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Darwins Ideen als Waffe: Fünf »Manosphere«-Mythen im Faktencheck

In antifeministischen Online-Foren wird gern die Evolutionstheorie bemüht, um reaktionäre Geschlechterrollen zu legitimieren. Welche Thesen dort kursieren – und was die Forschung dazu sagt.
Eine Person mit Glatze und Vollbart spricht in mehrere Mikrofone von verschiedenen Nachrichtensendern, darunter "NEWS 24" und "PRO-TV". Um die Person herum stehen mehrere Reporter, die aufmerksam zuhören und die Szene mit Smartphones aufnehmen. Die Umgebung ist dunkel, was auf eine nächtliche Aufnahme hindeutet.
Andrew Tate, eine zentrale Figur der »Manosphere«, wirbt unter anderem für Gewalt in der Beziehung, um Frauen zu kontrollieren.

Frauen sind hinterlistig, Männer sollten das Sagen haben – solche Aussagen gehören zum Standardrepertoire der sogenannten »Manosphere«, einer antifeministischen Online-Community. Ihre Mitglieder berufen sich dabei häufig auf evolutionäre Argumente. Diese hat eine im Fachblatt »Evolutionary Human Sciences« erschienene Studie genauer beleuchtet.

Ein Forschungsteam um Louis Bachaud von der Universität Lille untersuchte, wie Anhänger frauenfeindlicher Subkulturen Argumente einsetzen, die scheinbar auf der Evolutionstheorie fußen. Grundlage war ein umfangreicher Korpus aus einschlägigen Foren, Reddit-Beiträgen, Blogs, Büchern und Videos, insgesamt rund 9000 Seiten Material aus drei Jahrzehnten.

Daraus destillierten die Forschenden 102 sogenannte »Just-so-Storys« – spekulative evolutionäre Erklärungen menschlichen Verhaltens, für die es keine bekannten empirischen Belege gibt. Viele dieser Erzählungen ähneln sich in ihren Kernthesen. Hier sind die wichtigsten fünf:

  1. Frauen provozieren Männer, um sie zu prüfen.

    In der Manosphere gilt es als evolutionäre Tatsache, dass Frauen Männer absichtlich testen – durch Kritik, Zurückweisung oder scheinbar grundlose Provokationen. Wer sich davon nicht beeindrucken lässt, dominant reagiert und durchgreift, habe »gute Gene« und damit hohe Chancen auf Sex.

    Die Behauptung ist jedoch laut den Forschern weder klar definiert noch empirisch überprüft. Sie erkläre im Nachhinein jedes weibliche Verhalten als »Test« und sei damit nicht falsifizierbar. Die wissenschaftlich kaum haltbare Behauptung hat wahrscheinlich einen ganz bestimmten Zweck: Kritik oder Desinteresse am Mann werden mit ihr nicht als autonome Entscheidungen der Frau verstanden, sondern als Teil eines verdeckten Prüfverfahrens. Damit wird der Verschmähte entlastet.

  2. Frauen meinen nicht, was sie sagen.

    Passend dazu lautet ein häufiges Narrativ, Frauen kommunizierten indirekt oder sogar bewusst widersprüchlich. Im Lauf der Evolution hätten sie gelernt, ihre wahren Absichten zu verschleiern, um sich nicht frühzeitig festzulegen und die Investitionsbereitschaft des Mannes auszuloten. Ambivalenz oder Desinteresse gelten somit nicht als authentisch oder situationsbedingt, sondern als unecht und biologisch programmiert.

    Auch diese unbelegte Idee erfüllt in der Manosphere mehrere Funktionen. Sie entwertet Äußerungen von Frauen und stellt ihren Informationsgehalt in Frage. Ein »Nein« wird im Zweifelsfall nicht mehr als »Nein« verstanden, sondern als verschlüsseltes Signal, das genauso gut das Gegenteil heißen kann. Damit wird sprachliche Selbstbestimmung systematisch unterlaufen.

  3. Frauen sind von Natur aus weniger rational.

    Vertreter der Manosphere attestieren Frauen Defizite in Logik und Abstraktionsfähigkeit – mit Verweis auf unterschiedliche Rollen der Geschlechter in der Steinzeit.

    Warum das nicht trägt: Die Aussagen sind selektiv und stehen im Widerspruch zu umfangreicher Forschung zu kognitiven Geschlechterunterschieden. So ist es zwar richtig, dass es statistisch gesehen etwas mehr hochintelligente Männer gibt. Verschwiegen wird jedoch, dass ebenso mehr Männer mit einem sehr niedrigen IQ existieren. Männer finden sich also verstärkt an den Enden der Verteilung. Der Effekt ist aber klein und sagt nichts über die durchschnittliche Intelligenz aus. Im Schnitt liegen Frauen und Männer etwa gleichauf, was die Denkfähigkeit angeht.

  4. Männliche Angst vor Zurückweisung ist ein Steinzeit-Überbleibsel.

    Die Manosphere sieht männliche Dating-Angst als evolutionäres Relikt. Sie begründet die angeblich speziell männliche Furcht vor romantischer Zurückweisung mit einer stark vereinfachten Vorstellung früherer Geschlechterrollen. Männer hätten demnach historisch aktiv um Partnerinnen konkurrieren und dabei erhebliche Risiken tragen müssen – vom Verlust von Status bis hin zu existenziellen Gefahren wie dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. Frauen hingegen werden als passiv dargestellt. Sie hätten meist genügend Auswahl an potenziellen Partnern und damit automatisch hohe Fortpflanzungschancen gehabt.

    Dass auch Frauen in frühen Gesellschaften massiv auf soziale Einbindung angewiesen waren und ebenfalls Risiken trugen, wird dabei vergessen, so die Autoren der Studie. Die Erzählung dient womöglich zur Selbstentlastung frustrierter Männer und verschafft ihnen eine kollektive männliche Identität: Wir leiden alle unter dem gleichen archaischen Mechanismus.

  5. Dominanz lohnt sich für Männer.

    Männer sollten sich dominant, distanziert oder grenzüberschreitend geben, weil genau dieses Verhalten schon immer evolutionär erfolgreich gewesen sei, so die Mitglieder der Manosphere.

    Diese Behauptung ist in der Wissenschaft nach heutigem Stand jedoch nicht allgemein anerkannt. Hinzu kommt: Auch ein evolutionär verankertes Verhalten ist nicht automatisch auch heutzutage noch zweckmäßig, geschweige denn wünschenswert und angemessen. Die Evolutionstheorie zeigt auf, wie etwas entstanden sein könnte – nicht, wie Menschen sich heute verhalten sollten.

Aus vielen dieser Aussagen leiten die Manosphere-Anhänger allerdings Regeln ab, etwa Frauen nicht ernst zu nehmen oder eigenen Impulsen im Umgang mit dem anderen Geschlecht unhinterfragt zu folgen. Das zentrale Problem, so das Fazit der Studie: Die Behauptungen wirken wissenschaftlich, sind jedoch Laientheorien. Für Außenstehende sei kaum erkennbar, wo Erkenntnis ende und Ideologie beginne. Die Autorinnen und Autoren plädieren daher für mehr Aufklärung darüber, wie evolutionäre Hypothesen tatsächlich entstehen und überprüft werden – und für eine klarere Abgrenzung gegenüber wohlklingenden, aber unbelegten Geschichten, die nur einem Zweck dienen: das eigene Weltbild zu stützen.

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  • Quellen
Bachaud, L. et al., Evolutionary human sciences 10.1017/ehs.2025.10020, 2025

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