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Diskriminierung: Frauen bei Behandlung von Herzkrankheiten benachteiligt

Frauen mit Symptomen einer Herzerkrankung werden weniger gründlich untersucht und weniger wirksam behandelt als Männer. Dies ergab die europaweite Studie "Euro Heart Survey of Acute Coronary Syndromes II" (ACS II) unter der Leitung von Solomon Behar, in der die Behandlung von Patienten mit verschiedenen Herzkrankheiten verglichen wurde.

So ordneten beispielsweise Ärzte bei Frauen mit der Diagnose Angina Pectoris um zwanzig Prozent seltener einen Belastungstest an als bei Männern. Bestätigte dieser Test den Verdacht, mussten sich die Frauen mit einer vierzig Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit anschließend einer Angiografie unterziehen, um das Ausmaß der Verstopfung der Koronararterien zu ermitteln.

Viele Ärzte begründeten ihr Verhalten damit, dass bei Frauen Brustschmerzen seltener auf eine Verengung der Koronararterien zurückzuführen seien. Tatsächlich litten 87 Prozent der untersuchten Männer an einer solchen Verengung im Gegensatz zu 63 Prozent der Frauen. Doch selbst wenn die Ärzte die Krankheit diagnostiziert hatten, wurden Frauen weniger wirksam behandelt: Die Ärzte ordneten ein Drittel weniger Bypass- oder Angioplastie-Operationen an, um die Verstopfung zu umgehen oder zu beseitigen, und die Frauen bekamen seltener Medikamente wie Aspirin oder cholesterinsenkende Mittel, welche die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen. So starben in Folge der Erkrankung im Jahr nach der ersten Untersuchung doppelt so viele Frauen wie Männer.

Generell sind viele Ärzte weiterhin davon überzeugt, nur ein geringer Anteil von Herzpatienten seien Frauen. Tatsächlich sterben jedoch 55 Prozent aller Frauen an kardiovaskulären Herzerkrankungen im Gegensatz zu 47 Prozent der Männer. Verschiedene Studien ergaben, dass gerade Angina pectoris geringfügig häufiger bei Frauen auftritt.

Das Argument, Herzkrankheiten würden deswegen zu selten bei Frauen diagnostiziert, da diese untypische Symptome der Erkrankungen aufweisen, lassen die Wissenschaftler nicht gelten: Die als typisch geltenden Symptome wurden durch Studien an Männern ermittelt und gelten daher vor allem für diese Gruppe. Frauen zeigen keine ungewöhnlichen, sondern frauentypische – und damit weniger gut erforschte – Symptome.

Vergleichbare Ergebnisse erhielten die Forscher auch für andere Erkrankungen: Bei Herzinsuffizienz und einer Erkrankung der Koronararterien ordneten die Ärzte ebenfalls für weibliche Patienten seltener nötige Untersuchungen an; bei der medikamentösen Behandlung von Herzinfarkt und linksventrikulärer systolischer Dysfunktion wurden sie ebenfalls benachteiligt.

Trotz aller Kritik sehen die Wissenschaftler eine Verbesserung im Vergleich zu der ACS-I-Studie im Jahr 2000. In manchen Gebieten sei die Benachteiligung von Frauen zurückgegangen. So verordneten Ärzte Trombolysemittel und Angioplastie heute nach einem Schlaganfall in gleichem Ausmaß bei Frauen und Männern. Trotzdem sei es noch ein langer Weg, bis die derzeitige Schieflage in der Versorgung beseitigt sein werde.
08.09.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.09.2005

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