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Lebensgemeinschaften: Freundliche Feinde feindlicher Fledderer

Gemeinsam geht vieles einfacher, auch in der Biologie. Die Wahl hilfreicher Alliierter ist dabei selten zimperlich: Was dem eigenen Nachwuchs schaden könnte, darf gerne auch mit bakteriologischen Waffen ausgemerzt werden.
Bienenwolf bei Beuteabtransport
Fangen wir mit dem Opfer an: Am Ende dieser Geschichte wird es tot sein, mitsamt seiner Sippschaft, vergiftet von den Freunden eines mächtigen Feindes. Ihm geriet es ungeplant in den Weg. Genauer, in die Familienplanung: Nicht gewollt bedrohte es beim eigenen Broterwerb die Kinder des findigen Gegners, rief dadurch Gegenmaßnahmen auf den Plan – und besiegelte somit das eigene tödliche Schicksal.

Mitleid? Das dürfte sich – außerhalb der Berufsgruppe der Mykologen – in Grenzen halten, sobald die Identität des als Sympathieträger doch ungeeigneten Opfer-Verwandtschaftskreises gelüftet ist: Es handelt sich um Pilze, die sich am Fleisch eines herumliegenden, hilflos gelähmten Körpers gütlich tun. Bei ihrem stillen Verrottungsgeschäft bedrohen sie dabei allerdings jene, die den lebenden Fleischberg extra herangeschafft haben, um damit ihren Nachwuchs glücklich und satt zu machen: Grabwespen der Art Philanthus triangulum, dem Bienenwolf.

Hab Dich! Futter für die Kleinen ... | Ein Bienenwolf-Weibchen (Philanthus triangulum) besorgt Futter für den Nachwuchs: Ihr Stich lähmt eine Bienenarbeiterin, deren Körper als Fleischvorrat für die Bienenwolf-Larven dienen wird.
Werdende Bienenwolfmütter werden zu Löwen, wenn es um ihre Kinder geht: Um dem geplanten Nachwuchs einen leckeren Start ins Leben zu geben, lauern sie versteckt an verlockenden Blüten auf fleißige Bienenarbeiterinnen beim Nektarsammeln, überfallen die Unvorsichtigen aus dem Hinterhalt und lähmen sie mit einem gezielten Stich zwischen die Panzersegmente. Die bald bewegungslose Bienenbeute wird dann flugs in die unterirdische Bruthöhle verschleppt und gestapelt – bis je nach Angebot und Nachfrage genug Vorrat gesammelt ist. Auf diesem legt die Grabwespe dann ihre Eier ab. Die schlüpfenden Larven der fürsorglichen Bienenwolfmama sollten im Kinderparadies der Bienenfleischberge ausreichend Gelegenheit haben, ihren ersten Hunger in Ruhe zu stillen.

Nun ziehen freiliegende Fleischklumpen allerdings ebenso viele Liebhaber an wie Marmelade Fliegen. Also klappt es mit gesunder Versorgung der Bienenwolf-Larven nur, wenn die mühsam angekarrte Leckerei in der wenig sterilen Höhle der Grabwespen-Krippe nicht allzu schnell vergammelt. Ein gravierendes Hygieneproblem für alle Grabwespenmamas: Wie nur die Kinderkost keimfrei bekommen?

Und als besonders aufdringlich zeigen sich im feuchten Erdhöhlenklima eben die Pilze. Womit wir wieder bei den Opfern vom Anfang sind. Der Bienenwolf, berichten Forscher der Universität Würzburg um Martin Kaltenpoth nun, hat das Keim-Problem nämlich auf elegante Weise gelöst – mit der Hilfe antimikrobieller Streptomyces-Bakterien. Diese produzieren ein fungizides Antibiotikum, welches die Bienenwolf-Nachwuchsnahrung bedrohenden Pilze ruckzuck ins mykologische Nirwana befördert.

Die Bienenwolf-Antennen beherbergen Streptomyces-Kolonien | Die weiße Substanz enthält die symbiontischen, Antibiotika produzierenden Bakterien. Sie wird aus den Antennen der Grabwespen-Weibchen herausgepresst und auf der Decke der Brutkammer verteilt.
In die wissenschaftlichen Schlagzeilen bringt den Bienenwolf insbesondere die Methode, mit der er gezielt hilfreiche Antibiotika-Produzenten auf schädliche Pilze hetzen kann: Die augenfälligen Fühler der Wespen beherbergen stets eine Kolonie der Streptomyces-Bakterien – beim Ablegen der Eier auf den gelähmten Bienenvorrat reicht dann ein kurzes Abstreifen einiger Bakterien vom Fühler in die Brutkammer. Die Larven nehmen die Bakterien als Antipilzmittel später auf und statten mit ihnen auch die Kokonflächen aus, in denen sie sich verpuppen.

Pilze haben nur dann eine echte Chance, zeigten die Wissenschaftler, wenn den Grabwespen ihre Bakterien vor der Eiablage künstlich entfernt wurden: Danach ohne fungiziden Schutz verpilzten die Brutkammern, und nur wenige Bienenwolf-Larven überlebten.

Bakterien, die Antibiotika gegen Pilze produzieren, welche Wespenlarven sonst das Aufwachsen vermiesen: der klassische Fall einer Symbiose. Am Ende ist ein Konkurrent, eben der Pilz, das Opfer des evolutionären Beginns einer wunderbaren Freundschaft – zwischen Streptomyces-Bakterium und Philanthus-Wespe.

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