Spielfelder der Fußball-WM: Jeder Spielort mit maßgeschneidertem Rasen

Fällt ein Fußball auf eine kahle Stelle im Rasen, wird das Problem sofort sichtbar: Der Ball springt unregelmäßig ab. Oder er bleibt einfach vor den Füßen eines Spielers liegen. Im Vorfeld der diesjährigen FIFA-Weltmeisterschaft, die in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet, sorgten diverse Videos und Fotos von Spielfeldern bereits für Diskussionen. Ein Clip zeigt beispielsweise eine Trainingssession der senegalesischen Mannschaft: In einem Stadion in New Jersey werfen Spieler des Teams einen Ball meterweit in die Höhe, der dotzt anschließend zweimal auf dem Rasen, bevor er still liegen bleibt. In der englischen Nationalmannschaft klagte man über einen ungleichmäßigen Rasen in Tampa, Florida, wo das Team ein Vorbereitungsspiel bestritt. Etwas früher, beim Eröffnungsspiel der Copa América im Jahr 2024 in Atlanta, berichteten argentinische Spieler wiederum, der Ball springe auf dem Spielfeld wie auf einem Trampolin.
Derlei Ungemach versucht die FIFA seit Jahren zu vermeiden. Doch in diesem Jahr ist die Herausforderung für den Weltfußballverband eine besondere, denn sie will den Naturrasen in 16 Spielstätten in drei Ländern unter völlig ungleichen Bedingungen gleichmäßig gestalten. Ein paar von den Spielstätten stehen in offenem Gelände, einige sind großer Hitze ausgesetzt, mancherorts könnte es regnen. Und dann gibt es noch überdachte Arenen mit kontrollierter Luftzirkulation. Versagt die Spielfläche an einem dieser Orte, kann dies das Spiel beeinflussen: Spieler stehen nicht mehr wie gewohnt, der Ball springt ungewöhnlich, der Rasen regeneriert nicht mehr schnell genug. In letzter Konsequenz kann sich das auf die Chancengleichheit zwischen den Teams auswirken.
Für die Fußball-WM der Männer im Jahr 1994, die ebenfalls in den USA stattfand, wurde Naturrasen an Orte gebracht, die nie dafür vorgesehen waren. Im Pontiac Silverdome in Michigan wurde der Rasen in sechseckigen Modulen verlegt. Laut John Sorochan, Professor für Rasenkunde an der University of Tennessee, befand er sich »bis zum Ende des Turniers im Überlebensmodus«. Improvisationstalent war hier gefragt. Ein ähnliches Szenario will die FIFA in diesem Jahr so gut wie möglich ausschließen.
Zusammen mit Sorochan, der damals noch Student war, baute John Trey Rogers III, Professor für Rasenkunde an der Michigan State University, damals das Silverdome-Spielfeld. Vor fünf Jahren engagierte die FIFA die beiden Forscher erneut. Sie sollten ein wissenschaftlich fundiertes System entwickeln, das dafür sorgt, dass Ball und Fuß eines Spielers auf jedem Spielfeld gleich auf den Boden treffen.
Acht der 16 WM‑Stadien verfügen normalerweise über Kunstrasen – fünf davon sind zudem überdacht, wodurch nur wenig Sonnenlicht auf das Spielfeld trifft. »Wenn ein Stadion nicht für Naturrasen ausgelegt ist, aber ein Spielfeld mit weltweiter Aufmerksamkeit haben will, dann muss es technisch mit einem Naturrasenstadion mithalten können«, erklärt Rogers. Dazu gehören Bewässerung, Drainage und in manchen Arenen auch ein spezielles Lüftungssystem unter der Spielfläche.
Diverse Rasensorten auf gleiche Eigenschaften getrimmt
Das Ziel des Projekts scheint einfach zu sein: Alle Spielflächen der 104 Spiele mit 48 Teams sollen den FIFA-Standards für einen Spitzenwettbewerb entsprechen. Doch die Anforderungen sind streng. Der Rasen muss Starkregen ableiten, darf aber nicht austrocknen. Er muss fest genug sein, um schnelles Spiel zu ermöglichen, darf aber nicht so hart werden, dass Spieler sich verletzen. Das Unterfangen erforderte zudem Umbauten an den Stadien selbst: In Dallas war die vorhandene Fläche nicht breit genug für ein reguläres Fußballfeld, in Kansas City wurden zehn Sitzreihen entfernt und in Philadelphia musste die Eckplätze abbauen.
Der Rasen selbst wird nach engen Vorgaben gezüchtet. Wärmere Spielorte setzen auf das trockenresistente Bermudagras, kühlere oder lichtärmere auf Cool-Season-Gräser, die oft mit hybriden Verstärkungsfasern versetzt werden. Die größte Herausforderung stellen allerdings die überdachten Stadien dar: Sorochan berichtet, dass dort eine Grasart von den britischen Inseln verwendet wird, die mit wenig Licht auskommt.
Im Stadion in Dallas näht eine Maschine synthetische Fasern in ein Band mit Naturrasen ein.
Die Rasenpflegerinnen und -pfleger gleichen den Mangel an Tageslicht mit künstlichem Licht aus. In Dallas hängen 18 Deckenlampen, die abgesenkt und über den Rasen geöffnet werden, bevor sie vor dem Spiel wieder eingeklappt werden; andere Stadien nutzen neun bis zwölf Lampen, die auf fahrbaren Gerüsten montiert sind. Sorochan berichtet, er habe sich in den letzten Wochen des Öfteren »auf Händen und Knien unter den Lampen befunden und das Licht gemessen«, um Schwankungen auszugleichen.
Der fünf Zentimeter dicke Rollrasen wird auf Kunststoffbahnen gezüchtet. So kann er transportiert werden und schlägt im Stadion keine Wurzeln. Synthetische Fasern, die in den Boden eingearbeitet sind, stabilisieren den natürlichen Rasen und verhindern laut Sorochan, dass die Spielfläche bei schnellen Richtungswechseln oder wenn Torhüter durch den Strafraum pflügen aufreißt.
Nach der Verlegung wird der Rasen ständig überwacht. Die Pflegeteams messen die Feuchtigkeit, belüften den Boden, um die Wurzeln mit Sauerstoff zu versorgen und die Lebensdauer zu verlängern, und sie mähen den Rasen, damit Balllauf- und -absprung gleichbleiben. Um das Spielverhalten zu prüfen, schießen sie Bälle mit 90 Kilometern pro Stunde unter einem Winkel von 17 Grad auf den Boden.
Aus botanischer Sicht werden die Spielfelder nie identisch sein, doch es geht um das Ziel, die natürlichen Unterschiede so weit zu reduzieren, dass sie den Spielern nicht mehr auffallen. »Da die Stadien in drei unterschiedlichen Klimazonen liegen, werden die Gräser und Mischungen unterschiedlich auf die jeweiligen Wachstumsbedingungen reagieren«, erklärt Gerald Henry, Professor für Umwelt-Rasenkunde an der University of Georgia.
Dennoch kann das Wetter den Plan durcheinanderbringen. Spitzenspieler reagieren äußerst sensibel auf ungewöhnliche Ballabsprünge. Dennoch zeigt sich Sorochan zum Turnierstart zuversichtlich: »Ich sehe nicht, dass die Spielfelder versagen könnten«, sagt er. »Ich bin gespannt. Ich denke, wir sind gut vorbereitet.«
Dennoch haben die Forscher versucht, sich vor Überraschungen zu schützen. Über die FIFA haben sie den lokalen Platzteams Leitlinien zukommen lassen, die Rasenpflege, Düngung, Bewässerung, Bodenbearbeitung, Schädlingsbekämpfung und die Mindestlichtmenge für die Hallenplätze regeln. Doch es handelt sich nicht um ein starres Rezept. »Wir sind da, um die Platzwarte zu unterstützen«, sagt Sorochan. »Zu viele Köche in der Küche gibt es hier nicht. Es gibt den Koch und viele gute Sous-Chefs, die ihn unterstützen.«
Einer von ihnen ist Tony Leonard, der sich normalerweise um den Rasen im Lincoln Financial Field, wo das American-Football-Team Philadelphia Eagles seine Heimspiele austrägt. Er sorgt sich vor dem unvorhersehbaren Wetter in Philadelphia und bringt die Aufgabe auf den Punkt: »Die richtige Rasenpflege und das Spielfeldmanagement, das ist eine Wissenschaft für sich. Und es ist eine Kunst.«
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