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Archäologie: Früh gestärkt

Meist liegt die Ausgrabungsstätte Ohalo II am See Genezareth von kühlem Nass überspült. In manchen Jahren allerdings sinkt der Wasserspiegel so weit ab, dass Archäologen wieder auf Spurensuche gehen können - und dann bringen sie heiße Geschichten ans Tageslicht.
Stärkekörnchen
Es ist ein höchst mühseliges Geschäft, die Analyse von Stärkekörnchen. Zunächst einmal müssen Forscher mit einer feinen Nadelspitze unter dem Mikroskop in winzigen Steinfugen und Löchern herumstochern, um vorsichtigst die kaum sichtbaren Pflanzen-Überreste herauszupulen. Hilfe leistet höchstens noch ein Ultraschallbad, das übersehene Körnchen freischüttelt. Dann gilt es, die Stärkepröbchen wiederum unter dem Mikroskop zu identifizieren – in penibler Kleinarbeit durch den Vergleich mit Abbildungen von hunderten bereits bekannten und beschriebenen Kandidaten.

Ofen | Die vermutete Ofenanlage in Ohalo II: Die kohleverschmierten Steine lassen vermuten, dass die Bewohner hier rohen Teig verstrichen und buken.
Doch die Mühe kann sich lohnen, vor allem, wenn sonst kaum bis gar nichts von den gesuchten Pflanzen übrig ist. So hat Dolores Piperno vom Smithsonian Tropical Research Institute auf diesem Wege schon manche wichtige Erkenntnis über die Entwicklung der Landwirtschaft in den Tropen gewinnen können.

Und dann traf sie bei einer Tagung Ehud Weiss von der Harvard University, der sich seinerseits gründlich mit eben jener Fragestellung in Israel beschäftigt. Sein Forschungsgebiet liegt allerdings meist unter Wasser: Ohalo II, eine Siedlung aus dem oberen Paläolithikum, kommt nur bei niedrigem Wasserspiegel des See Genezareths ans Licht – und erweist sich dann immer wieder aufs Neue als ergiebige und spannende Fundgrube.

Mahlstein | Diesen Mahlstein analysierten die Wissenschaftler bis aufs letzte versteckte Stärkekörnchen.
So entdeckten die Forscher hier 1989 und 1999 die Reste mehrerer Behausungen, Feuerstellen und ein Grab. In der ältesten, etwa 23 000 Jahre alten Hütte stießen sie außerdem auf einen großen, flachen, auf Kieseln gelagerten Basaltstein, um den herum sich wie heruntergewischte Krümel Samen von essbaren und medizinisch verwertbaren Pflanzen auf dem Boden fanden.

Waren sie hier auf eine alte Arbeitsfläche oder eine Art Mörser gestoßen, an dem die damaligen Bewohner nahrhafte Körnchen zerquetschten oder mahlten? Hier zeigte sich nun, wie fruchtbar eine solche Konferenz-Bekanntschaft sein kann: Piperno und Weiss machten sich gemeinsam an die aufwändige Stärkekörnchen-Analyse. Und fanden: Gerste – oder zumindest Verwandte davon, denn 127 der insgesamt 150 geborgenen Körnchen stammten aus der Gattung Hordeum. Hinweise auf andere verwertbaren Pflanzenteile wie Wurzeln oder Knollen fehlten hingegen, bei dem Stein handelte es sich also offenbar um eine reine Bearbeitungsstelle für Grassamen.

Stärkekörnchen | Mit Nadeln und Ultraschallbad brachten die Forscher solche Stärkekörnchen ans Licht. Sie zeigten, dass die damaligen Bewohner auf dem Stein vor allem Samen von Gerste-Verwandten mahlten.
Ganz in der Nähe hatten die Wissenschaftler außerdem verkohlte, mit Asche bedeckte Steine entdeckt sowie ein angelegtes Steinrund, das ebenfalls eindeutig als Feuerstelle genutzt worden war. Entstanden hier die ersten Fladenbrote? Schon möglich: Noch heute gibt es Naturvölker, die Grassamen mahlen, mit Wasser zu einem Teig vermengen, diesen auf angeheizte Steine streichen und anschließend mit Kohle bedeckt backen. Weiss und Piperno zufolge könnte dieses bewährte Rezept also bereits bis in die Altsteinzeit zurückreichen.

Die Idee ist alles andere als abwegig, denn entsprechende Bearbeitungshilfen sind schon viel länger bekannt. Die ersten Steinwerkzeuge, die eindeutig zum Zerquetschen und Zermahlen dienten, dürften bis zu 45 000 Jahre alt sein. Allerdings machten es fehlende Pflanzenreste beziehungsweise ein Durcheinander von tierischen und pflanzlichen Spuren bisher schwierig, den eigentlichen Verwendungszweck festzustellen.

Vergleichsexemplare | Aufnahmen von bekannten Stärkekörnchen: Durch Vergleich stellten Piperno, Weiss und ihre Mitarbeiter fest, welche Samen in Ohalo II vermahlen wurden.
Interessant ist allerdings, dass es dann doch immerhin weitere 10 000 Jahre dauerte, bis der Mensch auf die Idee kam, jene nahrhaften und schon häufig genutzten Samen auch gezielt anzubauen und sich so vielleicht einiges an Weg und Arbeit zu ersparen. Es hätte ihn aber natürlich auch enger an ein bestimmtes Gebiet gebunden – und an den Gedanken musste er sich damals ja erst noch gewöhnen.

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