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Homo erectus : Frühmenschen waren erstaunlich schnell nach Ostasien gelangt

Spätestens vor 1,77 Millionen Jahren war Homo erectus ins heutige China gewandert. Damit muss er rasant schnell von Afrika aus Eurasien erobert haben. Doch ein Rätsel bleibt ungelöst.
Gezeigt ist die Rekonstruktion eines Jungen, der vor circa 1,6 Millionen Jahren in Afrika gelebt hat. Er hat einen Stab über die Schulter gelegt und seine Hände locker darauf abgelegt. Der Junge lächelt.
Die lebensgroße Rekonstruktion eines Homo erectus im Neanderthal Museum bei Mettmann beruht auf circa 1,6 Millionen Jahre alten Knochenresten aus Kenia.

Der vermutlich erste Vertreter unserer Gattung, Homo erectus, war auch der erste Frühmensch, der Afrika verließ. Vor mehr als 1,8 Millionen Jahren hatte er den Kaukasus im heutigen Georgien erreicht. Dann – vor 1,4 Millionen Jahren – war er bis in den Westen der heutigen Ukraine vorgestoßen und weiter nach Westeuropa gewandert. Homo erectus war allerdings auch gen Osten marschiert. Wann er in Ostasien ankam, ist jedoch umstritten. Geowissenschaftler und Paläoanthropologen haben deshalb den Fundplatz von drei fossilen Schädeln und Hunderten Steinartefakten in China erneut untersucht – und präziser datiert.

Demnach sind die Schädel von Yunxian (Zentralchina) nicht nur deutlich älter als bislang angenommen, sondern die bisher ältesten Homo-erectus-Fossilien in Ostasien. Ihr Alter betrage etwa 1,77 Millionen Jahre. Das bedeute auch, dass sich Homo erectus extrem rasch in Eurasien ausgebreitet hatte, wie die Fachleute um Hua Tu von der Shantou University und der Nanjing Normal University in »Science Advances« berichten.

Die bisherigen Datierungen der drei Schädel von Yunxian schwankten zwischen einem Alter von 0,8 und 1,1 Millionen Jahren. Hua Tu und seine Kollegen besuchten die Fundstätte erneut und datierten mithilfe der Aluminium-Beryllium-Methode solche Sedimente, die, wenige Dutzend Meter von den Fundstellen entfernt, aus denselben geologischen Schichten wie die Schädel stammten.

Mit der Aluminium-Beryllium-Methode lässt sich feststellen, wann sich Sedimentschichten letztmalig unter freiem Himmel befunden haben. Sie basiert auf folgendem Prozess: Die ständig auf die Erde einprasselnde kosmische Strahlung bildet in Quarzteilchen bestimmte Isotope – radioaktives Aluminium-26 und Beryllium-10. Werden die Quarzminerale dann irgendwann von anderem Material überdeckt, dringt auch keine kosmische Strahlung mehr zu ihnen durch. Es werden keine neuen Isotope mehr gebildet, und die bis dahin erzeugten Isotope beginnen zu zerfallen. Ihre Zerfallsrate ist bekannt. So kann man berechnen, wann die Schädel von Yunxian von Sedimenten umschlossen wurden.

Was von Homo erectus aus China bekannt ist

Ähnlich alte Fossilien von Homo erectus sind in China aus Yuanmou und Gongwangling bekannt. Diese gehen in eine Zeit von vor 1,72 sowie 1,63 Millionen Jahren zurück. Beide Fundstellen wurden mit derselben Methode wie die drei Schädel datiert, allerdings hat man in Yuanmou die Fossilien nicht aus Gesteinsschichten geborgen, sondern auf der Oberfläche aufgelesen. Der Fundzusammenhang ist somit nicht gesichert, und die Datierung bleibt vage.

Die Schädel von Yunxian sind nun zwar die bisher ältesten bekannten Fossilien des Homo erectus in Ostasien, im heutigen China wurden aber Steinwerkzeuge dokumentiert, mit denen Frühmenschen wohl schon vor mehr als zwei Millionen Jahren hantiert hatten. Im südchinesischen Shangchen reichen die Fundschichten etwa 2,1 Millionen Jahre zurück. Im circa 100 Kilometer östlich davon gelegenen Xihoudu seien die Steingeräte sogar ungefähr 2,4 Millionen Jahre alt. Das bringt die Paläoanthropologen in ein chronologisches Dilemma: In Afrika sind die ältesten Funde, die sicher zu Homo erectus gehören, nicht älter als zwei Millionen Jahre. Wer befand sich dann Jahrhundertausende früher schon in Ostasien?

Sollte sich die Datierung der Werkzeuge bestätigen und sollte es sich tatsächlich um von Menschen hergestellte Geräte handeln, wäre laut Hua Tu und seinem Team zu erwägen, ob »alternative Homininen die möglicherweise frühesten Bewohner Asiens waren«. Das könnten aber erst weitere Forschungen ergeben. Die Neudatierung der Yunxian-Schädel habe jedoch zumindest die chronologische Lücke zu den Werkzeugfunden etwas weiter geschlossen.

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  • Quellen
Tu, H. et al., Science Advances 10.1126/sciadv.ady2270, 2026

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