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News: Friss mich, sagt die Schnecke zur Möwe

Auch Schmarotzer haben es nicht immer leicht - besonders, wenn sie von einem Wirt zum anderen wechseln müssen, um ihren Lebenszyklus vollenden zu können. Der Parasit Microphallus piriformes wendet eine gewitzte Methode an, um seine beiden Wirte miteinander bekannt zu machen, die sich sonst nur selten begegnen würden. Ist in seinem Lebenszyklus der Zeitpunkt gekommen, um die Schnecke zu verlassen, dann treibt er seinen Wirt in den ‚Selbstmord'. Denn sie ändert ihr Verhalten, verlässt die sicheren Tiefen des Meeres und präsentiert sich stattdessen in oberen Regionen den Heringsmöwen, die ein solch verlockendes Angebot kaum ablehnen können - und damit auch ungewollt den Parasiten übernehmen.
Der Parasit Microphallus piriformes steht vor einem Problem: Um seinen Lebenszyklus vollenden zu können, muss er zwischen zwei Wirten springen – der rauen Strandschnecke Littorina saxatilis und der Heringsmöwe. Da er die Strecke zwischen beiden Wirten nicht aus eigener Kraft überwinden kann, bringt er die beiden genau zu dem Zeitpunkt zusammen, an dem sein Lebenszyklus einen Ortswechsel benötigt.

Im Anfangsstadium der Infektion verhält sich die Schnecke Littorina saxatilis nicht anders als ihre gesunden Lebensgenossen. Am liebsten hält sie sich in den Regionen im Meer auf, an denen sie für die Heringsmöwen unerreichbar bleibt. Auch für den Parasiten bringt dieses Verhalten Vorteile, denn so läuft er nicht Gefahr, seine Behausung zu verlieren, bevor er für einen Wirtswechsel bereit ist. Kommt aber für den Eindringling die Zeit, auf die Möwen "umzusatteln", dann ändert die infizierte Schnecke ihr Verhalten und wandert bevorzugt aufwärts, verlässt somit die sicheren Tiefen des Meeres. Dabei legt sie nicht etwa größere Strecken zurück als ihre Artgenossen, sondern sie gleicht ihr aufwärts kriechen nicht mehr durch horizontale oder abwärts gerichtete Bewegungen aus.

Wie Helen McCarthy und ihre Kollegen in Feldexperimenten auf den Muck Inseln bei Schottland zeigen konnten, reagieren infizierte Schnecke auch auf die Flut ganz anders als gesunde Tiere. Während gesunde Schnecken bei Flut nach unten wanderten, bewegten sich die infizierten Tiere nach oben, wo sie eine leichte Beute für die Heringsmöwen sind. Der Parasit wählt den Zeitpunkt, zu dem die Schnecken ihr Verhalten ändern, sehr geschickt. Gerade im Sommer, wenn die Möwen in großen Kolonien brüten, setzen sich die Schnecken vermehrt der Gefahr aus, gefressen zu werden. Das Verhältnis von infizierten zu gesunden Tieren ist in der Nähe von Brutkolonien größer als an den gewohnten Futterplätzen der Möwen, berichtet John Whitfield am 24. August 2000 in Nature.

Allerdings steht der Beweis noch aus, ob die von den trickreichen Parasiten befallenden Schnecken auch vermehrt im Magen der Möwen landen.

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