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News: Frühe Sonnenanbeter

Seit Jahrtausenden liegen die Reste der einstigen Kreisgrabenanlage vergessen unter der Ackerkrume. Erst Luftbildaufnahmen aus den neunziger Jahren ließen vermuten, dass sich hier einst ein besonderer Ort befand. Doch ihr wahres Geheimnis gab die Anlage von Goseck erst bei neuerlichen Untersuchungen preis.
Kreiswallanlage bei Goseck
Irgendwann vor etwa 10 000 Jahren begann der Mensch sesshaft zu werden und sein Leben mit Ackerbau und Viehzucht zu bestreiten. Fand der Himmel mit seinen Gestirnen zuvor vermutlich nur wenig Beachtung, so wurde der Gang der Sonne und anderer markanter Himmelsobjekte für die frühen Bauern auf einmal eminent wichtig. Ließen sich doch anhand immer wiederkehrender astronomischer Ereignisse wichtige Zeitpunkte für Aussaat und Ernte festmachen. Da die Sonne das auffälligste Himmelsobjekt ist, liegt es nahe, dass die Menschen in der Jungsteinzeit bereits recht gut über ihren Weg am Firmament Bescheid wussten. Wie gut, das zeigen nun auch Befunde einer Kreisgrabenanlage in der Nähe des Ortes Goseck in Sachsen-Anhalt.

Zwar ist dieses rund 75 Meter im Durchmesser große Erdwerk bereits seit den neunziger Jahren bekannt, als es aus der Luft entdeckt und später mit geomagnetischen Methoden erfasst wurde. Doch erst in jüngster Zeit untersuchen Archäologen des Landesamt für Archäologie Sachsen-Anhalt, der Universität Halle-Wittenberg und der TU Freiberg den Befund eingehend, legen Schnitte an und nehmen das Areal genau in Augenschein.

Und die ersten Ergebnisse sind erstaunlich: So datiert das bislang bei den Grabungen geborgene archäologische Material in die frühe stichbandkeramische Kultur, womit die Anlage etwa zwischen 5000 und 4800 vor Christus genutzt wurde. Zu dieser Zeit war an die bekannte Kreisanlage Stonehenge nicht einmal zu denken. Erst 2000 Jahre später wurde hier ein erster Graben ausgehoben, und es sollte noch einmal tausend Jahre dauern, bis die Anlage im Süden Englands in ihrer letzten Ausbaustufe fertig gestellt war.

Das allein ist schon bemerkenswert, doch die Anlage von Goseck hat noch mehr zu bieten. Denn offenbar diente sie tatsächlich zur Beobachtung astronomischer Phänomene – zumindest wurde bei ihrem Bau astronomisches Wissen berücksichtigt. So waren Wall, Graben und Doppelpalisade der kreisförmig-konzentrischen Anlage an drei Stellen von einem "Durchgang" durchbrochen. Das ist sehr ungewöhnlich, denn vergleichbare Monumente besitzen sonst in aller Regel entweder vier oder zwei Tore.

Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum fand die Bedeutung heraus: So handelt es sich bei den Torunterbrechungen der inneren Palisadenreihen und des äußeren Grabens um eine Art Visiervorrichtung. Das Südosttor markierte zu Beginn des 5. vorchristlichen Jahrtausends vom Zentrum der Anlage aus gesehen exakt den Punkt des Sonnenaufgangs zur Wintersonnenwende am 21. Dezember. Das Südwesttor gab dazu passend den Blick frei auf den Sonnenuntergang am selben Tag. Das dritte Tor weist nach Norden und lag somit auf der Projektion des Himmelsmeridians.

Und noch etwas wies auf die Funktion als Peilöffnung hin: So verengen sich die Toröffnungen von außen nach innen, was eine präzise Beobachtung erlaubte. Damit bestätigt die Kreisgrabenanlage von Goseck, dass auch bereits für die ersten agrarisch geprägten Gesellschaften Europas die Festlegung markanter Fixpunkte der Jahreszyklen von größter Bedeutung war.

Schließlich ergibt sich noch ein weiterer interessanter Zusammenhang: Die mittlerweile berühmte Himmelsscheibe von Nebra, die bislang früheste Himmelsdarstellung, wurde unweit der Kreisgrabenanlage von Goseck gefunden. Nur 25 Kilometer Luftlinie ist der Mittelberg entfernt, auf dessen Gipfel im Erdreich vergraben die Bronzescheibe die Jahrtausende überdauerte – übrigens ebenfalls in einer kreisförmigen Wallanlage.

Doch sowohl Himmelsscheibe sowie die Erdwälle auf dem Mittelberg sind deutlich jüngeren Ursprungs als die Anlage von Goseck. Um 1600 vor Christus entstand vermutlich die Bronzescheibe. Dennoch, die Nähe der Fundorte sowie gewisse astronomische Gemeinsamkeiten legen die Vermutung nahe, dass die darauf angebrachten Darstellungen auf eine lange Tradition der Himmelsbeobachtung zurückzuführen sind. So haben etwa die auf der Himmelsscheibe gezeigten Horizontbögen ebenso Beziehungen zur Wintersonnenwende wie die Kreisanlage von Goseck. Durch die Darstellung einer Himmelsbarke, die zwischen den Horizonten hin- und herfährt, wird nach Meinung der Archäologen zugleich die mythologische Überhöhung der Gestirne und ihrer religiös-kultischen Bedeutung für den vorgeschichtlichen Menschen zum Ausdruck gebracht.

Offenbar war von Anfang an astronomisches Wissen mit mythologisch-kosmologischen Vorstellungen verknüpft. Dadurch gewähren Anlagen wie bei Goseck Einblicke in die geistig-religiöse Welt der ersten Bauern Europas. Denn derartige Erdwerke waren meist Zentren großer Siedlungsgebiete und zeichneten sich aufgrund ihrer zentralen, weithin sichtbaren Lage in der Landschaft aus. Weiterhin weisen bewusste Deponierungen und Reste von Tier- und Menschenopferungen auf die große Bedeutung dieser Denkmäler als zentrale Kult- und Versammlungsplätze hin. Astronomische Beobachtungen, kultische Umzüge und Zeremonien vermischten sich hier in einmaliger Art und Weise mit gesellschaftlichen Aktivitäten.

Und so sind sich die Archäologen sicher: Der Nachweis, dass es sich bei der Gosecker Kreisanlage um ein Sonnenobservatorium handelt noch dazu von stattlichem Alter, eröffne der Wissenschaft die Möglichkeit, die gesamte Denkmälergruppe in einem neuen Licht zu sehen.

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