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Erfurt: Frühe Runen auf altem Kamm

Frühe Runen auf altem Kamm

Vier kleine Buchstaben auf einem handgroßen Kamm haben die Herzen der Archäologen höher schlagen lassen: Die Zeichen waren in Runenschrift auf den Griff des Haarpflegeutensils geritzt worden, bevor es vor rund 1700 Jahren in eine Opfergrube im heutigen Erfurter Stadtteil Frienstedt gelegt wurde. Damit ist die Inschrift, die sich "kaba", zu Deutsch "Kamm", liest, das bislang älteste bekannte Zeugnis für die germanische Runenschrift in Mitteldeutschland.

Der Kamm
Der Kamm … |  …besteht aus zusammengenieteten Plättchen, die aus Hirschgeweih gesägt wurden. Archäologen datieren das Stück um 300 n. Chr.

Wie der Archäologe Christoph G. Schmidt vom Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie in Gottorf schildert, war der Kamm aus Hirschgeweih bereits im Jahr 2000 stark fragmentiert geborgen und anschließend restauriert worden. Doch erst jüngst, als Forscher das zirka 12,5 Zentimeter lange Fundstück in extremem Streiflicht untersuchten, entdeckten sie die Zeichenfolge. Durch Keramikscherben, die sich in derselben archäologischen Schicht des Opferschachts fanden, konnten sie das zinkenbewehrte Utensil auf die Zeit um 300 n. Chr. datieren.

Damit ist die Inschrift fast 250 Jahre älter als die bisher frühesten Gegenstände mit Runenaufschrift auf mitteldeutschem Boden. Bei diesen handelt es sich um silberne Gewandspangen, einen bronzenen Riemenschieber sowie eine Bernsteinperle aus Gräbern in Weimar. "Das beweist, dass es eine eigene und sehr frühe westgermanische Runentradition gab und wir den Ursprung der jüngeren Inschriften nicht mehr zwingend aus Skandinavien ableiten müssen", erklärt Schmidt. Vergleichbar alte Runen außerhalb Skandinaviens fanden sich bisher nur auf zwei Lanzenspitzen aus Dahmsdorf (Märkische Schweiz) und dem ukrainischen Kowel, die beide aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. stammen.

Die Inschrift
Die Inschrift … | … lesen die Forscher als "kaba", was so viel wie "Kamm" bedeutet. Die dünn geritzten Buchstaben entdeckten sie erst im Streiflicht, das von der Seite auf die Oberfläche fiel.

Die Grammatik der Inschrift sowie die dreieckige Form des Griffs sprechen überdies dafür, dass germanische Handwerker vom Kontinent und nicht aus Skandinavien das Stück gefertigt haben. Den Fundort selbst deuten die Archäologen als Kultplatz aus der Zeit vom 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr., der von einer Siedlung und Gräbern mit reichen Beigaben umgeben war. Letztere weisen sie der lokalen Oberschicht der so genannten Haßleben-Leuna-Gruppe zu, die ähnlich dem Kamm zwischen 250 und 300 n. Chr. existierte.

Frienstedt ist unter Fachleuten vor allem "durch seine außerordentlich hohe Zahl von Bronzefunden berühmt", so Schmidt. "Es wurden etwa 1800 Bronzeobjekte geborgen, die meisten davon stammen aus dem Römischen Reich." Offenbar standen die Bewohner in engem Kontakt mit der benachbarten Großmacht, pflegten aber auch Beziehungen in den Norden, wie etwa eine südskandinavische Gewandspange vom selben Fundplatz belegt.

Ebenfalls einen Kamm aus Geweih zieren die ältesten bekannten Runenzeichen: Das Stück aus der Zeit um 150 bis 160 n. Chr. fand sich im dänischen Vimose und trägt die Inschrift "harja", deren Bedeutung bislang umstritten ist. Womöglich muss das Wort aber mit "Krieger" oder "Haar" übersetzt werden.

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