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News: Früh übt sich...

Übung macht den Meister - wer hat dieses Sprichwort nicht zu hören bekommen, wenn trotz wiederholtem Üben auf dem Klavier die Melodie nach wie vor schief und holprig klang? Auch gerade geschlüpfte Vögel müssen bei ihrem Musikunterricht so manche Geduldsprobe bestehen, gilt es doch das unverwechselbare Liedgut der Eltern genau zu imitieren. Und das will gründlich gelernt sein: Je öfter Zebrafinken von Kindesbeinen an das vorgegebene Strophenrepertoire zwitscherten, desto perfekter wurde ihre Sangeskunst. Früh übt sich möglicherweise auch ein Kleinkind, wenn es ein sprachgewandter Zeitgenosse werden will.
Sie brabbeln, lallen und glucksen, ganz unbeeindruckt davon, ob ihnen jemand zuhört oder nicht – Säuglinge in der Wiege, die ihren Stimmapparat erproben. Dieses "Mit-sich-selbst-Reden" ist keineswegs nur auf den menschlichen Nachwuchs beschränkt, sondern zeichnet auch die Jungen unzähliger anderer Arten aus. Frisch aus dem Ei gepellt macht sich insbesondere die Kinderschar von Singvögeln mit unreifen Tonäußerungen akustisch bemerkbar.

Junge Zebrafinken (Taeniopygia guttata) stellen da keine Ausnahme dar. Etwa einen Monat nach dem Schlüpfen beginnen sie ihre Stimmbildung mit unstrukturierten Lautmustern, dem so genannten subsong, vergleichbar mit dem Babygebrabbel, das noch weit von der menschlichen Sprache entfernt ist. Doch schon im Alter von 40 bis 50 Tagen zeigt der Musikunterricht der gefiederten Gesellen erste Erfolge: In der als plastic song bezeichneten Phase werden individuelle Töne erkennbar, die Reihenfolge der Noten bleibt allerdings noch variabel. Diese Stufe ähnelt dem Lebensabschnitt, in dem Kleinkinder bereits eine bruchstückhafte Sprache entwickelt haben, grammatikalische Fehler aber noch an der Tagesordung sind. Sind die schwarz-weiß-gestreiften Vögel nach gut drei Monaten ausgewachsen, kristallisiert sich das arteigene Liedgut heraus, die Piepmätze beherrschen nun das komplette Strophenrepertoire.

Frank Johnson und seine Kollegen von der Florida State University studierten das musikalische Lernverhalten der Zebrafinken nun eingehender. Mithilfe eines computergesteuerten Echtzeit-Aufzeichnungsystems registrierten sie nicht nur die täglichen Stimmübungen ihrer jugendlichen Versuchstiere, sondern auch deren Singhäufigkeit als ausgewachsene Vögel. Wie der Vergleich zu Tage brachte, zwitschern die jungen Zebrafinken mehr als doppelt so viele Lieder wie die erwachsenen. Offenbar müssen die Küken fleißig proben, um ihre Sangeskunst zu vervollkommnen: Mindestens 50 000 Wiederholungen sind nötig, bis die Strophen perfekt sitzen, schätzt Johnson basierend auf dem Datenmaterial.

Und Übung machte offensichtlich den Meister: Von höchster Qualität waren zweifellos die Lieder jener Sänger, die sich verglichen mit den Artgenossen während der plastic song-Phase am intensivsten ihrer Gesangsausbildung widmeten. Da Menschen und Vögel vergleichbare Phasen beim Erlernen der arteigenen Sprache durchlaufen, sind die jetzigen Forschungsergebnisse eventuell übertragbar, wie Johnson vorsichtig formuliert: "Es ist möglich, dass die Zeit, die ein Kind jeden Tag mit Lautäußerungen verbringt, einen bedeutenden Einfluss auf die Qualität des Sprachenlernens hat." Ähnlich anderen Bewegungsformen wie dem Eiskunstlauf oder dem Beherrschen eines Musikinstruments muss wahrscheinlich auch die Gestik der Sprache erlernt werden – und zwar ausgiebig, wenn man ein Meister seines Fachs werden will.

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