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Biodiversität

Formel der Bedrohung

Sagen Zahlen mehr als Worte? Manchmal vielleicht schon. Aber ob ein abstrakter Index dazu beiträgt, den unbeschreiblichen Artenverlust auf unserem Planeten greifbar zu machen?
Bedroht: Malaienliest (Actenoides concretus)
Die Europäische Union hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2010 will sie den Verlust der Artenvielfalt auf ihrem Boden stoppen. Damit ging sie einen Schritt weiter als jener Zusammenschluss von knapp 200 Nationen – darunter natürlich auch die EU-Staaten –, die sich im Jahr 2002 dazu bereit erklärten, mittels geeigneter Maßnahmen das Artensterben bis 2010 wenigstens zu bremsen. Utopische Ideen?

Das lässt sich nur dann beurteilen, wenn erste Erfolge oder Fehlschläge registriert werden. Und hierfür benötigen Wissenschaftler mehr als die nackte Botschaft, dass eine Art nicht mehr gefunden wird – sie benötigen Zahlen, aus denen sich die vergangene Entwicklung und zukünftige Trends errechnen lassen. Doch wie wird aus einem "vom Aussterben bedroht" oder "gefährdet" ein sinnvoller Wert?

Stuart Butchart von BirdLife International und seine Kollegen wählten die Rote Liste der Internationalen Naturschutzorganisation der Vereinten Nationen (IUCN) als Basis – ist sie doch der weltweite Standard, wenn es um den Gefährdungsstatus einer Spezies geht. Für den Start beschränkten sie sich zunächst auf die gut bearbeitete Gruppe der Vögel, doch sollen die Säugetiere und Amphibien bald folgen – so sich denn ihr Index bewährt.

Dieser beruht darauf, wie viele Arten innerhalb eines gegebenen Zeitraumes die verschiedenen Gefährdungsklassen gewechselt haben, und zwar sowohl nach oben als auch nach unten. Ihre Anzahl wird jeweils mit einer Wichtung für die einzelnen Stufen multipliziert. Damit wollen die Forscher ausdrücken, dass ein Wechsel beispielsweise von "stark gefährdet" zu "vom Aussterben bedroht" ernster zu bewerten ist als ein Hochstufen von "gefährdet" in "stark gefährdet". Die einzelnen Werte aufsummiert, ergibt sich dann der dimensionslose Index – und im Vergleich mit den Ergebnissen aus anderen Zeiträumen die Entwicklung [1].

In der Zeit von 1988 bis 2004 hat der Index beispielsweise um 6,9 Prozent abgenommen. Was bedeutet das? Hätte sich in der Zeit der durchschnittliche Gefährdungsstatus der Vogelarten weder verbessert noch verschlechtert – einzelne Klassenwechsel würden sich dabei aufheben –, wäre der Index gleich geblieben, die prozentuale Veränderung also gleich null. Hätten andererseits zehn Prozent der Spezies in den Kategorien von "potenziell gefährdet" bis "stark gefährdet" eins höher eingestuft werden müssen, dann läge die prozentuale Veränderung bei 7,8 Prozent oder bei der Hälfte der Spezies bei 27,4 Prozent.

So richtig anschaulich ist das auf den ersten Blick nicht, Kurven und Worte werden hier wohl die Zahlen ergänzen müssen. Denn hinter den nackten Werten steckt die Botschaft, dass sich die Situation für Vögel trotz Schutzanstrengungen in den letzten Jahren zwar etwas langsamer, aber trotzdem immer weiter verschlimmert hat. Insbesondere die Fauna von Indonesien leidet heftig unter dem Verlust ihres Lebensraumes durch Abholzung, wie ein regional differenzierter Index zeigt. Außerdem sind Albatrosse und große Sturmvögel zunehmend durch die kommerzielle Langleinen-Fischerei bedroht.

Ob sich der Index, vielleicht in ansprechend verpackter Form, durchsetzen wird, muss sich zeigen. Schließlich ist er nicht der einzige: Auch der World Wide Fund for Nature (WWF) arbeitet für seinen "Living Planet Report" mit Zahlen. Sein Wert basiert auf den Bestandszahlen von 1145 ausgewählten Tiearten, die charakteristisch für verschiedene Lebensräume sind. Und der aktuelle Bericht von 2004 schlägt ebenfalls nachdrücklich Alarm: Seit 1970 haben die Meere und Landlebensräume 30 Prozent ihrer Artenvielfalt verloren, die Flüsse und Feuchtgebiete sogar die Hälfte [2]. Manchmal sprechen Zahlen eben doch auch für sich.
27.10.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 27.10.2004

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