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Bilinguale Schulen: Spielerisch zur Zweitsprache

Buchstabieren lernen auf Englisch, Erdkundeunterricht auf Italienisch: In bilingualen Kitas und Grundschulen werden Kinder früh an eine zweite Sprache herangeführt. Das wirkt sich nicht nur positiv auf ihre Sprachkompetenz aus.
Kleiner Junge meldet sich im Unterricht. An der Tafel steht etwas über die Erdgeschichte in italienischer Sprache.
Im bilingualen Unterricht lernen Kinder die Zweitsprache durch Zuhören und eigenes Sprechen. (Symbolbild)

Wenn der neunjährige Tayo mit seinen Eltern Urlaub in Italien macht, nimmt er es mit der Sprache manchmal sehr genau. »Er korrigiert gerne mal unsere Aussprache, wenn wir im Restaurant das Essen bestellen oder irgendetwas anderes auf Italienisch sagen«, erzählt seine Mutter Anja Viohl und schmunzelt.

Der Berliner Grundschüler besucht seit der 1. Klasse eine deutsch-italienische Grundschule im Wohnbezirk der Familie. Es ist eine von 33 bilingualen staatlichen Europaschulen in der Hauptstadt, deren Sprachangebot von Englisch und Französisch über Spanisch und Italienisch bis hin zu Russisch oder Griechisch reichen. Unterrichtet werden dort neben Kindern, die diese Sprachen als Muttersprache sprechen, auch deutsch- und anderssprachige Schüler. Bilingual bedeutet: Neben dem Sprachunterricht werden sie peu à peu auch in ausgewählten anderen Fächern wie Sachkunde, Geschichte oder Kunst in der Zweitsprache unterrichtet.

Der Viertklässler Tayo hat manche Fächer mittlerweile ebenfalls auf Italienisch. Vor Kurzem waren die »ere geologiche« – die Erdzeitalter – das Thema. Da vielen Kindern die deutschen Begriffe ebenfalls noch nicht geläufig sind, halfen Arbeitsblätter, die die wichtigsten italienischen Wörter auf Deutsch erklären. Und zur Not erklärt die Lehrerin auch mal etwas auf Deutsch.

Tayo mag, was anderen Italienischlernenden oft schwerfällt: das gerollte »R«. »Italienisch ist eine so schöne Sprache«, sagt er. Seine Mutter ist beeindruckt, wie schnell ihr Sohn sich Aussprache und Sprachmelodie angeeignet hat. Sie selbst und ihr Lebenspartner haben die Sprache zwar nicht gelernt, durch ihre große Affinität zu anderen romanischen Sprachen haben sie jedoch einen guten Zugang zu Italienisch. Vor allem überzeugte sie, neben der Nähe zu ihrem Wohnviertel, das bilinguale Konzept der Herman-Nohl-Schule.

Die Art der Sprachvermittlung durch die Italienischmuttersprachlerinnen findet Anja Viohl sehr effektiv: Die Kinder lernen spielerisch, zunächst nur durch Zuhören, durch Geschichten, Lieder und durch eigenes (Nach-)Sprechen. Dieses Eintauchen in eine fremde Sprache, das korrekte Grammatik und richtiges Schreiben erst einmal hintanstellt und die Kinder zum Drauflossprechen ermuntert, ist als immersives Lernen bekannt und findet an den meisten bilingualen Schulen Anwendung. Kleine Kinder im Kindergartenalter lernen so auch ihre Muttersprache: nicht über die Grammatik, sondern intuitiv.

Viele Eltern, die ihre Kinder auf eine globalisierte Welt vorbereiten wollen, entscheiden sich inzwischen für eine bilinguale Schule, möglichst schon in der Grundschule. Nach einer Erhebung des Vereins Frühe Mehrsprachigkeit in Kitas und Schulen (fmks) gab es bereits 2014 in Deutschland 287 zweisprachige Grundschulen, an denen zusätzlich zum Sprachenunterricht mindestens ein Sachfach, meistens jedoch mehrere, in einer anderen Unterrichtssprache als der Schulsprache Deutsch unterrichtet wird. Nach Schätzungen des Vereins sind es nach dieser Definition bei den weiterführenden Schulen etwa 1180, die sich bilingual nennen, Tendenz steigend. Darunter fallen binationale Schulen, Europaschulen oder deutsche Schulen mit bilingualem Schwerpunkt. Geschützt ist der Begriff »bilingual« nicht. Wie viel zweisprachigen Unterricht die Schulen ermöglichen, variiert deshalb stark: Manche bieten nur einige Unterrichtsstunden in der Zweitsprache an, andere durchgängig 50 Prozent des Unterrichts oder mehr. Auch für die Europaschulen gibt es keine bundeseinheitlichen Regelungen.

Themenwoche »Fremdsprachen lernen«

Bin ich als Erwachsener zu alt, um eine neue Sprache zu lernen? Gibt es leichte und schwere Sprachen? Ist ein ausländischer Akzent ein Problem? Und wie lernen Erwachsene am besten? Diese Themenwoche beantwortet Fragen rund um eine der schönsten Nebensachen der Welt: fremde Sprachen.

  1. Fremdsprachen: Die besten Lernmethoden für Erwachsene
  2. Bilinguale Schulen: Spielerisch zur Zweitsprache
  3. Linguistik: Welche Sprachen sind leicht zu lernen?
  4. Vorurteile: Was wir mit einem Akzent verbinden
  5. Alte und bedrohte Sprachen: Wozu braucht man das denn?
  6. Motivation: Warum es für eine neue Sprache nie zu spät ist

Kinder in bilingualen Klassen haben oft Lernvorteile

Studien zeigen, dass junge Kinder, verglichen mit Jugendlichen und Erwachsenen, besonders aufnahmefähig für fremde Sprachen sind. Wenn sie schon im Grundschul- oder Kindergartenalter immersiv eine Zweitsprache lernen und diese sowohl im Rahmen des Sprachunterrichts wie im übrigen Schul- oder Kindergartenalltag anwenden können, entwickeln sie allgemein eine höhere Sprachkompetenz, auch in ihrer Muttersprache. Welches die Zweitsprache ist, spielt dabei keine Rolle.

Forschende des Leibniz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel untersuchten vor eine paar Jahren die Klassenstufen 4 und 9 der staatlichen Europaschulen in Berlin und fanden heraus: Schülerinnen und Schüler, die bilingual etwa zu 50 Prozent auf Deutsch und zu 50 Prozent in ihrer Zweitsprache unterrichteten wurden, zeigten mindestens genauso gute Leistungen in allen anderen Fächern wie Kinder an Regelschulen ohne bilingualen Unterricht, speziell in Deutsch, Mathematik und in Naturwissenschaften. In manchen Fällen waren ihre Leistungen sogar besser.

Die Sorge vieler Eltern – nämlich dass ihre Kinder überfordert werden könnten – ist unbegründet

»Das heißt: Die Tatsache, dass Sachfächer in einer anderen Sprache als der Muttersprache unterrichtet wurden, hat nicht zu schlechteren Leistungen geführt als bei Kindern, die auf Deutsch unterrichtet wurden«, erläutert die an der Europaschulstudie beteiligte Erziehungswissenschaftlerin Johanna Fleckenstein. Die Sorge vieler Eltern – nämlich dass ihre Kinder überfordert werden könnten – ist also unbegründet.

Das deckt sich mit einer anderen Studie an der Katholischen Universität Eichstätt zu bilingualen Grundschulen in Bayern. Der Englischdidaktiker Heiner Böttger stellte fest, dass auch dort die Kinder in deutsch-englischen Grundschulen in Deutsch und Mathematik bessere Leistungen zeigten als Kinder an Regelschulen. Den gleichen Zusammenhang konnten Hirn- und Lernforscher wie Andrea Mechelli und Pasquale Della Rosa finden, als sie 2004 beziehungsweise 2011 die Hirnaktivität von bilingualen Kindern untersuchten. Demnach fördert die erhöhte Konzentrationsarbeit des Gehirns, das sofort erfasst und einordnet, in welcher Sprache sie angesprochen werden, auch das Denkvermögen der Kinder in anderen Bereichen.

Auch die Drittsprache prägt sich schneller ein

Das Erlernen von Drittsprachen zu einem späteren Zeitpunkt fällt den Kindern und Jugendlichen ebenfalls leichter: »Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Europaschulen nach dem untersuchten Berliner Modell die metalinguistischen Kompetenzen fördern«, sagt die IPN-Forscherin Fleckenstein. »Die Schülerinnen und Schüler schneiden in Drittsprachen dann sogar deutlich besser ab als ihre Altersgenossinnen und -genossen an Regelschulen.«

Das zeigen auch die Erfahrungen an der deutsch-italienischen Herman-Nohl-Grundschule, die, wie fast alle Grundschulen in Berlin, die ersten sechs Jahrgangsstufen umfasst. Neben den Klassen, die mit Italienisch starten und ab Klasse 5 zusätzlich Englisch lernen, gibt es an der Schule einen Regelschulzweig: nicht bilingual und ohne Italienisch, dafür mit Englisch schon ab Klasse drei. »In ihren Englischkenntnissen und -leistungen sind aber alle Kinder am Ende der Grundschulzeit gleichauf, obwohl sie zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt damit begonnen haben«, sagt Schulleiter Matthias Ziegfeld. »Die bilingualen Sprachstrukturen im Gehirn, die sich während der ersten Schuljahre entwickelt haben, ermöglichen den italienisch-bilingualen Schülerinnen und Schülern offenbar von Anfang an das gleiche Niveau in Englisch wie den Kindern, die die Sprache schon zwei Jahre länger lernen.«

Ein weiterer wichtiger Pluspunkt für Ziegfeld: An bilingualen Schulen lernen Kinder nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur und Traditionen eines anderen Landes kennen – denn die sei im Unterricht selbstverständlich ebenfalls immer Thema. Damit würden die Grundlagen für interkulturelle Kompetenzen gelegt, die Schulabsolventen später im Beruf oder Studium viele Türen öffnen könnten, argumentiert Ziegfeld.

Bis zum zehnten Lebensjahr lernen Kinder Sprachen besonders leicht

Für das selbstverständliche, intuitive Lernen steht dabei nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung, wie der Biologe Martin Korte erläutert: »Der Spracherwerb sollte so früh wie möglich beginnen, denn schon ab dem zehnten Lebensjahr beginnen sich die so genannten Sprachfenster, die ein intuitives Aneignen einer Sprache ermöglichen, wieder zu schließen; das Lernpotenzial schwindet.« Korte ist Professor an der Technischen Universität Braunschweig und erforscht die zellulären Grundlagen des Lernens. Er präzisiert: »Die synaptische Plastizität der entsprechenden, für den Spracherwerb zuständigen Gehirnareale, nimmt ab.« Die Nervenzellen dort können sich also nicht mehr so gut umorganisieren wie vorher – eine Grundvoraussetzung für Lernprozesse.

»Kleine Kinder hören Lautverbindungen, die Erwachsene nicht mehr hören können«(Doris Heubach, Kitaleitung)

Sprache wird bei den meisten Menschen vor allem in der linken Hirnhemisphäre verarbeitet. Lerne man eine Sprache erst nach dem zehnten Lebensjahr, sei das anders, erklärt Korte. Dann würden stärker Areale der rechten Hirnhälfte genutzt, weil man viel auf das Gedächtnis zurückgreifen muss. Deshalb sollte das natürliche Sprachtalent kleiner Kinder schon im Kindergartenalter genutzt werden, rät nicht nur Korte, sondern auch Doris Heubach, die Leiterin der bilingualen Katholischen Edith-Stein-Kindertagesstätte in Wolfsburg.

»Kleine Kinder hören fremde Laute und Wörter sehr genau und können sie teils perfekt nachsprechen«, sagt Heubach: In ihrer Kita, in der die Kleinen in einem Early-Bird-Programm ab drei Jahren Englisch lernen, hat man den Kindern versuchsweise auch Chinesisch angeboten. Die Sprache gilt wegen ihrer komplexen Aussprache, in der kleinste Betonungsnuancen einem Wort bereits eine vollkommen andere Bedeutung geben können, als schwierig zu lernen. Für Erwachsene. »Kleine Kinder dagegen hören Lautverbindungen, die wir Erwachsene nicht mehr hören können – und sprechen sie deshalb ohne Probleme nach«, beobachtete die Pädagogin.

Spaß und Spiel stehen stets im Vordergrund

Die Kinder der Edith-Stein-Kita beginnen ihren Morgenkreis stets auf Englisch, wo es um einfache Dinge wie das Wetter oder Lieblingstiere geht. Das Buchstabieren lernen sie ebenfalls auf Englisch – spielerisch, durch Bilder, Gesten und Geräusche: »S« steht für »snake« (Schlange), die die Kinder mit einem sich schlängelnden Arm andeuten. »A« steht für »ant« (Ameise), die mit krabbelnden Fingern dargestellt wird. Jede Woche ein anderer Buchstabe, begleitet von Bildern und kleinen Geschichten. So eignen sich die Kinder Stück für Stück englische Wörter und ganze Sätze an. Am Ende der Kitazeit können sie vorgelesenen englischen Texten meist gut folgen.

»Jolly Phonics« nennt man diese Art der Sprachvermittlung per Lautanbahnung. Im angelsächsischen Schulsystem, wo die Schulpflicht früher beginnt als in Deutschland, werden Kinder auf diese Weise alphabetisiert. Seit 2007 macht sich die Edith-Stein-Kita dieses System mit Unterstützung von »native speakern« unter den Erzieherinnen und Erziehern zu Nutze.

Nach der Kita wechseln einige der Kinder auf eine der zwei Grundschulen in Wolfsburg, die auf dem Programm der Kita aufbauen und ihrerseits Early-Bird-Klassen eingerichtet haben. Dort können sie bereits in der 1. Klasse mit einem Sprachunterricht beginnen, wie er normalerweise erst ab Klasse 5 vermittelt wird. Später werden weitere Fächer auf Englisch unterrichtet.

Keineswegs würden die Kinder davon überfordert, sagt Lynne Smiley, Lehrerin und »native speaker« an der katholischen Eichendorff-Grundschule, Partnerschule der Edith-Stein-Kita. Denn Spaß und das Spielerische nähmen nach wie vor viel Raum ein. Es sei unglaublich, wie schnell die Kinder ihren Wortschatz übernähmen – und wie begeistert sie dabei sind, erklärt die gebürtige Nordirin.

Ihre Kollegin Britta Kindel findet nur eines bedauerlich: »Natürlich gibt es auch weiterführende Schulen, die Bilingualität anbieten – aber leider zu selten auf dem Niveau, das unsere Early-Bird- Schülerinnen und -Schüler bereits erreicht haben.« Die Kinder würden dadurch nach der Grundschulzeit in ihrem Lernfortschritt ausgebremst.

Diese Inkonsequenz stört auch den Englischdidaktiker Heiner Böttger von der Katholischen Universität Eichstätt, der bilinguale Grundschulen untersuchte und in Bayern einen Modellversuch mit zweisprachigen Realschulen als Forscher begleitete. »Das Wichtigste ist, dass die Schülerinnen und Schüler die Dinge, die sie da lernen, sofort anwenden können. Und das ist für mich eines der wichtigsten Argumente dafür, Bilingualität konsequent von der Kita oder Grundschule bis zum Abitur anzubieten.«

Zweisprachiger Unterricht nimmt später die Angst vor Fehlern

Böttger arbeitet aktuell an einer Studie über Englischkenntnisse von Mitarbeitenden international tätiger deutscher Unternehmen. »Viele sagen, sie hätten regelrecht Angst davor, Englisch zu sprechen. Hätten die Befragten schon als Kinder gelernt, wie selbstverständlich zwischen den Sprachen zu wechseln, gäbe es dieses Problem nicht«, ist der Forscher überzeugt.

»Schüler und Schülerinnen entwickeln im normalen Sprachunterricht oft nur mit Zögern den Mut, Französisch zu sprechen«(Friedhelm Dilk, Germanist und Romanist)

Das gilt für das von vielen als schwieriger empfundene und im Alltag weniger präsente Französisch noch mehr, wie Friedhelm Dilk bestätigt. Der inzwischen pensionierte studierte Germanist und Romanist war knapp 20 Jahre Schulleiter am Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasium, das je einen bilingualen Englisch- und Französischzweig anbietet. Neben dem Abitur ist ebenso der Abschluss des französischen »baccalauréat« wie auch des International Baccalaureate möglich. Gut ein Viertel der Schülerinnen und Schüler machen davon Gebrauch. Wirtschaftliche, kulturelle und historische Gründe für Französisch als Zweitsprache gebe es genug, sagt Dilk. Aber: »Schüler und Schülerinnen entwickeln im normalen Sprachunterricht oft nur mit Zögern den Mut, Französisch zu sprechen.« Und lernten es dann im Prinzip nie richtig.

Am Friedrich-Ebert-Gymnasium sitzen in den Französischklassen auch Schülerinnen und Schüler, die Französischmuttersprachler sind. Um den deutschen Schülern die Hemmungen zu nehmen, gilt auch für die frankophonen Schüler die Regel: »Langsames Sprechen, deutliche Aussprache, freundliche und konstruktive Fehlerkorrektur untereinander.« Das helfe sehr, die Scheu zu überwinden, berichtet Dilk. »Übersetzen und Grammatik leisten zwar viel, können aber Sprachlernprozesse verhindern, wenn sie den Unterricht dominieren.« Deshalb sei immersives Lernen und nicht Perfektionismus der Türöffner für angstfreies und flüssiges Sprechen.

Ein Blick in die Ehemaligen-Liste der Schule scheint ihm Recht zu geben: »Viele haben später im Ausland studiert und arbeiten heute zum Teil auch dort«, sagt Dilk. »Andere sind im Auswärtigen Dienst, in internationalen Unternehmen oder in Brüssel für die EU tätig.« Sie alle bewegten sich heute entspannt zweisprachig im Berufs- und im Alltagsleben.

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