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News: Gar nicht im Hier und Jetzt

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, der Zeit immer ein wenig hinterher zu sein? Keine Angst, das ist vollkommen normal. Das kennen die meisten Menschen. Schließlich hinkt unsere bewusste Wahrnehmung der Realität tatsächlich hinterher - um etwa 80 Millisekunden.
Wenn Sie glauben, dass Sie in der Vergangenheit leben, dann liegen Sie richtig. Und die Biologen um David Eagleman von der Salk University in Kalifornien können nun auch genau sagen, mit welcher Verspätung wir etwas bewusst wahrnehmen (Science 17. März 2000). Ein Augenblinzeln – etwa 80 Millisekunden – nach dem realen Ereignis, weiß auch unser Bewusstsein Bescheid.

Eagleman vergleicht diesen Vorgang mit der Ausstrahlung einer Live-Sendung im Fernsehen: "Die sind in Wirklichkeit gar nicht live, sondern werden mit etwa drei Sekunden Verzug gesendet, damit bei etwaigen Zwischenfällen durch den Regisseur eingegriffen werden kann. Das Gehirn macht dasselbe." Der Grund für dieses seit 1958 bekannte so genannte Flash-Lag-Phänomen ist bislang ungeklärt. An einem harmlosen Beispiel kann man diesen Effekt manchmal selbst beobachten: In der Nacht scheinen die Blinklichter eines Flugzeuges manchmal hinter den Tragflächen zu liegen. Vielleicht fungiert irgendein Bereich des Gehirns als eine Art Zensor, der nur bestimmte Informationen zulässt, anderen, vielleicht besonders schrecklichen, aber keinen Zugang zu unserem Bewusstsein gewährt.

Oder stellen Sie sich einen bewegten Ring vor, in dessen Mitte ein Blitzlicht ausgelöst wird. Obwohl die Position der Lichtquelle physikalisch festgelegt ist, sehen wir das Licht versetzt hinter dem Ring. Wissenschaftler leiten daraus ab, dass unser Gehirn Beobachtungen automatisch extrapoliert und auf diese Weise quasi in die Zukunft blickt. Um diese Vermutung zu testen und zu verfeinern, führten Eagleman und seine Kollegen eine Reihe weiterer, recht einfacher Experimente durch: Sie bewegten den Ring auf einer Kreisbahn, und im Augenblick des Blitzes stoppten sie die Bewegung oder kehrten die Richtung um.

Der Annahme zufolge müsste der Ring in jedem Fall ein Stückchen vor dem Blitz erscheinen, da ja das Gehirn die Bewegungsrichtung registriert und das kommende Bild "vorausberechnet". Die Ergebnisse widersprachen dem jedoch: Stoppte der Ring im Augenblick des Blitzes, wurde das Licht im Zentrum wahrgenommen. Kehrte er seine Richtung um, so erschien das Licht in der entgegengesetzten Richtung.

Im nächsten Versuch ließen die Forscher den Ring im Augenblick des Blitzes stillstehen und bewegten ihn unmittelbar danach in eine der beiden Richtungen weiter. Sie kamen zu denselben Resultaten. "Der Blitz erscheint immer leicht versetzt vom Zentrum, abhängig von der Bewegungsrichtung des Ringes nach dem Leuchten," fasst Eagleman zusammen. Die Experimente lieferten derart reproduzierbare Ergebnisse, dass die Forscher den Sekundenbruchteil ermitteln konnten, den unser Gehirn offenbar unserer optischen Wahrnehmung voraus ist: 80 Millisekunden. Eagleman betont aber, dass es sich dabei um einen Durchschnittswert handelt: "Jet-Piloten leben vielleicht weniger in der Vergangenheit als der Rest von uns."

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