Direkt zum Inhalt

News: Frauen speichern anders

Geht es um die erste Verabredung, den ersten Kuss oder den Hochzeitstag, schneiden Frauen meist besser ab, wenn es um das Erinnerungsvermögen geht. Fühlen sie intensiver? Oder speichern sie einfach besser?
Bild
Der Anblick ist schaurig: ein verstümmelter Körper in erschreckender Detailgenauigkeit. Frauen lassen sich von solchen Bildern meist mehr aufwühlen als Männer, wie zahlreiche Studien zeigen. Das folgende Dia, ein gewöhnlicher Hydrant, lässt hingegen beide Personengruppen gleichermaßen kalt. Die Aufnahmen stammen aus der International Affective Picture Series, mit der die geschlechtsspezifische Reaktion auf beispielsweise emotional belastende Bilder untersucht werden.

Jene Standardsammlung wählten auch Turhan Canli von der State University of New York und seine Kollegen als Grundlage für ihre Untersuchungen. Nur ging es hierbei nicht um die direkte Reaktion, sondern um das Erinnerungsvermögen ihrer Versuchspersonen. Allerdings verrieten sie ihren Probanden vorher nicht, dass sie drei Wochen nach der Diashow plötzlich ein Gedächtnistest erwarten würde, bei dem die Forscher die Gehirnaktivität mit funktioneller Kernresonanzspektroskopie überwachten.

Denn die Forscher wollten überprüfen, worauf das häufig beschriebene bessere Erinnerungsvermögen von Frauen für emotional aufwühlende Ereignisse beruht. Erfahren sie diese Momente intensiver und verankern sie darum stärker im Gedächtnis? Dann müssten die beteiligten Gehirnregionen übereinstimmen, und nur die Gehirnaktivität wäre bei den Frauen stärker als bei den Männern. Oder verwenden sie andere Speicherungsstrategien, die sich als Unterschiede in den verwendeten Hirnarealen ausdrücken? Um diese Frage zu klären, durften die Teilnehmer natürlich nicht ahnen, dass es eigentlich um ihr Erinnerungsvermögen ging – sonst wäre der Speicherprozess womöglich beeinflusst worden.

Als die Forscher nach drei Wochen den zwölf Männern und zwölf Frauen die Bilder noch einmal präsentierten, gemischt mit neuen Varianten, erinnerten sich die Frauen erwartungsgemäß deutlich besser an diejenigen Aufnahmen, die sie schon zuvor gesehen hatten – allerdings nur, wenn es sich um aufwühlende Szenen handelte. Im Falle der Hydranten oder anderer neutraler Dias schnitten beide Gruppen gleich gut ab.

Und offenbar benutzten die Frauen andere Speicherstrategien als die Männer. Sie verknüpfen wohl das emotionale Erlebnis enger mit dem Ablegen im Gedächtnis: Als sie sich erinnerten, meldeten sich in ihrem Gehirn neun verschiedene Regionen, die sowohl mit dem Gedächtnis als auch mit dem Verarbeiten von Gefühlen assoziiert sind. Bei den Männern hingegen wurden nur zwei solcher Areale aktiv, sie trennen also das aktuelle Verarbeiten eines Ereignisses deutlich vom längerfristigen Abspeichern. Dieses Bild blieb auch dann bestehen, wenn die Forscher berücksichtigten, dass die Frauen mehr Bilder als stark negativ einstuften als die Männer.

Besonders die Amygdalae, bekannt für ihre Rolle im Verarbeiten von Emotionen, spielten eine wichtige Rolle. Während Frauen allerdings vor allem auf das linke Exemplar zugriffen, wurde bei den Männern vorwiegend das Gegenstück in der rechten Gehirnhälfte aktiv.

Warum dem so ist, darüber können Canli und seine Kollegen bisher nur spekulieren. Vielleicht verwenden Frauen ein sprachgestütztes System, um die Erinnerungen abzuspeichern, oder sie benutzen Mittel, auf die sie bewusst zugreifen können – zum Beispiel in dem sie das Gesehene in ihrem Innern in Worte fassen. In beiden Fällen wäre die linke Amygdala gefordert. Männer hingegen wählen vielleicht eher einen Ansatz, der sich an dem visuellen und räumlichen Eindruck des Gesehenen orientiert – und dafür wäre die rechte Amygdala zuständig.

Wenn es also wieder einmal um "weißt du noch, unser erster Kuss" und den vergessenen Hochzeitstag geht, dann können Männer sich zukünftig auf grundlegende Unterschiede in neuronalen Prozessen berufen, die es ihnen verwehren, gefühlsbetonte Inhalte ebenso gut abzuspeichern wie ihre weiblichen Partner. Wie intensiv sie diese erlebt haben, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Lesermeinung

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte