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News: Gastarbeiter-Lieder: "Jahrelang habe ich euch nun ertragen..."

Wie sehen türkische Gastarbeiter ihr Leben in Deutschland? Welche Rolle kommt ihnen in unserer Gesellschaft zu, und was erwartet sie bei der Rückkehr in die Türkei? Ein Sprachwissenschaftler sammelt ihr Liedgut, das von Heimweh, enttäuschter Hoffnung und dem Leben zwischen zwei Kulturen erzählt.
"Ein Leben lang habe ich Arbeit gesucht – im Ausland, im Ausland; Tag und Nacht habe ich Arbeit gesucht – im Ausland, im Ausland", so beginnt ein in Deutschland kursierendes türkisches Volkslied. "Fern der Heimat sind wir, große Träume hatten wir, doch zu Devisenmaschinen wurden wir – im Ausland, im Ausland." Das Lied "Im Ausland" ist nur ein Beispiel für ein Genre, das unter türkischen Gastarbeitern gewachsen ist. Zu traditionellen türkischen Weisen werden diese Lieder auf Festen und Zusammenkünften von Türken in Deutschland gesungen, aber auch von türkischen Musikern per Kassette vertrieben. Der türkische Sprachwissenschaftler Ali Osman Öztürk von der Selcuk-Universität in Konya hat dieses Liedgut gesammelt und ausgewertet.

Kulturschock und Heimweh sind nach den Erkenntnissen des Wissenschaftlers die immer wiederkehrenden Motive dieser Lieder. "Jahre bin ich nun im Ausland, wohin das Schicksal mich verschlug", lautet ein Klagelied über das Heimweh. "In meinen Träumen sehe ich die Türkei – laß mich ziehen, grausames Schicksal."

Noch bitterer ist ein ähnliches Lied: "Das Heimweh brennt in meinem Herzen; dieses Deutschland hat mich zugrunde gerichtet", heißt es darin. Und auch Klagelieder der Zurückgebliebenen gibt es: "Tage und Monate vergehen, doch von meinem Geliebten kommt keine Nachricht. Was ist dieses Deutschland nur für ein Land? Keiner, der dorthingeht, kehrt zurück."

Fetziger als diese melancholischen Weisen klingen die Lieder, die sich mit Ausländerfeindlichkeit auseinandersetzen. "Die Straßen habe ich gefegt, hey hey Nazis", heißt es in einem rythmisch gereimten Text von "Ich bin Müllmann in Deutschland". "Dennoch verachtet ihr mich, hey hey Nazis."

Etwas getragener wirkt ein anderes Lied zum selben Thema: "Deutschland lag in Trümmern, und wir haben es wieder aufgebaut; doch sie haben unsere Arbeit nicht geachtet, und dann sagten sie Ausländer Raus." Wut und Trotz schwingt in diesen Zeilen mit: "Jahrelang habe ich euch nun ertragen, jetzt habe ich eure blonde Tochter geheiratet. Ich gehe mit ihr in die Türkei, dann könnt ihr unser Bild ja in der Zeitung betrachten."

Aber auch in der Türkei haben die ehemaligen Gastarbeiter ihre Probleme, wie ein weiteres Lied illustriert: "Helmut nennt mich einen schmutzigen Ausländer, Tugrul nennt mich Deutschländer", heißt es zu dem Begriff, der in der Türkei die zwischen die Kulturen geratenen Rückkehrer bezeichnet. "Wenn ich eines Tages in die Türkei zurückkehre, ob mich Herr Sabanci dann wohl einstellt?" Der Text ist nach einem klassischen türkischen Schema aufgebaut, in dem sich die erste und zweite Zeile mit der vierten Zeile reimen. Sabanci, der Name eines der größten Konzerne in der Türkei, reimt sich dabei auf "yabanci", das türkische Wort für Ausländer, und "Almanci" (Deutschländer).

Mehr als 70 solche Lieder hat Öztürk bisher zusammengetragen. Obwohl das Genre den meisten Deutschen unbekannt sein dürfte, hat es bereits Eingang in den Kanon deutschen Liedguts gefunden: Im Deutschen Volkslieder-Archiv in Freiburg hat Öztürk eine entsprechende Sektion aufgebaut, die nun von einem türkischen Studenten weiter betreut und ausgebaut werden soll.

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