Franz Anton Mesmer: Der menschliche Magnet

»Eines Abends«, schreibt das »Journal de Paris« in seiner Ausgabe vom 13. Februar 1784, »begab sich Monsieur Mesmer mit sechs weiteren Personen in den Garten des Prinzen von Soubise und behandelte dort einen Baum.« Die Folge der »Behandlung«: Zwei junge Begleiterinnen fielen spontan in Ohnmacht, ein Mann rettete sich vor einem Schwächeanfall auf eine Parkbank. Am schlimmsten aber erging es der Herzogin von Chaulnes: »Mme la Duchesse hingegen blieb an dem Baume hängen, ohne sich lösen zu können.«
Dergestalt waren die Auswirkungen, die der »Tierische Magnetismus« hervorzurufen vermochte, zumindest in Gegenwart des gerade in Paris weilenden Deutschen Franz Anton Mesmer. Folgt man dem Zeitungsartikel, versagten in jenen Tagen zahlreichen gestandenen Herren die Knie, und die Damen sanken überwältigt dahin.
Auch im Garten des Prinzen von Soubise half da schließlich nur noch geduldiges Abwarten, bis die Magnetisierung des Baumes abklang. Zwar rief Mesmer seinen Diener herbei, doch selbst dieser erlag der eigenartigen Kraft. »So sehr er auch an dergleichen Szenen gewöhnt war, sah er sich doch außerstande zu handeln« und die fest am Baum klebende Herzogin zu lösen.
Eine echte Kompassnadel hätte der Baum übrigens weniger stark angezogen als Madame la Duchesse – ja, im Grunde hätte der Baum die Nadel gar nicht angezogen. So viel wusste man bereits über die besondere Magnetkraft, die der Deutsche zu kontrollieren vorgab. Sie schien dem natürlichen Ferromagnetismus ähnlich zu sein, aber doch anders. Und mithin: genauso rätselhaft.
Das universelle Prinzip der Sympathie
Der Kompass selbst war zu diesem Zeitpunkt freilich schon lange bekannt, wenn auch nur rudimentär verstanden. Seine Urform wurde um das Jahr 1000 in China erfunden. Bei diesem »nassen Kompass« klebte man einen Stabmagneten auf ein Stück Holz und legte es ins Wasser. Das Holz zeigte dann mit einem Ende nach Norden und mit dem anderen nach Süden. Schon bald danach beschrieb auch der englische Theologe und Naturforscher Alexander Neckam (1157–1217) einen solchen Kompass. Die erste schriftliche Erwähnung einer trocken auf einem Stift gelagerten Magnetnadel findet sich in der »Epistola de magnete« von Petrus Peregrinus de Maricourt aus dem Jahr 1269.
Das Anzeigen der Nordrichtung war dabei nur eine, wenn auch eine sehr wichtige, Verwendungsmöglichkeit des Magneten. Mindestens ebenso bedeutsam war seine Fähigkeit, andere Eisenteile anzuziehen, sogar durch andere Materialien hindurch. Und besonders verblüffend: sein Vermögen, diese Anziehungskraft durch Berührung auf andere Eisenteile zu übertragen.
Im Denken des 18. Jahrhunderts war der Ferromagnetismus kein in sich abgeschlossenes Phänomen, das isoliert betrachtet werden sollte. Vielmehr sah man darin nur eine weitere – wenn auch sehr deutliche – Erscheinungsform eines subtileren, umfassenden Naturprinzips, nämlich der Anziehung oder Abstoßung von Dingen und Lebewesen aller Art. Das konnten Planeten sein, die um die Sonne kreisten, chemische Elemente, aber auch Menschen und Tiere. Alle Beziehungen und Wechselwirkungen in der Schöpfung als Ganzes waren diesem »Sympathieprinzip« unterworfen; sowie seinem Gegenteil, der Abstoßung oder »Antipathie«.
Nach seinen ersten Erfolgen in Wien siedelte Mesmer nach Paris über, wo er rasant zum Liebling der besseren Gesellschaft aufstieg. Kupferstich von Louis Legrand nach einer Ad-vivum-Zeichnung von André Pujos.
Der »Tierische Magnetismus«
Kombiniert man gedanklich den Ferromagnetismus mit dem Sympathieprinzip, kommt man zum »Tierischen Magnetismus«. Eigentlich sollte es richtiger »Menschlicher Magnetismus« heißen, aber der erste Name hat sich als Bezeichnung durchgesetzt.
Postuliert, ausgearbeitet und praktisch angewandt wurde dieser Tierische Magnetismus von ebenjenem deutschen Arzt Franz Anton Mesmer, der zunächst in Wien und später in Paris nicht nur seine Begleiterinnen in Ohnmacht versetzte, sondern Patienten in Scharen zu Behandlungen empfing.
»Nichts ist erstaunlicher als der Anblick der Krämpfe«, die die Teilnehmer bei den Magnetkuren durchliefen, heißt es in einem vom amerikanischen Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin in Paris mitverfassten Gutachten aus dem Jahr 1784, »niemand kann sich davon eine Vorstellung machen, der sie nicht mit eigenen Augen erlebte.«
Franz (manchmal auch Friedrich) Anton Mesmer wurde 1734 in der kleinen Gemeinde Iznang im Kreis Konstanz am Bodensee geboren. Er war das dritte von neun Kindern des Anton Mesmer, eines Försters beim Fürstbischof von Konstanz. Nach der Klosterschule besuchte er die Jesuitenkollegien in Konstanz und Ingolstadt, wo er auch Mathematik, Philosophie, Physik, alte Sprachen und Französisch studierte. 1759 begann er ein Jurastudium in Wien, wechselte aber bald zur Medizin. Sein Lehrer war der Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia, Gerard van Swieten (1700–1772).
Zum Tierischen Magnetismus kam Mesmer über Umwege. Zunächst stand der junge Medizinstudent noch mit beiden Beinen im medizinischen Gedankengebäude seiner Zeit. Er glaubte etwa, dass die Gestirne einen astrologischen Einfluss auf den menschlichen Körper entfalten und dass der Raum zwischen den Planeten von einem subtilen Fluidum erfüllt ist, das als Überträger dieser Kräfte diene. 1766 wurde er für seine Dissertation »De planetarum influxu in corpus humanum« (Über den Einfluss der Planeten auf den menschlichen Körper) zum Doktor der Medizin promoviert.
Es lag für ihn nahe, dass das »Allfluid«, wie er es nannte, und der Magnetismus, der nach damaliger Auffassung die Planeten auf ihren Bahnen hielt, auf eine wie auch immer geartete Weise miteinander verknüpft sein müssten. Folgerichtig müssten auch Magnete auf die menschliche Gesundheit Einfluss nehmen. Ab 1774 behandelte Mesmer seine Patienten mit Eisenmagneten, die er über ihren Körper strich. Da der Wiener Hofastronom Maximilian Hell (1720–1792) allerdings ganz ähnliche Kuren durchführte und Mesmer deshalb des Plagiats beschuldigte, verzichtete er schließlich auf Eisenmagnete und sprach fortan von einem »Tierischen Magnetismus«, der ganz ohne die Hilfe eines echten Magneten nur durch seine Hände auf den Körper der Kranken wirke.
Seine Magnetkraft soll harmonisieren
So wie man vermittels eines Magneten Stahl magnetisieren könne, schrieb Mesmer, »so habe ich auch das Mittel gefunden, in meinem Individuum den Naturmagnetismus zu dem Grad zu verstärken, dass er Erscheinungen, welche denen des Magnets analog sind, hervorzubringen vermag«. Dieser tierische Magnetismus könne »ein unmittelbares Hilfsmittel werden […], die Tätigkeit der Muskelfiber zu verstärken, die davon abhängenden Verrichtungen in Ordnung zu bringen, und auf solche Weise die Harmonie in allen Eingeweiden und Organen wieder herbeizuführen«.
Jeder Mensch ist demnach zwar ein »tierischer Magnet«, allerdings in unterschiedlicher Stärke. Mesmer nahm für sich in Anspruch, diese Magnetkraft in besonderem Maß zu besitzen und sie – analog dem Eisenmagneten – auf andere Individuen übertragen zu können.
Mesmer nutzte für seine Behandlungen große Bottiche mit »magnetisiertem« Inhalt. In langen Sitzungen unter musikalischer Begleitung verfielen die Patienten in eine Art Trance, die sich auf ganz unterschiedliche, aber oft spektakuläre Weise äußerte. Der Schöpfer dieses Gemäldes ist nicht bekannt, gemalt wurde es Ende des 18. Jahrhunderts, womöglich in Paris.
Damit unterschieden sich seine Heilbehandlungen von den üblichen der Zeit, insofern als letztere von jedem entsprechend ausgebildeten Mediziner durchgeführt werden konnten, erstere aber nur von einem dafür mental geeigneten »Magnetiseur«. Dieser musste über starke persönliche Magnetkräfte verfügen, die grundsätzlich nicht erlernbar waren, sondern eine Gabe der Natur darstellten.
Der ideale Magnetiseur war nach Mesmers Ansicht er selbst. Schon seine bloße Anwesenheit rief bei manchen Patienten eine Reaktion hervor, aber die eigentliche Behandlung erfolgte durch die Hände oder durch den Blick sowie durch die Sprache.
Krise am Bottich
Als Kraftverstärker oder -überträger konnten unterschiedliche Materialien wie Wasser, Holz oder Metalle und das Licht des Mondes oder der Sonne dienen. Denn prinzipiell konnte alles »magnetisiert« werden. In der Praxis spielte jedoch das »Baquet« eine zentrale Rolle, ein mit »magnetisiertem« Inhalt gefüllter Eichenzuber, in den Eisenstäbe hineinragten. Diese fassten die um den Zuber sitzenden Patienten direkt an oder hielten daran befestigte Drähte an ihre schmerzenden Körperteile. Die gemeinschaftlichen, vom Spiel einer Glasharmonika oder eines Klaviers begleiteten Sitzungen konnten Stunden dauern.
Währenddessen schritt Mesmer um den Bottich und berührte die Menschen, die daraufhin in jene Konvulsionen verfielen, die auch die Mitglieder der Franklin-Kommission so ungemein beeindruckt hatten: Sie sahen »jähe und unwillkürliche Bewegungen aller Glieder oder des ganzen Körpers, Zusammenziehung der Kehle, plötzliche Empfindungen im Bauchraum und der Magengegend, wildes Augenrollen, Geschrei, Tränen, Schluchzen und unmäßiges Lachen. Ihnen geht ein Zustand von Mattigkeit und Träumerei voraus, oder er folgt ihnen nach, verbunden mit einer Art von Niedergeschlagenheit und selbst Schläfrigkeit. Das geringste unvermutete Geräusch lässt sie zusammenfahren.« Und nahm das vorgetragene Musikstück an Fahrt auf, dann reagierten auch die Patienten mit umso heftigeren Anfällen.
Diese Anfälle wurden von Mesmer und seinen Anhängern als heilende Krisen gedeutet. Und tatsächlich zeigten viele Behandelte danach eine Verbesserung der Symptome ihres Leidens.
Auch in Mesmers Leben beginnt es zu kriseln
Während sich Mesmers Magnetkuren in gewissen, vor allem den besseren, Kreisen der Gesellschaft wachsender Beliebtheit erfreuten, wuchs aufseiten der etablierten Medizin die Skepsis. Insbesondere als Mesmer ein eigenes Hospital in Wien gründete und damit sehr erfolgreich war.
Um der Kritik zu begegnen, nahm sich Mesmer vor, die Wirksamkeit seiner Behandlungen vor Fachpublikum zu demonstrieren – etwa vor dem berühmten holländischen Arzt Jan Ingenhousz (1730–1799), der als Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia in Wien tätig war.
Mesmer zog dafür seine Patientin Franziska Österlin heran. Sie könne Eisenmagnete körperlich fühlen und versteckte Magnete aufspüren, erklärte Mesmer. Und tatsächlich: Als er seine Patientin vor den Augen Ingenhousz’ nach Magneten suchen ließ, entdeckte sie alle Stücke, die Mesmer zuvor im Raum verborgen hatte. Was er nicht wusste: Auch der Niederländer hatte zuvor im Raum etliche Magnete verteilt – die allesamt unentdeckt blieben. Ingenhousz bezeichnete ihn daraufhin öffentlich als Scharlatan.
Als auch Mesmers Versuche, die erblindete Pianistin und Komponistin Maria Theresia Paradis (1759–1824) zu kurieren, scheiterten, berief die Kaiserin 1777 eine Expertenkommission, die zum Ergebnis kam, dass Mesmers Heilmethode unwirksam sei.
Seit seinen ersten Gehversuchen mit magnetischen Kuren waren nur gut drei Jahre vergangen. Drei Jahre, in denen er sich wiederholt von der Wirkung seiner Fähigkeiten überzeugen konnte. Menschen waren auf einen bloßen Fingerzeig von ihm hin zusammengebrochen, übermannt von der auf sie gelenkten magnetischen Kraft. Zudem hatten viele Patienten in den Tagen und Wochen nach seiner Behandlung eine erstaunliche Besserung gezeigt. Insofern sah er sich selbst keineswegs als Quacksalber oder Betrüger. Im Gegenteil.
Frustriert kehrte Mesmer Wien den Rücken und siedelte nach Paris über, wo er eine deutlich wohlgesonnenere Aufnahme erwartete. Er wurde nicht enttäuscht: Bald schon schien ganz Paris dem Magnetiseur verfallen zu sein.
Die Pariser Oberschicht saugt Mesmer auf …
Mesmer strebte zügig dem Höhepunkt seiner Laufbahn zu. Bald nahm er Schüler auf, um nicht durch den Patientenandrang überwältigt zu werden. Er publizierte wissenschaftliche Ausarbeitungen, zog angesehene Gelehrte auf seine Seite. Einige Anhänger gründeten die »Société de l’Harmonie Universelle«, die großen Zulauf erhielt und Züge einer Sekte annahm. Marie-Antoinette, die Gemahlin des Königs, ließ sich von ihm behandeln. »Der Tierische Magnetismus ist zur Mode geworden, zu einer Sache des guten Tons, zur Lieblingsbeschäftigung der feineren Gesellschaft, die ihm mit äußerstem Wohlwollen begegnet«, fasste es Michel-Augustin Thouret (1749–1810) zusammen, der in der Folge zu einem von Mesmers schärfsten Kritikern werden sollte.
Nach dem ablehnenden Urteil der Pariser Kommission verlor Mesmer rasch an Rückhalt, Karikaturisten hatten leichtes Spiel. So kritisch wie diese Patientin hatten allerdings zuvor nur wenige den Arzt beäugt.
Denn auch in Paris wuchs der Widerstand aus den Kreisen der etablierten Medizin. Im August 1784, sieben Jahre nach der Ankunft des Deutschen in der Stadt an der Seine, beauftragte König Ludwig XVI. jene Kommission, die schließlich unter Leitung von Benjamin Franklin ans Werk gehen sollte. Neben Franklin umfasste das Gremium acht weitere Experten, darunter den Astronomen Jean Baily, den Chemiker Antoine Laurent Lavoisier und den Mediziner Joseph Guillotin – überwiegend medizinische Laien zwar, aber durchweg herausragende Gelehrte. Sie sollten die Methode als solche untersuchen, nicht aber den Erfolg einzelner Behandlungen bewerten. Die Kommissionsmitglieder nahmen Proben des Inhalts des Baquets, wohnten Gruppentherapiesitzungen bei und ließen sich selbst behandeln.
Danach zeigten sie sich durchaus beeindruckt: »Alle [Patienten] unterwerfen sich dem Leiter. Seine Stimme, sein Blick oder ein Signal von ihm reißt sie aus ihrem Schlaf. Man kann nur schwer die Anwesenheit einer höheren Macht leugnen, die die Patienten bewegt und kontrolliert und die dem Leiter innewohnt.«
Dennoch fiel ihr abschließendes Votum vernichtend aus. Diverse Experimente, etwa an einem »magnetisierten« Aprikosenbaum in Franklins Garten, hatten das immer gleiche Ergebnis erbracht: Wussten die Versuchsteilnehmer nicht, ob sie gerade behandelt wurden, zeigten sie auch keine Reaktion. Mesmers Theorie des Tierischen Magnetismus »entbehre jeder Grundlage«, und das Hervorrufen wiederholter »Krisen« sei zweifellos schädlich für den menschlichen Organismus. Es sei außerdem unmöglich, die Existenz eines »Fluidums« zu beweisen, das weder Farbe noch Geruch noch Geschmack habe.
… bis sie ihn wieder abstößt
Pikanterweise verließ das Gremium mit solchen Aussagen zwar gleich wieder den Pfad der Wissenschaftlichkeit, den zu beschreiten es für sich in Anspruch genommen hatte – auch ein Ferromagnet erzeugt ja ein »Fluidum«, das weder Farbe noch Geruch hat, aber sehr wohl nachweisbar ist; und wie gefährlich die Krampfanfälle waren, hatten die Kommissäre gar nicht untersucht. Aber gleichviel: Nach dem Verdikt verlor Mesmer so gut wie jeden Rückhalt in der Öffentlichkeit. In satirischen Zeichnungen machte man sich nun über ihn lustig.
Der Stern des 50-Jährigen sank. Schließlich verließ er Paris und zog sich an den Bodensee zurück. An die Popularität seiner Jahre in der Pariser Hauptstadt konnte er nie wieder anknüpfen, auch wenn es nach wie vor zahlreiche Anhänger gab, die – wie er selbst – unbeirrt an der Idee des Tierischen Magnetismus festhielten. 1815 starb er in Meersburg am Bodensee.
Der Mesmerismus überlebte ihn nicht lange. Die Methode war viel zu sehr an sein persönliches Charisma gebunden, um von anderen weitergetragen werden zu können. Mesmer wirkte nicht als Arzt, er war ein Heiler. Damit steht er in einer Tradition, die ihre Wurzeln im Schamanismus hat. Bei jenen Patienten, die an seine scheinbar magischen Kräfte glaubten, konnte er sehr wohl Erfolge erzielen. Das Mesmerisieren wirkte – nur eben nicht über den Placeboeffekt hinaus.
Die Wissenschaft vom Tierischen Magnetismus
Zugleich dachte er durchaus naturwissenschaftlich-modern: Er verstand sein Konzept als Weiterentwicklung eines experimentell gut begründeten Phänomens, nämlich des Ferromagnetismus. Dieser war damals zwar selbst noch nicht wirklich erforscht, aber gerade dieser Umstand kam Mesmer entgegen; ein nicht durchweg verstandener Ferromagnetismus konnte den Tierischen Magnetismus nicht ohne Weiteres ausschließen.
Je besser man den Ferromagnetismus verstand, desto abwegiger wurde im Gegenzug allerdings auch die Vorstellung eines »Tierischen« Magnetismus als physikalischem Phänomen. Bereits die Franklin-Kommission war mit Kompassnadel und Elektroskop den Baquets zu Leibe gerückt und hatte keinerlei objektiv messbare Wirkung gefunden. Hätte Mesmer seinen Tierischen Magnetismus für prinzipiell unbeweisbar erklärt, wie es sein Zeitgenosse Samuel Hahnemann, der Erfinder der Homöopathie, tat, wäre er immun gegen derartige empirische Widerlegungsversuche gewesen. Und es würden vielleicht heute noch »Magnetiseure« ihre Praxen eröffnen.
Denn eines war unbestreitbar: Psychisch sprachen die Patienten unverkennbar stark auf seine Kuren an. Der französische Aristokrat Armand de Chastenet de Puységur (1751–1825) war der Erste, der dem merkwürdigen, »schlafartigen« Zustand der Patienten während der Behandlungen Aufmerksamkeit schenkte. Mesmer tat diesen als irrelevant ab, er schrieb seine Wirkung auf Menschen ja dem »Allfluid« zu.
In Wahrheit war sein Schüler auf der richtigen Fährte. Immer wieder versuchte Puységur, seine Beobachtungen zu diesem Zustand, den er »künstlich erzeugtes Schlafwandeln« nannte, publik zu machen. Beachtet wurde er aber nicht. Der Schweizer Psychoanalytiker Henri Ellenberger (1905–1993) nannte Puységur »einen der großen vergessenen Autoren der Geschichte der psychologischen Wissenschaften«.
Was die Patienten während Mesmers Sitzungen erlebten, würde man heutzutage als eine durch Hypnose und Suggestion induzierte Trance beschreiben. Diese Begriffe prägte allerdings erst der Chirurg James Braid (1795–1860) aus Manchester im Jahr 1843. Braid hatte im November 1841 die Vorführungen eines weiteren Mesmer-Nachfolgers gesehen, die des französischen »Magnetiseurs« Charles Lafontaine (1803–1892), was ihn veranlasste, sich selbst eingehender mit dem Tierischen Magnetismus zu befassen.
Das Phänomen der Trance ist schon viel länger bekannt, auch spielt es etwa beim Schamanismus eine zentrale Rolle. Aber erst durch Mesmer, Puységur und ihre Nachfolger wurde die Hypnose Gegenstand wissenschaftlicher Studien.
Franz Anton Mesmer mag aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sein; eine schmale, aber dauerhafte Spur hat er dennoch hinterlassen: Ein englischer Ausdruck für »hypnotisieren« lautet noch immer »to mesmerize«.
Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.