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Westantarktischer Eisschild: Rekordbohrung in der Antarktis

Es ist das längste Klimaarchiv, das Fachleute je unter einem Eisschild der Antarktis geborgen haben. Die Sedimente könnten 23 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurückreichen.
Drei Personen in Winterkleidung arbeiten in einem Zelt an einer wissenschaftlichen Untersuchung. Sie betrachten einen langen, zylindrischen Gegenstand auf einem Tisch, einen Bohrkern. Auf dem Tisch liegen Werkzeuge und ein Klemmbrett. An der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift "5072.2_A". Die Personen tragen Schutzbrillen und Mützen. Die Umgebung wirkt kalt und funktional.
Die Fachleute untersuchten die Bohrkerne noch vor Ort und nahmen eine vorläufige Datierung vor.

Aus dem Ross-Schelfeis in der Westantarktis haben Fachleute das längste Klimaarchiv geborgen, das je aus Schichten unterhalb eines Eisschilds gehoben wurde. Die Sedimente aus den insgesamt 228 Meter langen Bohrkernen könnten bis zu 23 Millionen Jahre in die Vergangenheit zurückreichen, wie die internationale Wissenschaftsinitiative SWAIS2C berichtet. Wahrscheinlich stammt ein Teil des hervorgeholten Schlamms, Kieses und Gesteins aus Warmzeiten, als das Gebiet kaum oder gar nicht mit Eis bedeckt war.

Die Forschenden wollen aus den Bohrkernen ermitteln, wie rasch und wie stark die Vergletscherung der Region durch die gegenwärtige globale Erwärmung schmelzen könnte. Daraus ließe sich ableiten, »wie der Westantarktische Eisschild und das Ross-Schelfeis auf eine Erderwärmung über der Zwei-Grad-Marke reagieren dürften«, erklärt Huw Horgan von der Victoria University of Wellington, der ETH Zürich und der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in einer Pressemitteilung.

Bislang war es Forschenden lediglich gelungen, weniger als zehn Meter lange Bohrstücke aus den Sedimentschichten unter einem Eisschild hervorzuholen. Um tiefer bohren zu können, haben die Forschenden von SWAIS2C ein neues Bohrsystem entwickelt. Mit etwa 75 Grad Celsius heißem Wasser öffneten sie zunächst ein 523 Meter tiefes Loch im Eis des Ross-Schelfeises, in das sie anschließend das eigentliche Bohrsystem hinabließen.

Als Standort für die Bohrung hatten sie Crary Ice Rise gewählt, eine Stelle, die circa 700 Kilometer entfernt von den nächsten Versorgungsstationen am Rand des Ross-Schelfeises liegt.

Eisiger Campingplatz | Zwei Monate campierten die Forscherinnen und Forscher in Crary Ice Rise in der Westantarktis, um dort Ablagerungen unter dem Eis hervorzuholen.

Winzige Fossilien von Meeresorganismen, die in den Sedimenten der Bohrkerne steckten, deuten darauf hin, dass die Schichten bis zu 23 Millionen Jahre zurückreichen. »Diese Spanne schließt auch Perioden ein, in denen die globale Durchschnittstemperatur deutlich höher als zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau lag«, sagt der Glaziologe Horgan.

Einige der entdeckten Meeresorganismen hätten zum Leben Licht gebraucht. Die Westantarktis müsse demnach zeitweise ein offenes und eisfreies Meer gewesen sein. Wann genau diese Bedingungen vorherrschten, sollen weitere Forschungen zeigen.

Schwerstarbeit | Das Forschungsteam arbeitete im Schichtbetrieb rund um die Uhr, um 523 Meter Eis zu durchdringen und anschließend 228 Meter Sediment an die Oberfläche zu holen.

Der Westantarktische Eisschild ist besonders kollapsgefährdet. In ihm ist genug Wasser gefangen, um den weltweiten Meeresspiegel um vier bis fünf Meter ansteigen zu lassen – sollte der Eispanzer durch das Eindringen von warmem Meerwasser vollständig abschmelzen.

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