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News: Furcht vergessen machen

Dauernd Angst zu haben oder aber ständig furchtlos sein Leben zu gefährden - eine gelungene Balance zwischen beiden Extremen ist die Grundlage nicht nur emotionaler Gesundheit. Ein Standbein dieser Balance ist nun entdeckt worden: der Mechanismus, der unsere Furcht im Zaum halten kann.
Angst ist keine angenehme Empfindung, bleibt gleichzeitig aber eine völlig unverzichtbare emotionale Grundlage des menschlichen Lebens. Schließlich vermittelt das dumpfe Gefühl im Magen unmissverständliche Warnungen vor drohenden Gefahren und schmerzhafte Erinnerungen an Verhaltensweisen, die man schon zuvor einmal lieber gelassen hätte: Angst hilft uns dabei, aus Fehlern klug zu werden.

Angst erfordert aber auch einen Gegenspieler, der ihrer Herr werden kann – einen Mechanismus, der emotional belastende Situationen zu verarbeiten hilft, sobald sie überstanden sind. Solch ein Mechanismus darf die Erfahrung zwar nicht völlig vergessen machen – der Lerneffekt wäre dann ja ebenso verloren – sondern muss vielmehr das emotionale Gedächtnis so ausbalancieren, dass erlebte Ängste nicht bestimmend über alle Lebenssituationen werden. Dies kann beispielsweise bei Patienten der Fall sein, die unter Panikattacken oder posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Bei ihnen vermutet man Störungen im System des körpereigenen Angst-Gegenspielers.

Gregory Quirk und Mohammed Milad von der Ponce School of Medicine machten sich nun bei Ratten auf die Suche nach der Funktionsweise und anatomischen Lage des angstdämpfenden Systems. Zunächst konditionierten sie ihre Versuchstiere darauf, ein Tonsignal zu fürchten: Während einer Lernphase spielten sie den Ratten dieses Signal vor und verabreichten ihnen gleichzeitig einen leichten Stromstoß. Nach kurzer Zeit reagierten die Tiere panisch, sobald sie nur den Ton hörten – auch dann also, wenn er nicht mehr von einem elektrischen Schlag begleitet wurde.

Assoziative Lernprozesse wie dieser sind bei allen Tieren und dem Menschen wohlbekannt. Die Wissenschaftler untersuchten nun, welche Regionen des Gehirns daran beteiligt sind, die Assoziation zwischen Ton und Strom wieder zu löschen, sobald sie für das Tier offensichtlich irrelevant geworden ist. Dazu präsentierten sie ihren zuvor konditionierten Ratten nun wiederholt das furchteinflößende Geräusch, ohne sie jedoch gleichzeitig mit dem Stromschlag zu traktieren. Gleichzeitig beobachteten die Forscher die Hirnaktivität der Nager, die mit den Wiederholungen auch zunehmend die Angst vor dem Ton verloren.

Während dieses Angstverlernens beobachteten die Forscher starke neuronale Aktivitäten besonders im medialen präfrontalen Cortex des Rattengehirns: Je stärker die Nervenzellen der dortigen Hirnregion aktiv wurden, desto weniger ängstlich zeigten sich die Ratten. Diese Neuronen waren am vorangegangen Lernprozess dagegen gar nicht beteiligt gewesen – offensichtlich kommt ihnen allein eine angstverdrängende Funktion zu. Dies bestätigte sich durch weitere Experimente: Als die Forscher die betreffende Gehirnregion der ängstlichen Ratten gezielt elektrisch aktivierten, nahm die erlernte Furcht vor dem Tonsignal deutlich stärker ab.

Offenbar ähnelt also das Verlernen von Angst und Furcht nicht etwa passivem Vergessen, sondern "scheint vielmehr ein aktiver Prozess zu sein. Dabei wird nicht etwa die erlernte Angst-Assoziation gelöscht, sondern ein neues Sicherheitsgefühl signalisiert", erklärt Quirk. Eine Sicherheitsassoziation also, die dem vorher erlernten Angst-Signal gegenübergestellt wird – und dann wohl situationsabhängig bewertet und verrechnet wird.

Die grundlegenden Ergebnisse der Wissenschaftler versprechen medizinische Hilfe auch für Menschen – vielleicht sogar schneller als oft üblich und ohne Medikamente. Im menschlichen Gehirn bildet der präfrontale Cortex Ausläufer in die Amygdala, eine Hirnregion, die als wichtiger Knotenpunkt des Angstgedächtnisses angesehen wird. Stimulierte man den Cortex – etwa durch die noch experimentelle transcraniale magnetische Stimulations-Technik – so könnten dadurch traumatische Angstereignisse leichter bewältigt werden, vermuten die Wissenschaftler – und damit vielleicht Patienten mit posttraumatischem Stress oder Panikattacken geholfen werden.

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