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News: Freispruch für alte Indianer

Menschliche Entwicklungserfolge gehen allzu oft auf Kosten der Natur. Waren auch schon präkolumbianische Indianervölker derart kurzsichtig?
Amerika war anders damals, vor zehn bis zwölf Jahrtausenden: Zwischen bodenlebenden Urfaultieren, Kamelen und den elefantösen Mastodons schlichen gerade erst seit der Eiszeit die uramerikanischen Indianer der Clovis-Kultur einher. Deren Abstammung ist noch ungeklärt – vielleicht waren ihre Vorfahren ehemalige Asiaten, die zu Fuß über die Beringlandbrücke oder per Schiff über den Pazifik Amerika besiedelten. Vielleicht waren sie auch die kulturellen Kinder von erkundungswilligen alten Europäern.

Fest steht aber, dass sich die amerikanische Umwelt zeitgleich mit der Blüte der ersten Indianerkulturen deutlich wandelte: Viele altertümlich anmutenden Faunen-Exemplare des eiszeitlichen Amerikas starben plötzlich aus und hinterließen nichts als fossile Relikte. Diese zeitliche Korrelation von Artenschwund und ersten kulturellen Indianererfolgen sei kein Zufall, vermuteten einige Wissenschaftler. Trug der zunehmend erfolgreiche Mensch durch überzogene Jagdgier ohne bremsende Fangquoten zum amerikanischen Massensterben der heute verschwundenen Spezies entscheidend bei? Immerhin sind die typischsten archäologischen Relikte der Clovis-Kultur tatsächlich charakteristisch gekerbte, tödliche Speerspitzen.

Zum kritischen Anwalt der damit der Ausrottung angeklagten Clovis-Indianer machten sich nun Donald Grayson von der University of Washington und David Meltzer von der Southern Methodist University. Die Forscher führten eine computergestützte Indiziensichtung in Sachen der "Overkill"-Theorie durch. Dazu glichen sie die Datensätze der Faunmap-Datenbank – in der die Verteilung aller Säugetiere Nordamerikas innerhalb der vergangenen 40 000 Jahre dokumentiert ist – gegen alle bekannten archäologischen Fundstätten der Clovis-Periode ab. Wären die Indianer schuldig, so sollten in den mit diesem Datenabgleich offenbarten, ehemals gemeinsamen Lebensräumen von Mensch und Tier auch massenhaft Überbleibsel von zu Tode gejagten Exemplaren austerbegeweihter Arten zu finden sein.

Der Vergleich mit Faunmap-Daten des indianischen Ausbreitungsgebiets aus der Clovis-Zeit vor 10 800 bis 11 500 Jahren erbrachte 75 verdächtige archäologische Tatorte. Alle nahmen die Forscher genauer in Augeschein – und trennten dabei schnell die Spreu vom Weizen. Schon auf den ersten Blick konnten an 47 dieser Fundstätten nicht auch nur der kleinste Beleg für eine Korrelation zwischen Artensterben und Jagderfolg hergestellt werden. Nach weiterer Selektion verblieben dann von zunächst 29 verdächtigen nur 14 Stätten, an denen überhaupt menschliche Artefakte und tierische Überbleibsel nicht nur zufällig nah beieinander lagen.

In gerade einmal zwölf dieser Grabungen konnten dann tatsächlich Reste indianischer Jagdbeute gefunden werden: Knochen von Bisons, die allerdings unter menschlichem Jagddruck damals durchaus nicht ausgestorben waren. Dagegen fanden sich nur zwei Knochen von ausgestorbenen Pferdearten sowie ein Kamelknochen – an denen Hinweise auf Jagd allerdings nicht auszumachen waren.

Die Indiziensuche der Forscher war also erfolglos: Es gebe "absolut keinen Hinweis darauf, dass die Clovis-Menschen die damals aussterbenden Tierarten gejagt haben", so Grayson. Stattdessen hätten nur 15 der 33 nach der Eiszeit verschwundenen Tiergattungen überhaupt sicher bis in die Zeiten der Clovis-Kultur hinein gelebt.

Kurz: Freispruch aus Mangel an Beweisen für die Indianerjäger. Grayson und Meltzer vermuten andere Ursachen des Artentods – vielleicht hat einfach der wärmende Klimawandel den Eiszeitepoche-Relikten der Tierwelt den Garaus gemacht. An dessen Ursache waren Menschen sicher unschuldig, damals.

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