Schiefergas aus Deutschland: Heimisches Fracking löst die Energiekrise nicht

Eigentlich sollte die Debatte um Fracking in Deutschland seit 2016 beendet sein. Damals entschied sich die Mehrheit des Deutschen Bundestags gegen die Technologie – zu hoch schien das Risiko, dass dadurch Erdbeben ausgelöst und das Trinkwasser kontaminiert werden könnte, zu gering war die gesellschaftliche Akzeptanz. Doch seither flammt die Debatte immer wieder auf; immer dann, wenn die Versorgung Deutschlands mit fossilen Rohstoffen infrage steht. Das war 2022 der Fall, nachdem Russland die Ukraine überfiel und den Gashahn für Lieferungen nach Deutschland zudrehte. Mehr als die Hälfte der Gasimporte nach Deutschland brach damals abrupt weg. Und nun, im Zusammenhang mit dem Krieg um den Iran und der Blockade der Straße von Hormus, keimt das Thema erneut auf. Berater von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche schlagen vor, noch einmal zu prüfen, ob man Erdgas nicht doch aus deutschem Schiefergestein gewinnen solle, um sich ein Stück weit von der Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu lösen.
Der Griff nach den heimischen Gasreserven klingt zunächst verständlich. Zwischen 320 und 2030 Milliarden Kubikmeter Gas liegen nach Schätzung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) im dichten Gestein unter Deutschlands Äckern, Städten und Naturschutzgebieten. Tatsächlich fördern könnte man aber nur etwa fünf bis zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr, was immerhin sechs bis zwölf Prozent des momentanen jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland entspricht. Um das zu schaffen, müsste man an bis zu 60 Orten insgesamt an die 800-mal einen Kilometer tief in den Boden bohren. Das größte Vorkommen an Schiefergas befindet sich dabei in der Grenzregion von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Weitere kleinere Vorkommen gibt es unter anderem im Oberrheingraben oder auf Rügen.
Beim Fracking wird Wasser unter hohem Druck in dichte Gesteinsschichten – typischerweise Schiefer – gepumpt, die weit unterhalb der Bodenschichten liegen, aus denen Trinkwasser gewonnen wird. Dadurch entstehen Risse im Gestein, die durch spezielle Chemikalien, die dem Wasser beigemischt sind, offengehalten werden. Durch diese Risse strömt das Gas dann ins Bohrloch und weiter an die Oberfläche.
Erdbebengefahr gering, aber was geschieht mit kontaminiertem Wasser?
Die Risiken für Mensch und Natur, die mit der Technik zusammenhängen, gelten in Expertenkreisen als weitgehend beherrschbar – wenngleich sie nicht vollständig vermeidbar sind. Jochen Linßen vom Forschungszentrum Jülich mahnt, dass die umweltseitigen Auswirkungen von Fracking derzeit nicht absehbar und wenig bekannt seien und das Verfahren daher durchaus als risikoreich einzuschätzen ist.
Eine häufig geäußerte Sorge ist die Erdbebengefahr. Das Aufspalten des tiefen Untergrunds erzeugt kleine Erdbeben, die nach Darstellung der BGR bis auf seltene Ausnahmen nicht wahrnehmbar und kaum messbar sind. Kniffliger ist dagegen der Umgang mit dem Fluid, das beim Fracking in den Boden gepumpt wird und das neben den zugesetzten Chemikalien auch wassergefährdende Stoffe aus dem tiefen Untergrund nach oben befördert. Im besten Fall sollte dieses belastete Wasser recycelt und wiederverwendet werden. In den Förderstätten in den USA behilft man sich aus Kostengründen aber damit, es wieder in die alten Bohrlöcher zurückzupressen. Kontaminierungen von oberflächennahen Gewässern durch die Fracking-Flüssigkeit sind bis heute nicht bekannt. Ob der Kontakt mit dem Mittel gesundheitsschädlich ist, wurde bislang nicht abschließend geklärt.
»Fracking ist keine kurzfristige Lösung«Manfred Fischedick, Energie- und Klimawissenschaftler
Kaum wegzudiskutieren ist dagegen der hohe Wasserverbrauch des Verfahrens. Jede Bohrung verschlingt das Äquivalent von acht olympischen Schwimmbecken an Wasser. Zudem geraten bis zu vier Prozent des geförderten Gases bei der späteren Verarbeitung in die Atmosphäre. Der Hauptbestandteil von Erdgas, Methan, ist ein starkes Treibhausgas.
Fracking in Deutschland kaum lohnenswert
Die Risikoabwägung liefert allerdings nur eine Teilantwort auf die Frage, ob Deutschland künftig vielleicht doch Fracking-Erdgas fördern sollte. Offen ist nämlich auch, ob Fracking kurzfristig die Versorgungssicherheit in Deutschland erhöhen kann. Und ob es sich lohnt, in Deutschland eine Fracking-Industrie aufzubauen, die bis 2045 angesichts der deutschen Klimaziele ihre Arbeit wieder einstellen muss. Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie ist sich mit Blick auf die aktuell hohen Erdgaspreise und die unterbrochenen Lieferketten sicher: »Fracking ist keine kurzfristige Lösung.« Und das gleiche gelte auch auf lange Sicht, so der Energie- und Klimaforscher, »solange man an den aktuellen Klimaschutzzielen der Bundesregierung festhält«.
Zweifellos würde heimisches Erdgas die Abhängigkeit von Importen mildern. Der Einstieg in die Technologie stünde aber vor drei Hürden: dem engen Zeitrahmen, dem sinkenden Gasbedarf und der betriebswirtschaftlichen Rentabilität. Bis das erste Projekt startet, müsste der Bundestag zunächst das bestehende Frackingverbot aufheben, was angesichts der gesellschaftlichen und politischen Debatte um das Thema kaum kurzfristig gelingen dürfte. Anschließend würde es nach Einschätzung aus der Energiewirtschaft mindestens fünf, möglicherweise aber auch neun Jahre dauern, bis in geplanten Fracking-Projekten erstmals Erdgas gefördert würde. Das wäre möglicherweise also Mitte der 2030er-Jahre der Fall, und damit etwa zehn Jahre vor dem vollständigen Ausstieg aus den fossilen Energien – in einer Zeit, in der der Gasbedarf in Deutschland und weltweit angesichts der Klimaschutzziele sinken soll. Der Zeitraum zur Umsetzung solcher Projekte ließe sich auf drei bis vier Jahre verkürzen, wenn auf Umweltverträglichkeitsprüfungen oder Öffentlichkeitsbeteiligung verzichtet würde – ähnlich wie es beim Bau der LNG-Terminals der Fall war.
»Hohe, langfristige Investitionen in neue Exploration und Förderstätten sind nicht zu erwarten«Experte für Gas- und Wasserstoffinfrastrukturen
Ob sich Fracking in Deutschland unter diesen Voraussetzungen betriebswirtschaftlich rechnet, ist zweifelhaft. Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln schätzt die Förderkosten von Fracking in Deutschland auf 26 bis 43 Euro pro Megawattstunde. Im Vergleich zu importiertem LNG wäre es nach Einschätzung der Forschenden aber nur wettbewerbsfähig, wenn sich die tatsächlichen Förderkosten am unteren Ende dieses Schätzbereichs bewegten. Das dürfte schwer zu schaffen sein für eine Industrie, die die hohen Erschließungskosten für neue Bohrprojekte typischerweise über lange Betriebszeiten ihrer Anlagen von 20 oder 30 Jahren auffängt.
Jochen Linßen vom Forschungszentrum Jülich glaubt daher nicht an eine Fracking-Zukunft in Deutschland. Er verweist auch auf die hohen Investitionen für die neuen LNG-Terminals, die die Versorgung sicherstellen sollen. »In solch einer Marktsituation sind hohe, langfristige energiewirtschaftliche Investitionen in neue Exploration und Förderstätten nicht zu erwarten.«
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