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Halluzinogene Drogen

Forscher vermessen das Hirn auf LSD

LSD, Psilocybin und Co versetzen Menschen in seltsame Bewusstseinszustände. Wie seltsam, dafür gibt es nun ein Maß. Wer halluziniert, dessen Hirnsignale sind besonders "divers".
Verzerrte Wahrnehmung

Egal ob LSD, Psilocybin oder Ketamin: Psychedelische Erfahrungen sind sich oft sehr ähnlich. Wer die bewusstseinserweiternden Drogen nimmt, erlebt beispielsweise, wie die Grenze zwischen dem Selbst und der Welt verschwimmt oder Ausgedachtes besonders lebhaft erfahren wird. Viele Menschen berichten außerdem von dem Gefühl, unter dem Einfluss der Droge in einen "höheren" Bewusstseinszustand eingetreten zu sein.

Aus wissenschaftlicher Sicht lassen sich solche mündlichen Beschreibungen nur schwer fassen. Doch wie Anil Seth von der University of Sussex und Kollegen nun herausfanden, geht der psychedelische Zustand mit tatsächlich messbaren Veränderungen in der Hirnaktivität einher. In ihrer Studie kalkulierten die Forscher dazu einen "Diversitätsindex" der elektrischen Signale des Hirns.

Diesen hatten andere Forschergruppen schon für schlafende Probanden, Patienten im Koma und in anderen Zuständen reduzierter Wachheit ermittelt. Es zeigt sich, dass er als direktes Maß für das taugt, was umgangssprachlich als Bewusstseinsebene bezeichnet wird. Je wacher und bewusster ein Proband ist, desto höher liegt der Wert. Seth und Kollegen konnten nun belegen, wie sich diese Skala auch jenseits des normalen Wachzustands fortsetzen lässt: Ihre Teilnehmer hatten höhere Werte, als jemals zuvor gemessen wurden.

Erweiterung des Bewusstseins(index)

Damit könne man durchaus sagen, diese Probanden seien in einen "höheren" Bewusstseinszustand eingetreten, meint Seth – allerdings nur, was diesen Index angehe. Aus der Kennzahl gehe auch nicht hervor, ob dieser Zustand "besser" oder allgemein wünschenswert sei, meinen die Wissenschaftler. Ein höherer Diversitätsindex bedeutet lediglich, dass die elektrische Aktivität des Gehirns weniger gut vorhersagbar ist beziehungsweise weniger Regelmäßigkeiten und Muster aufweist.

Sie hatten für ihre im Journal "Scientific Reports" erschienene Untersuchung Aufzeichnungen zweitverwertet, die bereits vor einiger Zeit gemacht wurden. Damals hatten zwischen 15 und 20 Probanden entweder LSD, Psilocybin oder halluzinogene Dosen von Ketamin erhalten. Anschließend wurde ihre Hirnaktivität mit Hilfe der Magnetenzephalografie erfasst.

Die Wissenschaftler erforschen die psychoaktiven Substanzen nicht allein aus reiner Neugier. Wie sie in einer Pressemitteilung schreiben, gebe es immer mehr Hinweise darauf, dass diese Wirkstoffe in der Psychotherapie nutzbringend eingesetzt werden können, sofern die Einnahme unter kontrollierten Bedingungen erfolge.

Die Veröffentlichung ihrer aktuellen Studie am 19. April fällt übrigens auf ein glückliches Datum: An diesem Tag im Jahr 1943 unternahm der Entdecker des LSD, Albert Hofmann, den ersten richtigen Selbstversuch mit der von ihm isolierten Substanz. Weil er anschließend mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, feiern LSD-Fans den 19. April jedes Jahr als "Bicycle Day".

16/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2017

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