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Interview: Forschung in Zeiten der Krise

Wie wirkt sich die europäische Schuldenkrise auf die Wissenschaft aus? "Spektrum"-Chefredakteur Carsten Könneker sprach darüber mit Helga Nowotny, der Präsidentin des mächtigen Europäischen Forschungsrats. Die Juristin und promovierte Soziologin muss aktuell für gut gefüllte Forschungstöpfe kämpfen: mit der EU-Kommission, dem Europäischen Parlament - und gebeutelten Mitgliedsstaaten.
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Frau Prof. Nowotny, als Präsidentin des Europäischen Forschungsrats ERC sind Sie eine der einflussreichsten Wissenschaftlerinnen Europas. Wie erleben Sie die Auswirkungen der aktuellen Schuldenkrise auf die Wissenschaft?

Der Europäische Forschungsrat genießt das Privileg, über ein für sieben Jahre garantiertes Budget zu verfügen. Momentan betrifft uns die Krise deshalb noch nicht. Fraglich ist jedoch, was ab 2014 geschieht. Die kommenden zwei Jahre sind wirklich essenziell. Dann entscheiden das Europäische Parlament, die Mitgliedsstaaten und die EU-Kommission wieder gemeinsam über das Budget der nächsten sieben Jahre. Und hier sehe ich in der Tat dunkle Wolken am Horizont heraufziehen. Beispielsweise wollen die Nettozahler unter den EU-Ländern deutlich weniger beisteuern. Das richtet sich nicht gegen einen bestimmten Teil des Programms, sondern es kommt einfach weniger in den Topf.

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Helga Nowotny im Gespräch | Die Juristin und promovierte Soziologin Helga Nowotny ist emeritierte Professorin für Wissenschaftsforschung an der Universität Zürich und zählt zu den Gründungsmitgliedern des Europäischen Forschungsrats. Seit 2012 ist sie Präsidentin der Einrichtung.

Geht es also nur um das Geld?

Nein, wir sehen einen deutlichen Konzentrationseffekt bei den ERC-Stipendien. 50 Prozent gehen an 50 Universitäten und Forschungseinrichtungen. Die anderen 50 Prozent sind über 430 Institutionen verteilt. Allerdings sind vor allem die neuen Mitgliedsstaaten deutlich unterrepräsentiert. Das führt, verständlicherweise, zu einer gewissen politischen Unzufriedenheit unter diesen Staaten. Als ich zuletzt Gelegenheit hatte, vor dem Ministerrat der Europäischen Union zu sprechen, versuchte ich den Forschungsministerinnen und -ministern deutlich zu machen: Wenn wir auch nur ein Quäntchen abweichen von der Exzellenz als maßgeblichem Kriterium europäischer Wissenschaftsförderung, dann ist es mit der Exzellenz schnell vorbei.

Wird Ihre Botschaft verstanden?

Im Grunde wird das akzeptiert. Aber es gibt immer wieder Versuche, Forschungspolitik mit Hilfe des ERC zu betreiben, um die Situation in den neuen Mitgliedsländern zu verbessern. Dafür ist der ERC einfach das falsche Instrument. Es müssen zuerst Kapazitäten mit Hilfe der dafür vorgesehenen Strukturfonds aufgebaut werden. Im Übrigen ist Europa darauf angewiesen, dass die Mitgliedsstaaten an einem Strang ziehen. Wir brauchen ein gemeinsames Profil in einer sich globalisierenden Welt.

"Wenn wir auch nur ein Quäntchen abweichen von der Exzellenz als maßgeblichem Kriterium, dann ist es mit der Exzellenz schnell vorbei."

Ist das denn wirklich mehr als nur eine Phrase?

Und ob. Wir müssen uns schon beeilen! Ich war vor wenigen Wochen beim Nobelpreisträgertreffen in Lindau; der Präsident von Singapur hat zwei volle Tage dort verbracht. Überhaupt unternimmt sein Land wie viele asiatische Staaten enorme Anstrengungen, um junge, talentierte Europäer anzuziehen. Taiwan holt ebenfalls auf, Korea genauso. Wir sollten in Europa unser Bewusstsein für das schärfen, was der Direktor der amerikanischen National Science Foundation Subra Suresh wie folgt formulierte: "Good science anywhere is good for science everywhere." Über die nationalen Grenzen hinaus zu denken, ist für Europa lebenswichtig. Genau dafür gibt es ja den ERC.

Deutschland ist stolz darauf, dass sogar in Zeiten der Krise die Ausgaben für Forschung zuletzt jährlich gesteigert wurden. Sind wir da im europäischen Vergleich wirklich so einzigartig?

Frankreich hat ja glücklicherweise mit dem Versuch nachgezogen, die Exzellenzinitiative für dortige Verhältnisse zu übernehmen. Dabei ging es in erster Linie darum, bessere Bedingungen für die Universitäten zu schaffen. In Großbritannien hingegen werden einige Bereiche der Grundlagenforschung im Haushalt besonders geschützt und im Bereich der Lebenswissenschaften sogar gestärkt. Dort wird also auch viel unternommen, doch eher selektiv. Die nordischen Länder sind insgesamt gut aufgestellt und betrachten Investitionen in Forschung und Entwicklung als zentrale Anliegen. Aber wir alle kennen natürlich die finanzielle Misere in Spanien, Italien, Griechenland und deren Auswirkungen auf die Wissenschaft. Und so entsteht das europäische Dilemma.

Wo sehen Sie besonders große Defizite im Bildungs- und Forschungsbereich in Europa?

Hier ließen sich viele Dinge nennen. Ich glaube, besonders drängend ist eine Verbesserung der Karrierechancen für Nachwuchswissenschaftler. Es wäre schön, wenn sich hier eine europäische Lösung abzeichnen würde. Mit der Übertragbarkeit seiner Fördermittel gibt der ERC hier ja bereits ein schönes Vorbild ab: Eine junge Wissenschaftlerin mit einem ERC-Stipendium kann den Standort innerhalb Europas wechseln, wenn sie ein besseres Angebot bekommt. Unis sind also mehr denn je gefordert, ihren Spitzenwissenschaftlern entgegenzukommen.

Befürworten Sie die Idee von Bundesbildungsministerin Annette Schavan, arbeitslose spanische Fachkräfte und junge Akademiker nach Deutschland zu holen?

Ja. Mobilität unter Wissenschaftlern ist Teil des wissenschaftlichen Lebens. Diese jungen Menschen wissen durchaus, was sie tun. Denn das bedeutet keineswegs, dass sie für immer weggehen. Sollten sich die Bedingungen in den Heimatländern verbessern, werden sicher viele zurückkehren. Sie werden dann um wichtige Erfahrungen reicher sein und dazu beitragen, Europa insgesamt besser zu vernetzen.

"Das Ungleichgewicht in Europa bekümmert mich. Wir müssen uns mehr anstrengen, um junge, begabte Wissenschaftler bei uns zu halten."

Hat Wissenschaft in Zeiten großer Umbrüche einen besonderen gesellschaftlichen Auftrag? Wenn ja, wie könnte der in der gegenwärtigen Krise lauten?

Wissenschaft hat einen enormen Vorteil, den die Gesellschaft heute dringend benötigt, nämlich den einer langfristigen Perspektive. Vor allem in der Grundlagenforschung lässt sich in der Regel gar nicht vorhersagen, wann neue Erkenntnisse zum Tragen kommen. Gleichwohl wissen wir, dass es geschehen wird. Es ist diese Zuversicht in eine langfristige Perspektive, die enorm wertvoll ist. Das gilt es zu vermitteln, in einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse brüchig und kurzlebig geworden sind. Diese Zuversicht kann signalisieren, dass es etwas gibt, das einen Wert an sich hat; die Zunahme an Wissen nämlich. Das stellt quasi eine Rückkehr an die Wurzeln der europäischen Aufklärung dar und erinnert uns an die unglaubliche Dynamik, die von Ideen ausströmen kann. Ganz zu schweigen von der Zuversicht, die Zukunft selbst gestalten zu können.

Worin genau besteht die gesellschaftliche Rolle des einzelnen Wissenschaftlers?

Ich kann das nur aus der Perspektive unserer jungen Forscherinnen und Forscher beantworten. Fast jede Woche findet irgendwo eine Konferenz statt, wo die jungen Geförderten des Europäischen Forschungsrats sprechen. Es ist für mich unglaublich befriedigend zu sehen, wie diese jungen Menschen die ganze Leidenschaft, die sie für ihre Forschung empfinden, an die Menschen weitergeben. Das Publikum ist hingerissen, und Exzellenz wirkt ansteckend.

Aber wir mussten in den letzten Jahren auch einiges lernen: Nicht jeder und jede ist geeignet, zu kommunizieren und diese Bringschuld der Wissenschaft zu liefern. Gleichwohl gibt es etliche, die das gut und gern machen. Diese Forscherinnen und Forscher gilt es zu ermuntern, und das wissenschaftliche Anreizsystem sollte diese Leistung endlich würdigen.

Welche Rolle spielen die neuen sozialen Medien?

Dieser Aspekt wird zunehmend wichtiger. Hier hat sich vor allem für die jüngere Generation eine völlig neue Kommunikationsebene erschlossen. Hier existiert bereits die Kommunikation der Zukunft. Die sozialen Medien schaffen eine völlig neue gesellschaftliche Öffnung, verbunden mit enormer Dynamik. Kürzlich ging es beispielsweise in der "Community" darum, eine neue Möglichkeit zur finden, wie sich ein bestimmtes Protein falten lässt. Eine Amateurgemeinschaft, die sich an der Forschung beteiligte, hat am Ende tatsächlich eine Lösung gefunden, die auf konventionelle Weise sehr viel mehr Zeit in Anspruch genommen hätte.

Nächstes Jahr werden Sie Ihr Amt als Präsidentin im Europäischen Forschungsrat niederlegen. Worin sehen Sie die größten Herausforderungen bis dahin?

Das Ungleichgewicht in Europa bekümmert mich. Wir müssen uns mehr anstrengen, um junge, begabte Wissenschaftler bei uns zu halten. Im Hinblick darauf organisieren wir im kommenden Frühjahr eine Konferenz, bei der wir vor allem unsere Stipendiaten aus Osteuropa bitten, jeweils einen jungen Forscher oder eine junge Forscherin aus ihrem eigenen Umfeld mitzubringen. Ziel ist es, mit diesen jungen Menschen in Kontakt zu kommen und ihnen zu signalisieren, dass sie das Profil für eine erfolgreiche eigene Bewerbung beim ERC haben. Wir hoffen natürlich überdies, dass die Geförderten in ihrer jeweiligen Region eine Art Mentorenrolle übernehmen. Eine weitere Aufgabe sehe ich darin, den Europäischen Forschungsrat weltweit bekannter zu machen, nicht zuletzt um die Internationalisierung des Standorts Europas voranzutreiben.

Ihnen liegt auch die Frauenförderung am Herzen. Wie kann es sein, dass in der Runde der "Advanced Grants" für etablierte Wissenschaftler nur 9,4 Prozent der ausgegebenen Mittel Frauen zugutekommen und diese Quote früher sogar höher war?

Da sind wir einfach an die europäische Durchschnittszahl von ordentlichen Professorinnen gebunden. Wir können nicht erwarten, dass bei den Anforderungen, die wir an einen erfolgreichen ERC-Antrag stellen, der Anteil von Frauen höher ist als bei den Ordinarien. Bei den "Starting Grantees" sieht es schon wesentlich besser aus. Gleichwohl sind wir uns der dahinterliegenden Probleme bewusst. Wie kann man eine wissenschaftliche Karriere, die unter enormem Zeitdruck steht, mit Familiengründung verbinden? Das ist die Kernfrage, die junge Forscherinnen umtreibt. Wenn sie dann zu mir kommen und fragen, ob sie dennoch ihr Glück in der Wissenschaft versuchen sollen, kann ich ihnen immer nur einen Ratschlag geben: "Sucht euch euren Partner sehr gut aus."

Wenn einmal überall die Frauen 50 Prozent aller Gelder und Lehrstühle hätten – würde Wissenschaft dann anders funktionieren, sich anders "anfühlen"?

Wir brauchen verschiedene Zugänge, wie man Probleme angeht. Wenn es mehr Frauen gäbe, wäre die Verschiedenheit der Herangehensweisen und Methoden wesentlich selbstverständlicher. Das wiederum wäre eine Bereicherung im Denken. Es gibt diese Unterschiede, und die Wissenschaft lebt davon, dass hier mit neuen, kreativen Ansätzen weitergemacht wird.

Mitarbeit: Kirsten Baumbusch

33. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 33. KW 2012

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