu kämmen. Doch als die Forscher einzelne Gegenstände in die Hand nahmen und fragten: „Ist dies ein Kamm?“ ordneten die Kinder meist trotzdem die kammförmigen Gegenstände als „Kamm&147 "; ein und nicht die Objekte, die sie gerade zum Kämmen benutzt hatten.

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