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Pazifische Seefahrer: Polynesier entdeckten Amerikaner - und umgekehrt

Forscher sind immer sicherer, dass lange vor den Europäern Seefahrer über den Pazifik hin- und hergesegelt sind. Schon im Mittelalter kamen Amerikaner so auf die Osterinsel - und im Gegenzug polynesische Siedler bis nach Brasilien.
Moais auf der Osterinsel

Die zweitgrößte nautische Leistung der Menschheit war die Eroberung der unbesiedelten pazifischen Eilande bis hin zum hintersten, der abgelegenen Osterinsel: Hier landeten wohl im Zuge einer über einige Jahrzehnte hin andauernden Expansion um das Jahr 1200 die ersten Pioniere; etwa 30 bis 100 Männer, Frauen und Kinder in Doppelrumpfkanus mit Auslegern. Schon lange vermuten Forscher, dass die erfolgreichen Seefahrer und ihre Nachkommen nicht auf immer und ewig in ihrer neuen Heimat blieben, sondern ab und an auch noch weiter nach Osten fuhren, wo der amerikanische Kontinent mit etwas Segelgeschick bei flauem und deshalb wenig störendem Passat-Gegenwind nicht zu verfehlen ist.

Erst von dort aus musste sich dann aber die allermutigste Tat der menschlichen Seefahrt anschließen: Die Reise von Südamerika aus über rund 3700 Kilometer zurück nach Westen, ohne dabei den winzigen Heimathafen Osterinsel im riesigen Stillen Ozean zu verfehlen. Diese Fahrt dürfte tatsächlich gelungen sein, wie Genanalysen jetzt beweisen: Im Erbgut von Osterinsulanern finden sich Spuren von Genen, die eindeutig noch vor der Ankunft der Europäer aus Südamerika importiert wurden.

Mit Gefährten zurück nach Hause

Diesen Schluss ziehen der Evolutionsbiologe und Doyen der Erbgutanalyse alter Völker, Eske Willerslev von der Universität Oslo, nachdem er und sein Team die Gene von Ureinwohnern der Osterinsel einer genauen Untersuchung unterzogen haben [1]. Dabei achteten sie insbesondere auf verräterische Abschnitte in der DNA, die Vermischungen der Insulaner und ihrer Ahnenreihe mit Volksstämmen aus anderen Weltgegenden belegen. Ergebnis: Die einheimischen Rapanui sind, wie erwartet, größtenteils genetische Polynesier und am nächsten verwandt mit Bewohnern der Cook-Inseln. Zudem aber tragen sie 16 Prozent europäische und etwa 8 Prozent südamerikanische Gene.

Ein Moai
Ein Moai | Ein Moai mit Blick aufs Meer. Bis heute sind mehr als 900 solcher Kopfstatuen auf Rapa Nui entdeckt worden – ihre Funktion bleibt weiter rätselhaft. Einige der Köpfe wogen bis zu 82 Tonnen und man fragt sich bis heute, wie sie an ihren Aufstellungsort transportiert worden sind.

Die immer ausgefeilteren Analysealgorithmen erlauben mittlerweile, solche genetischen Beimischungen nicht nur aufzudecken, sondern auch zeitlich einzuordnen. Dabei ergibt sich naturgemäß, dass erst nach der "Entdeckung" der Osterinsel durch den Holländer Jakob Roggeveen 1722 europäisches Erbgut einzuschleichen begann – vor allem als ab 1862 das düstere Kapitel der Verschleppung der Insulaner einsetzte und europäische Sklavenhändler sich auf der Insel festsetzten. Als Chile 1888 das Eiland annektierte, wurden die Verbindungen dann noch mal enger.

Mit aller Vorsicht schon in den Jahren zwischen 1310 und 1420, ganz sicher aber vor der Mitte des 18. Jahrhunderts mischten sich jedoch bereits deutliche südamerikanische Einflüsse in den Genpool der Osterinsulaner, zeigen die Gendaten. Das bestätigt frühere, noch weniger genaue Erkenntnisse, die bis dahin aber niemand so ganz hatte glauben wollen [2]. Dabei sammeln sich schon seit Anfang des letzten Jahrhunderts Indizien auf Indizien für einen frühen, präkolumbischen kulturellen Austausch zwischen Amerika und den verschiedenen Inseln Polynesiens: Bootstypen und Angelgerät sowie ihre Benennung ähneln sich hier und dort, und Süßkartoffel wie Flaschenkürbis fanden ihren Weg von Ost nach West. In Gegenrichtung reisten womöglich Hühner: In einer (allerdings wegen Datierungsproblemen nicht unumstrittenen [3]) Studie konnte "polynesisches Erbgut" in Knochenresten von Federvieh nachgewiesen werden, das vor den ersten europäischen Hühnern nach Amerika importiert worden war.

Moais auf der Osterinsel
Moais auf der Osterinsel | Eine Reihe von Moais auf der Osterinsel. Schon seit langer Zeit versuchen Archäologen, die Statuen und die Bauweise der Plattformfundamente (den "Ahu") mit südamerikanischen Vorbildern zu erklären – bis dato aber noch nie wirklich für alle Experten überzeugend. Immerhin zeigen neue Genuntersuchungen, dass tatsächlich folgenreiche Kontakte zwischen dem entfernten Rapa Nui und dem Kontinent bestanden.

Die südamerikanischen Gene der Rapanui belegen den frühen Kontakt zwischen Osterinsel und Amerika nun aber wohl endgültig. Wie die Navigatoren den Rückweg auf die Insel geschafft haben – offensichtlich mitsamt neuen südamerikanischen Genen und Gespielinnen –, bleibt unbekannt, aber jedenfalls ein Meisterstück. Vielleicht gelang die Reise in manchen Zeiten und Klimafenstern leichter. Eine Frage bleibt indes offen: Traten überhaupt alle aus Polynesien stammenden Amerikaentdecker die Rückreise an?

Polynesier besiedeln Brasilien

Bisher gab es auf diese Frage keine Antwort. Und selbst Genforscher hofften eigentlich nicht unbedingt auf eine; denn wahrscheinlich, so ihre Annahme, wäre ein etwaiger genetischer Einfluss weniger polynesischer Immigranten im Genpool der vielen Amerikaner schlicht nicht eindringlich genug gewesen und längst zu stark verdünnt, um ihn heute nachweisen zu können. Falsch gedacht, meint Willerslev nun in einer zweiten Publikation, die er mit einem Team von Forschern durchgeführt hat.

Dabei untersuchte das Team die Schädel von brasilianischen Ureinwohnern, den Botocudos (auch Botokuden, Aymoré oder Krenak genannt). Diese indigenen Südamerikaner – benannt sind sie nach dem charakteristischen Holzscheibenschmuck in der Unterlippe, den "Botoques" – lebten einst vor allem in den Küstenregionen des heutigen brasilianischen Bundesstaats Minas Gerais. Heutzutage gibt es nur noch sehr wenige Angehörige dieses Stammesverbunds, der bis zum Ende des 18. Jahrhunderts von den europäischen Siedlern in einen jahrzehntelangen, brutalen Vernichtungskampf getrieben wurde. Ihm fielen wohl auch zwei Krieger zum Opfer, deren Schädel in einer brasilianischen Museumssammlung aufbewahrt sind.

Zuletzt waren diese Schädel genetisch untersucht worden, wobei auffiel, dass die beiden Männer offensichtlich polynesisches Erbgut gehabt hatten. Wahrscheinlich, so die Erklärung, gehörten sie also zu den Unglücklichen, die im Zuge der Sklaverei nach Südamerika verschleppt wurden. Sie könnten die Südseegene etwa aus Madagaskar mitgebracht haben (woher viele Sklaven mit ozeanischen Vorfahren stammen); oder vielleicht aus Polynesien selbst, wo in den Jahren 1862 bis 1864 zahlreiche Menschen versklavt wurden.

Botocudo-Häuptling mit Familie
Botocudo-Häuptling mit Familie | Die indigenen Botocudos – benannt nach dem Holzscheibenschmuck in der Unterlippe, den "Botoques" – waren vor allem in den Küstenregionen von Zentralbrasilien beheimatet. Zwei alte Schädel, die von Anthropologen gesammelt und durch eine Aufschrift als den Botocudos zugehörig gekennzeichnet wurden, haben Forscher jetzt genetisch untersucht.

Beides kann aber nicht stimmen, meinen nun Willerslev und Co nach einer neuen und viel genaueren Untersuchung des Erbguts der Toten [4]. Zum einen zeigen beide Botocudos keinerlei nicht polynesisches Genmaterial – eine typische Beimischung afrikanischer Gene wäre aber sicher, wenn sie oder ihre Vorfahren aus Madagaskar verschleppt worden wären. Wichtiger jedoch sei, dass die beiden Toten deutlich früher gelebt hatten als bisher angenommen: Die (wegen verschiedener Umstände recht kniffelige) Radiokarbondatierung ihrer Zähne belegt, dass sie fast sicher schon vor 1760 gestorben waren – und womöglich eher sogar im 16. oder frühen 17. Jahrhundert gelebt haben. Mithin: lange bevor Europäer Sklaven geschweige denn Sklaven aus Polynesien nach Brasilien gebracht haben. Noch stehen weitere Untersuchungen aus, aber Willerslev ist recht sicher: Die Botocudos oder ihre Vorfahren scheinen selbst aus dem Pazifikraum eingewandert zu sein, haben den ganzen südamerikanischen Kontinent durchquert und sich schließlich an der Ostküste niedergelassen.

Das wirft – auch wenn handfeste Gegenargumente fehlen – natürlich allerlei Fragen auf. Warum, zum Beispiel, haben sich die Polynesier in Südamerika offenbar lange Zeit nicht mit Südamerikanern vermischt? Warum verwendeten sie, ungeachtet der offensichtlich fehlenden Kontakte mit dem Rest Südamerikas, trotzdem ein einheimisches, den Macro-Ge-Sprachen zugehöriges Idiom, als die Europäer sie kontaktierten (und töteten)? Könnte es sich um einen großen Zufall handeln (etwa zwei um das Jahr 1750 an Bord europäischer Schiffe nach Brasilien gereister Polynesier, die zufällig beide im selben Stamm im Landerinneren landeten)?

Ganz klar: "Es ist schwer zu erklären, warum wir die ältesten polynesischen Genspuren Südamerikas mitten im brasilianischen Urwald gefunden haben", meint die Willerslev-Gruppe – und will vor allem erst einmal andere Botocudo-DNA genauso penibel untersuchen wie die Spuren aus den beiden nun erforschten Schädeln. Klar sei aber, dass die bisher gefundenen Erbgutspuren aus Polynesien stammen und viel älter sind als 200 Jahre. Und ebenso sicher ist, dass schon im Mittelalter Polynesier theoretisch nach Amerika segeln konnten – sie werden auch irgendwo auf dem Weg nach Brasilien Spuren hinterlassen haben, hoffen die Forscher.

44. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44. KW 2014

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