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Parasitologie: Fremdbestimmte Selbstaufopferung

Missbraucht und ausgesaugt, weggeworfen und dem Tode überlassen: das traurige Schicksal unglücklicher Raupen, die dummerweise einer Schmarotzerschlupfwespe begegneten. Geht es, aus Sicht der Raupe, noch schlimmer? Es geht immer schlimmer.
Raupe bewacht Schlupfwespen- Kokon
Auf den ersten Blick ist Glyptapanteles nichts Aufregendes in der großen Familie der parasitoiden Wespen: Sind die Eier des Hautflüglers befruchtet, so sucht er sich wie alle seine Verwandten eine wohlgenährte Raupe – und schreitet flugs zur rücksichtslosen Eiablage. Mit seinem Legestachel injiziert er das Gelege in das Körperinnere ihres kräftigen, unwilligen, letztlich aber gänzlich hilflosen Opfers. Dort werden es die schlüpfenden Larven gut haben wie die Made im Speck: Wohlgenährt von den fließenden Körpersäften des Wirtes wachsen die Schlupfwespchen heran, bis es Zeit ist, sich auf eigene Füße zu stellen und selbst zum erwachsenen Tier heranzureifen.

Dazu muss die Schlupfwespe ihre umher robbende Kinderstube verlassen – oft tut sie dies aber erst, sobald nicht mehr allzu viel Nahrhaftes aus der von Innen heraus leer gefressenen Hülle der Raupe herauszuholen ist. Die Schlupfwespenlarven brechen schließlich aus dem nutzlos gewordenen Raupenrest aus, überlassen diesen sterbend seinem Schicksal und beginnen ihrerseits, sich zu verpuppen, um als erwachsene Wespe wiederaufzuwachen.

Nur sterben viele der Opfer von Glyptapanteles aber eben nicht, stellten Amir Grosman von der Universität Amsterdam und seine Kollegen fest – im Gegenteil, die ausgelaugten Raupen der Art Thyrinteina leucocera raffen sich urplötzlich zu einem merkwürdig anmutenden Aktivitätsschub auf. Wie ferngesteuert robben sie den Wespen zum Ort deren Verpuppung hinterher und drapieren schließlich ihren Körper über die Todfeinde. Dort kommen sie zur Ruhe – und versäumen ab da sträflich ihr eigentliches Raupentagwerk von fressen und zu Fressen suchen. Was, fragte sich Grosmans Team, soll das?

Raupe bewacht Schlupfwespen-Kokon | Eine Thyrinteina-leucocerae-Raupe überspannt schützend den Kokon ihres Todfeindes – die Puppen jener parasitischen Glyptapanteles-Schlupfwespen, die gerade noch aus der Raupe gekrochen waren, wo sie sich zuvor an Körpersäften gütlich getan hatten. Wenn den Wespenpuppen nun Fressfeinde wie Blattwanzen zu nahe kommen, verscheuchen die Raupen diese mit heftigen Kopfstößen. Gedankt wird dem Wächter das nicht: Er stirbt sehr bald, nachdem sich die von ihm behüteten Kokons unbeschadet als neue Schlupfwespen-Erwachsene entpuppt haben.
Offenbar waren die Raupenopfer wie durch ein unsichtbares Band mit den aus ihnen geschlüpften Schmarotzertätern verbunden – und zwar ihr restliches Leben lang, bemerkten die Wissenschaftler weiter. Denn oft lebten die Raupen in unmittelbarer Nähe zu den verpuppten Parasiten nur noch exakt so lange, bis die erwachsenen Wespen schlüpfen und sich auf die Suche nach Fortpflanzung und eigener Eiablage in die Lüfte schwingen. Zudem schienen die Raupen sich bis zum traurigen Finale als Wespenpuppenwächter zu begreifen: Was sich verdächtig in die Nähe der Puppen bewegt – zum Beispiel ein versuchsweise angenäherter Pinsel im Labor von Grosman und Co – wird mit vehementen Kopfstößen vom Zweig zu wischen versucht.

Alles deutet demnach darauf hin, dass einmal parasitierte Raupen nicht nur ausgesaugt, sondern zudem einer parasitoiden Gehirnwäsche unterzogen werden. Nichts völlig ungewöhnliches im Verhältnis von Parasit und Wirt. Als klassisches von vielen Beispielen, bei denen Schmarotzer ihre Wirte aus Eigennutz zu einem untypischen Verhalten zu zwingen, dient der Kleine Leberegel. Sein Einfluss auf eine Ameise, in deren Kopf er sitzt, reicht so weit, dass das Insekt sich plötzlich gerne auf die Spitzen von Gräsern verläuft – wo es mitsamt Untermieter leichter von einem grasenden Schaf verspeist wird. Der Wiederkäuer aber ist genau der Ort, in den der Leberegel hinein muss, um seinen Lebenszyklus abzuschließen.

Ob solche fiesen Manipulationen aber wirklich durch die Parasiten eingefädelt wird, ist stets schwer zu beweisen. Beim Modell Glyptapanteles-Wespe und Thyrinteina-Raupe unternahmen Grosman und Kollegen nun dennoch einen Versuch. Zunächst wieder im Labor: Sie ließen Wespen aus Raupen schlüpfen und sich verpuppen, woraufhin die Ex-Opfer, wie gehabt, die Wächterposition über den Puppen einnahmen. Dann ersetzen die Forscher die Hälfte der Raupen durch Raupen, die zuvor nie mit den Parasiten in Kontakt gekommen waren und zwangen diese durch sinnvolle Raupenabsperrungen, sich nicht von Ort und Stelle der Wespenverpuppung zu entfernen. Dann brachten sie ein drittes, extra ausgehungertes Insekt ins Spiel: Supputius cincticeps, die räuberische Stinkwanze.

Die zu den Baumwanzen zählende Geselle macht sich gerne über die Puppen der Schlupfwespen her – und begab sich, von den Forschern in der Nähe des Wespenpuppen-Raupen-Duos abgesetzt, tatsächlich auch meist schnurstracks in Richtung Leckerbissen. Darauf reagierten nun wiederum die Raupen: Sie schwangen ihr Vorderende heftig gen anrückender Wanze und beförderten diese teilweise mit einem gezielten Kopfstoß vom Ort des Geschehens.

Diese Abwehrreaktion zeigten allerdings nur jene Raupen, die tatsächlich einmal Wespenlarven in ihrem Inneren gehabt hatten. Die anderen, parasitennaiven Tiere ließen stattdessen Stinkwanzen oft völlig reaktionslos über sich hinüber laufen und schienen sie gar nicht wirklich wahrzunehmen. Offenbar also ist die Wanzenabwehr ein von den Schmarotzen hervorgerufenes Verhalten.

Schließlich belegten die Wissenschaftler auch noch, dass es den Schlupfwespen auch in freier Wildbahn Vorteile verschafft. Sie setzten dazu über 400 infizierte Raupen in die Vegetation, ließen die Wespen schlüpfen – und entfernten schließlich in mühevoller Kleinarbeit bei der Hälfte der Wespen-Puppen die wachenden Raupen. Dann werteten sie nach einiger Zeit aus, ob die raupenbewachten Wespenpuppen tatsächlich eine höhere Überlebenschance gehabt hatte. In der Tat war dies der Fall: Zweimal mehr Puppen mit Bodyguard entwickelten sich zu adulten Schlupfwespen.

Der Vorteil der Raupenmanipulation liegt also auf der Hand – wie er tatsächlich erfolgt, muss derzeit noch Spekulation bleiben. Ein bis zwei der Gehirnwäsche Verdächtige aber haben Grosman und seine Kollegen bereits in parasitierten Raupen gefunden: vereinzelte Larven bleiben im Oberschlundganglion, dem Raupengehirn, zurück, auch wenn alle anderen ihrer Kollegen den ausgelaugten Wirt bereits verlassen haben.

Selbstlos verzichten solche Parasitenindividuen also auf die Verpuppung und damit die eigene Fortpflanzung und opfern sich stattdessen offenbar zum Wohle der Gesamtwespengesellschaft auf, die durch ihr manipulatives Tun höhere Überlebensraten zu verzeichnen hat. Ganz ähnlich macht es auch der Kleine Leberegel in Ameisen, wo ein Hirnwurm gezielt das Insektenhirn ansteuert. Wie Hirnwurm der Ameise oder Hirnwespe der Raupe die Verhaltensänderung hervorrufen, ist und bleibt aber noch ihr Geheimnis.

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