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Science Express: Forschervisionen im Zug

Es gab Busse, es gab Schiffe. Und nun rollt der Zug für die Wissenschaft. In zwölf Waggons zeigt er die aktuelle deutsche Forschungslandschaft – und entwirft eine mögliche Zukunft. Die 15 Millionen Euro teure Ausstellung ist eine lebendige, eine opulente Schau. Aber nichts für Menschen mit Berührungsängsten. Tanja Krämer hat sie für spektrumdirekt in Oldenburg besucht.
© Expedition Zukunft/ ArchiMeDes
Draußen dröhnt ein vorbeifahrender Zug über die Gleise. Drinnen rattern leise die Buchstaben auf einer leuchtend hellen Anzeigetafel. "Werden wir mit unseren Computern sprechen?" ist da zu lesen, und "Was kommt nach dem Öl?" An den Wänden des weiß ausgekleideten Raumes reihen sich bunte Graphen.

Was wirkt wie der Flur eines futuristischen Design-Hotels, ist der erste Waggon des "Science Express", einem 333 Meter langem Ausstellungszug mit dem programmatischen Titel Expedition Zukunft. Er soll zeigen, wie die aktuelle Forschung unser morgiges Leben beeinflussen könnte. Seit dem 24. April rollt er durch Deutschland, in insgesamt 62 Städten wird er für jeweils zwei oder drei Tage seine Türen öffnen.

Besucher an einem Multitouch-Tisch | Zwei Besucher an einem Multitouch-Tisch im Ausstellungszug "Science Express". Die Bedienung funktioniert über Berührung, der Tisch ist von mehreren Menschen gleichzeitig nutzbar.
Die zwölf Themenwagen des Zuges widmen sich globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Ressourcenknappheit, der Medizin oder dem technischen und digitalen Wandel. Sie zeigen, woran die Forschung gerade arbeitet – und wie erste Ansätze möglicherweise weiter entwickelt werden könnten.

Streifzug durch die Forschungslandschaft

Der Waggon "info + kogno" etwa beschäftigt sich mit der Schnittstelle von Hirnforschung, Computer- und Robotertechnik. Ein in Scheiben geschnittenes Glashirn zeigt, welche Areale beim Sehen, Riechen und Fühlen aktiv werden, optische Täuschungen machen die Funktionsweise unseres Denkorgans deutlich. Aber die Ausstellung spinnt die Forschung weiter: Werden wir mit der Verknüpfung von Kognitionswissenschaft und Informatik einst Roboter lebendig machen? Und ab wann ist ein Mensch ein Cyborg?

Besucher im Science Express | Jeder Raum der Ausstellung ist individuell und dem Thema entsprechend gestaltet. Wegen des Besucherandrangs und des geringen Platzes kommt es leicht zu Staus.
"Wir wollen die Phantasie der Besucher anregen und sie mit der Frage konfrontieren, welche Zukunft sie sich wünschen", sagt Hannelore Hämmerle von der Max-Planck-Gesellschaft in München. Sie hat mit einem Projektteam zusammen die Ausstellung konzipiert. 15 Millionen Euro hat die "Expedition Zukunft" gekostet. Zwei Millionen davon spendeten Sponsoren aus Forschung und Wissenschaft, der Rest stammt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Viel Geld in Zeiten von Haushaltslöchern und Kürzungen im Bildungsetat – zumal im Spätsommer auch noch ein Wissenschaftsschiff die Anker lichtet.

Die Liste der Förderer und Beteiligten zumindest ist lang: Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Deutsche Forschungs-Gemeinschaft, Spektrum der Wissenschaft – die Logos auf dem Zug lesen sich wie das Who-is-Who der deutschen Forschungslandschaft. Ebenso vielfältig sind die Themen, die im Wissenschaftszug vertreten sind: Die Suche nach dem Ursprung des Lebens, Biotechnologie, Materialforschung, neuartige und traditionelle Energieressourcen, digitale Vernetzung, urbane Konzepte, Mobilität – es gibt kaum etwas, das in diesem Zug keine Erwähnung findet.

Breite statt Tiefe

"Die Besucher sollen einen möglichst breiten Einblick erhalten", erklärt Hämmerle das Konzept: "Das geht natürlich auf Kosten der Tiefe." So gibt es etwa ein schönes Miniaturmodell einer Brennstoffzelle, wie sie genau funktioniert, ist auf den Informationstafeln aber nicht zu lesen. Doch die Zurückhaltung ist gewollt. "Unser Ziel ist zu zeigen, was man mit Forschung machen kann. Und nicht, haarklein nachzubilden, wie etwas funktioniert", sagt Hämmerle.

Die Ausstellung "Expedition Zukunft" ist aufwändig gestaltet | Hinter diesen futuristisch geschwungenen Wänden verbergen sich Exponate zum Thema: Neue Materialien. Ein Beispiel: Ferromagnetische Fluide. Das sind Öle, denen Nanopartikel aus Eisen, Nickel oder Cobalt beigefügt wurden. Unter dem Einfluss magnetischer Felder verändern sie ihre Form.
Bis zu 15 Exponate versammeln sich in jedem Waggon, viele sind interaktiv und entsprechen dem neuesten Stand der Technik. So kann man den eigenen Hautwiderstand messen lassen, ein virtuelles Molekül mit der bloßen Hand bewegen oder in einem Auto-Simulator Sprit sparendes Fahren üben. Besonderer Anziehungspunkt für jugendliche Besucher sind die Multitouch-Tische, an denen mehrere Menschen gleichzeitig arbeiten können. Mit den Händen klickt oder schiebt man auf dem Bildschirm, der als Tischfläche dient, digitale Objekte. Je nach Aktion bekommt jeder Besucher so individuelle Informationen.

Der Platz ist knapp

Schulklassen erhalten im Science Express eigene Führungen, im letzten Waggon wartet ein Mitmach-Labor auf junge Nachwuchsforscher. Vormittags ist es für Schulklassen reserviert, nachmittags für jedermann offen. Das Interesse ist groß – und die Ausstellung entsprechend beengt. Bislang kamen im Schnitt 1500 Menschen pro Tag, Wartezeiten und kleinere Staus sind auf dem Weg durch die Ausstellung programmiert. "Man muss schon etwas Durchhaltevermögen mitbringen", gibt Hannelore Hämmerle zu. Auch die Lautstärke ist zuweilen hoch, bestärkt noch durch die zahlreichen Audio-Elemente: Aus Lautsprechern klackert, brummt und piepst es, dazu kommen die Geräusche von verschiedenen Exponaten.

bio + nano im Science Express | bio + nano. So nennt sich dieser Waggon in der Ausstellung "Expedition Zukunft". Zu sehen sind Exponate aus Genforschung und Nanotechnologie. Und ein ausgefallenes Design. Fünf Monate dauerte der Umbau ehemaliger Gepäckwaggons in einen Wissenschafts-Zug.
Die Umsetzung der Ausstellung hat übrigens eine Berliner Ausstellungsagentur übernommen: Jeder Waggon ist seinem Thema entsprechend gestaltet. In Wagen fünf, der sich mit der vernetzten Welt beschäftigt, ziehen symbolische Datenströme an den Wänden entlang, der medizinische Themenwaggon glänzt in steril-blauem Licht, das diffus von den plexiglas-verblendeten Exponaten reflektiert. Und beim Thema Nachhaltigkeit sieht man den Waggon vor lauter Bäumen nicht: Birkenstämme fungieren als Litfass-Säulen und schaffen einen Ausgleich zu den technischen, kühlen oder düsteren Räumen, die sich vor und hinter ihnen erstrecken. Wäre der Inhalt der Ausstellung nicht schon spannend, allein für das Ausstellungsdesign lohnte sich ein Besuch.

Die nächsten Stationen der "Expedition Zukunft" sind: 10. bis 12. Mai: Hannover, 14. bis 16. Mai: Aachen, 17. bis 19. Mai: Dortmund. Weitere Haltestellen: Expedition Zukunft, Tourdaten

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