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Gedankenexperiment: Gab es Zivilisationen vor der Menschheit?

Forscher präsentieren eine bizarr klingende Theorie - an die sie selbst nicht glauben. Die Überlegungen haben allerdings einen durchaus aktuellen Hintergrund.
Die Skyline einer Stadt unter Wasser. Da jede versinkende Stadt aber erst einmal durch die Brandungszone durchmuss, sind echte untergegangene Städte mit Sand und Schutt überdeckte Trümmerhaufen.

Dinosaurier auf zwei Beinen, die eine globale technische Zivilisation errichteten, einen geologischen Wimpernschlag lang den Planeten dominierten und dann wieder verschwanden – würden wir von ihnen wissen? Und wie könnten wir sie aufspüren? Das sei überraschend schwer zu beantworten, schreiben nun Gavin A. Schmidt, Direktor des Goddard Institute for Space Studies der NASA, und Adam Frank von der University of Rochester. In ihrer neuen Publikation, die jetzt beim »International Journal of Astrobiology« zur Veröffentlichung angenommen wurde, schließen sie, dass die Erdgeschichte selbst eine Zivilisation wie die Menschheit verbergen kann. Wenn man nicht nach ihr sucht, so ein Fazit der beiden Wissenschaftler, würde man die Beweise für ihre Existenz womöglich übersehen.

»Das ist ein faszinierender und wichtiger Artikel«, sagt der Paläobiologe Jan Zalasiewicz von der University of Leicester, der auch an der Arbeitsgruppe zur Definition des Anthropozäns beteiligt ist. »Ich hoffe, dass er weitere Arbeiten an solchen Fragen anstößt.« Hintergrund der Spekulation über Vorläufer der Menschheit ist ein Thema, das aktueller kaum sein könnte. Ob es um den Schutz von Ökosystemen, Modelle des zukünftigen Weltklimas oder auch um die Suche nach Zivilisationen im fernen Weltall geht – all diese Themen lassen sich auf die von Schmidt und Frank gestellte Frage zurückführen: Wie verändert eine globale technische Zivilisation den Planeten?

Um des Arguments willen

So betont Frank in einem Beitrag für »The Atlantic«, dass die Autoren nicht daran glauben, es hätte eine solche Zivilisation wirklich gegeben. Das Gedankenexperiment sei eine »astrobiologische Perspektive« auf die Menschheit und ihre Spuren in den Gesteinen. Die nämlich seien langfristig gesehen vermutlich sehr zart. Darunter wären zum Beispiel deutlich mehr Sedimentablagerungen durch Erosion an Land sowie Häufungen seltener technischer Metalle und radioaktiver Elemente in den Ablagerungen; aber vor allem die Veränderungen in den Kohlenstoff-, Stickstoff- und Energiekreisläufen, die klare Signale in Form drastischer Veränderungen in Klima und Ozean hinterlassen können.

Schmidt und Frank listen eine Reihe von schnellen und katastrophalen erdgeschichtlichen Ereignissen auf, deren Auswirkungen in uralten Gesteinen womöglich Ähnlichkeiten mit denen der Menschheit haben. Darunter ist eine abrupte Hitzeperiode vor 55 Millionen Jahren, die durch enorme Mengen Kohlendioxid ausgelöst wurde und die Fachleute als mögliches Modell für den menschengemachten Klimawandel diskutieren. Es sei, argumentieren die Autoren, extrem schwierig, die Effekte einer globalen Zivilisation von natürlichen Ursachen solcher Ereignisse zu trennen.

Tatsächlich als künstlich erkennbare Artefakte oder gar fossile Überreste einer Millionen von Jahren alten Zivilisation zu finden, halten sie für extrem unwahrscheinlich – dabei verweisen sie auf den Mechanismus von Antikythera. Dieses Artefakt sei das einzige verbliebene seiner Art, obwohl es nur wenige tausend Jahre alt ist. Wie sollen solche Konstruktionen noch einmal die zig Millionen Jahre überstehen, die uns von hypothetischen nichtmenschlichen Zivilisationen trennen?

Wie man dem Vergessen anheimfällt

Dieser Einschätzung widerspricht Zalasiewicz wiederum. »Das Paper beschreibt chemische Signale gut, doch es vernachlässigt die Möglichkeit, dass es sehr verbreitete Technofossilien in terrestrischen und küstennahen Schichten geben könnte.« So könne man damit rechnen, dass zum Beispiel mineralische Baumaterialien wie Ziegel, Beton oder Glas über Jahrmillionen zwar verändert, aber immer noch eindeutig als künstlich auffallen würden. »Ein Geologe, egal welcher Spezies, würde sie sehr schnell als etwas Außergewöhnliches erkennen.« Eine globale Zivilisation würde außerdem enorme Mengen solcher Materialien erzeugen, gibt er zu bedenken.

Sicher ist das jedoch nicht. Ob eine technische Zivilisation nach Jahrmillionen noch auffällt, hängt auch davon ab, wie verschwenderisch sie mit ihren Ressourcen umgegangen ist. Die Menschheit dürfte mit ihrem enormen Energieverbrauch, den drastischen Veränderungen von Atmosphäre, Ozeanen und Biosphäre und nicht zuletzt den von ihr erzeugten 30 Billionen Tonnen Gebäuden und Technik noch sehr lange die Erde prägen. Womöglich allerdings würden andere Zivilisationen etwas sparsamer zu Werke gehen oder gar völlig andere Energiequellen und Materialien verwenden. Eine solche Kultur mit ihren subtileren Signalen wäre, wie Frank und Schmidt zeigen, sehr leicht zu übersehen – besonders, wenn man nicht gezielt nach ihr sucht.

16/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16/2018

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