Fossilien: Was fraß einer der größten, flugfähigen Vögel der Erde?

Mit einer Flügelspannweite von etwa 6,4 Metern lässt der Urzeitvogel Pelagornis heutige Riesen der Lüfte wie den Königsalbatros oder den Andenkondor wie Kleinvögel aussehen – beide bringen es auf maximal die halbe Flügellänge. Die ausgestorbene Art gehört zu den größten, flugfähigen Vögeln der Erde, die bislang bekannt sind. Doch wovon ernährten sich diese Vögel, während sie zur Zeit des Oligozäns vor rund 25 Millionen Jahren den Luftraum beherrschten? Lange hatte man angenommen, dass sie mit ihren Schnäbeln die Oberfläche der Meere durchkreuzten, um Fische zu fangen. Doch dieser These widersprechen Olivia Hellyer-Price von der Universität Paris Sciences et Lettres und ihr Team: Allein durch Abschöpfen von Fischen hätte der Riese seinen Energiebedarf nicht decken können.
Diese Art der Jagd praktizieren heute beispielsweise die Scherenschnäbel (Rynchops), die mit offenem Schnabel die Wasseroberfläche durchpflügen. Dabei halten sie aber nur die Spitze des Unterschnabels ins Wasser; kommt es zufällig zu einer Berührung mit potenzieller Beute, klappen sie schnell den Schnabel zu und verschlucken den Fisch oder Kopffüßer. Die Pseudozähne, mit denen der Schnabel von Pelagornis ausgestattet war, könnten den Vögeln dabei helfen, die Beute sicher und fest zu packen. Zudem deuteten anatomische Anpassungen der Kieferknochen und der Wirbelsäule ebenfalls auf diese Art der Jagd hin: Die Vögel bräuchten dazu kräftige Muskeln am Kopf und den Flügeln, um den auf den Schnabel wirkenden Widerstand des Wassers zu überwinden.
Genau diese bremsenden Kräfte sprechen nach Untersuchungen der Schnäbel von Pelagornis chilensis und Pelagornis sandersi durch Hellyer-Price und Co. gegen diese Fischfangmethode: Scherenschnäbel tauchen rund ein Fünftel ihres Unterschnabels ins Wasser ein. Bei gleichem Anteil des Schnabels wäre Pelagornis einem neunfach erhöhten Strömungswiderstand ausgesetzt gewesen. Das wäre jedoch so kraftraubend gewesen, dass es den Energieaufwand des Vogels über das theoretisch mögliche Maximum hinausgetrieben hätte, das er überhaupt im Flug leisten konnte. Selbst wenn er nur fünf Prozent des Schnabels ins Wasser gehalten hätte, wäre diese Jagdtechnik zu anstrengend gewesen, so die Kalkulation. Fregattvögel sammeln auf diese Weise Nahrung vom Wasser auf; sie jagen aber auch anderen Seevögeln die Nahrung ab und schnappen sie im Flug auf.
Letzteres wäre ein mögliches Szenario für Pelagornis: Er hätte entweder diese Art des Kleptoparasitismus praktiziert oder er handelte ähnlich wie heutige Raubmöwen und fraß Eier, Küken und tote Tiere. Oder er jagte kleinere Vögel in der Luft und verschlang diese. Gesichert ist nur, dass die Riesen am Meer lebten: Alle Fossilien stammen bislang von alten Küstenlinien.
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