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Umwelt: Forscherstreit um das Macondo-Methan

Öltropfen mit Mikroben
Der Blowout auf der Bohrplattform Deepwater Horizon war nur der Anfang eines Monate währenden Kohlenwasserstoffausbruchs. Nun ist das Loch gestopft, doch Fragen bleiben, was mit den ausgetretenen Substanzen passiert ist. Einfach von Bakterien aufgefressen, behaupteten Forscher in einer Publikation im Januar [1]. Dem hat jetzt eine Gruppe Meeresforscher heftig widersprochen [2] und einen Streit vom Zaun gebrochen, der uns wohl noch eine Weile beschäftigen wird. Denn der Schauplatz liegt einen Kilometer unter Wasser.

Bei Messfahrten mit dem Forschungsschiff "Pisces" fand ein Team um John Kessler von der Texas A&M University eine ausgedehnte Anomalie am Fuße des Kontinentalhangs südöstlich der Deepwater-Horizon-Quelle, der so genannten Macondo-Bohrung – etwa einen Kilometer unter der Wasseroberfläche fehlte großflächig Sauerstoff. Das führten die Wissenschaftler auf eine hunderte Kilometer lange Kohlenwasserstofffahne zurück, die sich von der havarierten Macondo-Bohrung Richtung Südwesten erstreckte und anhand von Detergenzien und anderen Chemikalien in den Wasserproben zu erkennen war.

Brennende Deepwater Horizon | Am 20. April 2010 brach auf der Deepwater Horizon ein Feuer aus, das letztlich die Ölbohrplattform zerstörte.
Vom Methan allerdings, das etwa 40 Prozent der freigesetzten Kohlenwasserstoffe ausgemacht hatte, war in den betreffenden Schichten nichts mehr zu finden: Eine enorme Blüte methanfressender Bakterien, so schlussfolgerten die Forscher, habe es nach dem Macondo-Ausbruch gegeben. Systematische Untersuchungen bakterieller ribosomaler RNA schienen diesen Befund zu bestätigen: Trotz geringer Methankonzentrationen fanden die Forscher Genmaterial von methanotrophen Mikroben. Nach ihrer Rechnung entsprach der fehlende Sauerstoff ziemlich genau der nötigen Menge, um das Methan der Schadstofffahne zu zersetzen – Schlussfolgerung von Kessler und Kollegen: Das aus der Macondo-Quelle ausgetretene Methan habe die Oberfläche nie erreicht.

Andere Forscher widersprechen dieser Schlussfolgerung nun vehement: Nach Ansicht eines Teams um Samantha Joye von der University of Georgia hält diese optimistische Einschätzung einer Überprüfung nicht stand. Zehn Mal mehr Sauerstoff als von Kessler und Kollegen veranschlagt wäre nötig gewesen, um das ausgetretene Methan zu oxidieren.

Außerdem existierte die großflächige Kohlenwasserstofffahne gar nicht, die Kessler und Kollegen gefunden haben wollten – lokale Sauerstoffanomalien, zum Beispiel durch natürliche Gasquellen, seien für einen Teil der Befunde verantwortlich, und man dürfe sie keinesfalls zu einer großen, einheitlichen Zone verbinden. Dass man dort Corexit gefunden habe, müsse nichts heißen: Diese Chemikalien seien unabhängig von der Ölwolke ausgebracht worden.

Auch an den mikrobiologischen Befunden von Kesslers Gruppe lassen die Kritiker kein gutes Haar: Ja, da seien zwar methanliebende Bakterien aufgetaucht, für eine Bakterienblüte gebe es jedoch keine Beweise. Mehr noch, in den Proben gebe es im Vergleich zur Kontrolle gar keine zusätzlichen Methanfresser – nur solche, die sich von Methanol und anderen verwandten Verbindungen ernähren. Und solche seien mit Detergenzien und während der Rettungsbohrungen genug eingebracht worden. Zusätzlich bemängeln die Forscher, die Gruppe habe andere Messungen versäumt, die die Hypothese hätten belegen können.

Insgesamt 16 Autoren von Meeresforschungsinstituten in aller Welt zählt dieser Widerspruch auf, darunter auch zwei deutsche Institute, und er liest sich wie ein offener Brief, mit dem sich die Meeresforschergemeinschaft gegen die unausgesprochene Schlussfolgerung wehrt, es sei alles nur halb so schlimm gewesen. Denn natürlich steht die Vermutung im Raum, dass für diese optimistische Einschätzung auch der Wunsch Pate gestanden haben, möglichst bald wieder im Golf von Mexiko fördern zu können – ein Teil der Finanzierung stammt von der US-Energiebehörde, die eng mit der Ölindustrie zusammenarbeitet.

Kessler und Kollegen jedenfalls wehren sich in einer Antwort[3], die ebenfalls in Science erschien: Die Kritiker hätten keinerlei Daten erhoben, um die Ursprungshypothese zu widerlegen, und ihre Schätzung des ausgetretenen Methans sei völlig überhöht. Der Sauerstoffbedarf zu seinem Abbau sei auch bei hohen Schätzungen nicht zehn Mal, sondern lediglich ein Drittel höher als veranschlagt. Die Schadstofffahne sei im Übrigen genau dort gewesen, wo sie sie gefunden hätten und habe auch die Sauerstoffanomalien verursacht – schließlich habe man außerhalb des Bereichs keine derartigen Störungen gefunden. Und was genau die gefundenen Mikroben verdauen sei unerheblich, man habe schließlich eine drastische Veränderung der Bakteriengemeinschaft nach dem Macondo-Unglück nachgewiesen.

So ist weiterhin unklar, ob das Methan aus dem Unterwasserunglück tatsächlich schon in der Tiefsee zersetzt wurde oder ob es in die Atmosphäre gelangte. Und so ganz genau wird man das nie erfahren, denn – die Daten fehlen. Wo man schon während der Katastrophe sorgfältig und großflächig hätte beobachten müssen, waren im kritischen Zeitraum nur zwei Forschungsschiffe überhaupt unterwegs.

Wie viel Öl insgesamt austrat, wussten Betreiber und Behörden lange Zeit ebenso zu verschleiern wie die Folgen für die Tierwelt. Erst seit April 2011, als alles schon vorbei war, steht Geld für eine systematische Bestandsaufnahme zur Verfügung. So bleibt ungewiss, wo das Öl blieb und welche Folgen es dort hat. Und gebohrt wird weiter. (lf)

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  • Quellen
[1] Science 331, S. 312, 2011
[2] Science 10.1126/science.1203307, 2011
[3] Science 10.1126/science.1203428, 2011

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