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Musik: Früh übt sich, wer ein Meister werden will

Dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, ist hinlänglich bekannt. Was unterscheidet ihn aber von einem Laien? Lässt sich an der Gehirnstruktur erkennen, wie gut jemand Klavier spielen kann?
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"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" – mit diesem Satz wurden viele von uns als Kinder angetrieben, mehr für die Schule zu lernen oder ein Instrument zu üben. Doch ist es wirklich so, dass Erfahrungen, die man in der Kindheit macht, im Erwachsenenalter nicht mehr nachzuholen sind? Kann man sie in den Strukturen des Gehirns wiederfinden?

Dieser Frage ging eine Forschungsgruppe des Karolinksa-Institus Stockholm um Sara Bengtsson nach. Sie untersuchte anhand von Bildern aus einem Magnetresonanztomografen, die vor allem die unterschiedlichen Gewebestrukturen im Kopf darstellten, die Gehirne von acht Konzertpianisten. Damit wollte sie herausfinden, wie sich Klavierübungen in verschiedenen Lebensphasen auf die Nervenstrukturen im Kopf auswirken – und ob sich diese zwischen Pianisten und erklärten Klavierabstinenzlern unterscheiden.

Lernprozesse wirken sich vor allem in der Kindheit auf die Dicke von Hirnstrukturen aus, indem sie die an ihnen beteiligten Nervenbahnen erhalten. Die werden dabei mit einer Myelinschicht umgeben, welche die Leitfähigkeit der Nerven verbessert. Wird eine Bahn dagegen wenig oder gar nicht genutzt, verschwindet sie bis zum Erwachsenenalter unwiederbringlich – und die entsprechende Region wird dünner. Dieser Prozess ist frühestens im Alter von zehn Jahren abgeschlossen.

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Pianistenhirn | Die markierten Strukturen, die Capsula interna (links) und das Corpus callosum (rechts), waren im Gehirn von Pianisten stärker ausgeprägt, die in der Kindheit besonders viel geübt hatten.
Im Klavierübungsvergleich von Bengtsson zeigten sich die größten Unterschiede durch fleißiges Training in der Kindheit: Je mehr Stunden ein Pianist insgesamt bis zum Alter von elf Jahren geübt hatte (und das waren im Schnitt gut 50 Minuten am Tag), desto dicker waren verschiedene Nervenstränge, die für die Zusammenarbeit verschiedener Hirnareale verantwortlich sind. Vor allem Bahnen einer Region, die für die willentliche Bewegung einzelner Finger zuständig sind, die Capsula interna, waren ausgeprägter.

Außerdem zeigten sich zwischen den Pianisten Unterschiede der Dicke der Nervenbahnen in einer Struktur, welche die linke und die rechte Gehirnhälfte miteinander verbindet, dem so genannten Corpus callosum. Je mehr ein Pianist als Kind gespielt hatte, desto stärker waren Verbindungen ausgeprägt, die für die Koordination der beiden Hände sowie für das Erlernen und Ausüben von Bewegungsabläufen vonnöten sind. Ebenfalls verstärkt waren Bahnen, welche die Verknüpfung von visuellen und auditiven Informationen aus der linken und rechten Hemisphäre ermöglichen.

Besonders wichtig scheint also die Zeit, die ein Pianist bis zu seinem elften Lebensjahr am Klavier verbracht hat. Zudem ist jedoch auch die Übungsdauer von Jugendlichen vom 12. bis zu ihrem 16. Geburtstag – im Schnitt immerhin 1 Stunde und 45 Minuten –, nicht unwichtig: Sie wirkte sich ebenfalls auf die Verbindungen zwischen linker und rechter Hirnhälfte aus, wenn auch in geringem Umfang. Selbst ein Übungspensum von mehr als durchschnittlich vier Stunden täglich seit dem 17. Lebensjahr bewirkte noch einige Veränderungen von Nervenbahnen, die verschiedene Hirnteile miteinander vernetzen.

Unterschied Laie – PianistLaden...
Unterschied Laie – Pianist | Die markierte Struktur, die Capsula interna, war bei Pianisten stärker ausgeprägt als bei Kontrollpersonen.
Die Capsula interna war jedoch die einzige Region, die bei den Pianisten im Vergleich zu der Kontrollgruppe vergrößert war. Bengtsson und ihre Kollegen vermuten, dass das Klavierspiel nur in dieser Region einzigartige Veränderungen des Gehirns bewirkt, die nicht auch durch andere Tätigkeiten hervorgerufen werden können. Da jedoch die Veränderungen dort in der Kindheit ausgelöst wurden, gehen die Forscher davon aus, dass dieser Unterschied nicht später im Leben nachgeholt werden kann.

Diesen einen Unterschied in der Hinrnstruktur wird Hans, der nicht als Hänschen schon eifrige Stunden am Piano verbrachte, also tatsächlich nicht mehr aufholen. Alle anderen Veränderungen in der Anatomie des Gehirns scheinen auch bei Menschen anderer Berufsgruppen vorzukommen. Ob der Klavierlaie es schafft, den durchschnittlichen Übungsrückstand von 27 784 Stunden aufzuholen, darf allerdings bezweifelt werden.
10.08.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 10.08.2005

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