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Soziale Identität: Fremde T-Shirts stinken nur vermeintlich schlimmer

Sowohl die Wahrnehmung von als auch der Umgang mit Ekel unterscheiden sich je nach Sympathie zum mutmaßlichen Träger. Der echte Geruch spielt eine untergeordnete Rolle.
Ein schnüffelnder MannLaden...

Den eigenen Gestank riecht man doch am liebsten. Aber was, wenn man sich mit anderer Leute Ausdünstungen befassen muss? Stinkt jemand, den man mag oder mit dem man sich zumindest identifizieren kann, weniger widerlich? Das wollten Forscher um Stephen D. Reicher von der University of St Andrews wissen – und ließen dazu Dutzende Studenten an verschwitzten T-Shirts schnüffeln.

Die Forscher entwarfen zwei Experimente: Im ersten mussten 45 weibliche Studenten der University of Sussex an einem T-Shirt riechen, das ein männlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter für eine Woche beim täglichen Sport und zum Schlafen getragen hatte. Auf dem T-Shirt prangte ein großes Logo der University of Brighton. Den Studentinnen wurde zuvor entweder ihre studentische Identität oder ihre persönliche Identität beziehungsweise ihre Identität als Studierende an der University of Sussex in einem Gespräch bewusst gemacht. Die Forscher erwarteten, dass sich die subjektive Ekelwahrnehmung des Geruchs in dem Fall am geringsten auswirken würde, in dem die Frauen auf ihre allgemeine Identität als Student hingewiesen worden waren und sie sich so auch mit fremden Studenten identifizieren konnten. Das Experiment bestätigte diese Hypothese.

In einem zweiten Experiment mussten 85 Studierende der University of St Andrews, darunter nun auch 31 Männer, an T-Shirts riechen, die entweder ein Logo der University of St Andrews, eines der University of Dundee oder gar kein Logo trugen. Die T-Shirts waren von einer weiblichen Forscherin während eines anstrengenden, einstündigen Laufs getragen worden. Auch hier wies man die Studenten entweder auf ihre studentische Identität oder auf ihre Rolle als Studenten an der University of St Andrews hin. Die Forscher ließen die Probanden wie im ersten Experiment ihren Ekel einschätzen. Doch zusätzlich bauten sie nun eine Möglichkeit auf, die Hände zu desinfizieren, und maßen die Zeit, die die Studenten zur Waschstation und zum Desinfizieren brauchten sowie die Anzahl der Sprühstöße aus der Desinfektionsmittelflasche.

Es zeigte sich, dass sich diese Zeiten mit der Kombination aus der Identität, die den Studenten bewusst gemacht worden war, und der des vermeintlichen T-Shirt-Trägers veränderten. Wer auf sein Studium in St Andrews hingewiesen worden war, lief tendenziell bei einem Dundee-T-Shirt schneller zum Waschtisch und benutzte mehr Desinfektionsmittel. Die Forscher schreiben, ihre Studie sei ein weiterer Beleg dafür, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe auch die sinnliche Wahrnehmung etwa von Kälte, Lärm und eben auch von Geruch beeinflusse.

08/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08/2016

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