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Geburtshilfe: »Die Hebammen rennen zwischen den Frauen hin und her«

Nach scharfer Kritik lenkt Karl Lauterbach ein: Hebammen werden doch weiterhin über das Pflegebudget bezahlt. Doch die Lage bleibt ernst, sagt die Präsidentin des Hebammenverbands.
Eine schwangere Frau liegt in einem Krankenhausbett und hat ofensichtlich Wehen.
In jedem dritten Dienst betreut die Hälfte der Hebammen drei Frauen gleichzeitig während der aktiven Geburtsphase, ein Drittel sogar vier oder mehr. Deshalb bleiben manche Gebärende zeitweise ohne professionelle Betreuung.

Wie sollen Hebammen in Kliniken zukünftig finanziert werden? Die Pläne von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zu dieser Frage sorgen schon länger für Diskussionen: Seine Finanzreform der gesetzlichen Krankenkassen soll unter anderem das Pflegebudget an Kliniken neu regeln. Darin steht, dass ab 2024 über dieses Budget nur noch Pflegekräfte bezahlt werden, die unmittelbar Patientinnen und Patienten auf bettenführenden Stationen betreuen. Das hieße: Anderes medizinisches Fachpersonal wie Physiotherapeuten, Logopäden oder Hebammen müssten die Krankenhäuser anderweitig finanzieren. Der Deutsche Hebammenverband warnte unter anderem in einem Brandbrief, dass Kliniken deshalb die Hebammen auf Station entlassen würden und Pflegekräfte ihre Aufgaben übernehmen müssten. Dies gefährde die Versorgung von Frauen und Kindern in bisher ungekanntem Maß. Trotz der Kritik wurde die GKV-Finanzreform im Bundestag durchgewunken. Eine Onlinepetition sorgte anschließend für viel Diskussion: In nur wenigen Tagen unterschrieben mehr als 1,2 Millionen Menschen den Appell einer Mutter, Hebammen in Kliniken weiterhin über das Pflegebudget zu finanzieren. Bereits zwei Tage später versprach Karl Lauterbach in einem Interview mit der »Rheinischen Post«, auf diese Forderung einzugehen. Doch die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands Ulrike Geppert-Orthofer bleibt skeptisch. Die Lage der Hebammen sei weiterhin dramatisch, erklärt sie im Interview mit »Spektrum.de«.

Spektrum.de: Sie haben monatelang dafür geworben, die Finanzierung der Hebammen sicherzustellen – ohne Erfolg. Wie bewerten Sie nun die plötzliche Kehrtwende Karl Lauterbachs?

Ulrike Geppert-Orthofer: Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben. Gut ist, dass der Gesundheitsminister jetzt ein Einsehen hatte. Ich finde es nur schade, dass es dafür anscheinend erst einen enormen öffentlichen Druck braucht. Die Grundlage der Petition bildeten unsere schon oft geäußerten Argumente. Aber es brauchte wohl erst die Petition und die große Resonanz darauf, ihn dazu zu bewegen, sich umzuentscheiden. Das Umdenken freut uns. Allerdings wird es in der Öffentlichkeit als Zurückrudern wahrgenommen. Dabei hätte man das auch von vornherein anders gestalten können, wenn er viel früher mit uns gesprochen hätte.

Ulrike Geppert-Orthofer | Die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands vertritt rund 22 000 Hebammen in Deutschland.

Welche Fehler wurden Ihrer Meinung nach gemacht?

Die Regierungskommission, die die Empfehlungen für die Finanzierung der Geburtshilfe erarbeitet hat, hat leider keine geburtshilfliche Expertise mit einbezogen. Weder Ärzte noch Hebammen waren da involviert. Da fragt man sich schon, wie ernsthaft das Interesse an einer Verbesserung wirklich ist? Das ist ein Kardinalfehler, der so einfach hätte vermieden werden können. Die Geburtshilfe wird immer vergessen. Es gab beispielsweise nie einen Coronabonus für Hebammen. Wir hatten in der Pandemie anfangs keinen Anspruch auf persönliche Schutzausrüstung und unsere Kinder hatten keinen Anspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz. Wir wurden auch bei der Test- und der Impfverordnung nicht berücksichtigt. Das ist das eine. Wir sind aber genauso entsetzt, wie wenig bekannt ist, was Hebammen eigentlich alles leisten. Dass Hebammen auf Stationen ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen, ist immer noch nicht im Bewusstsein unserer Gesundheitspolitik angekommen. Wir hoffen, dass Karl Lauterbach künftig weiß, dass er besser direkt mit uns spricht, anstatt über uns hinweg zu entscheiden. Und dass er wahrgenommen hat, dass es nicht nur um die Interessen der Hebammen geht. Die Petition haben mehr als 1,2 Millionen Menschen unterschrieben. Die breite Bevölkerung trägt unsere Forderungen mit. Jetzt ist natürlich die Frage, wie genau seine Aussagen zu bewerten sind.

»Wir müssen uns jetzt über den Erhalt eines Status quo freuen, bei dem wir jahrelang dafür gekämpft haben, dass er sich endlich verbessert«

Sie klingen skeptisch. Sind Sie nicht erleichtert?

Man muss schon ehrlich sagen: Wir müssen uns jetzt über den Erhalt eines Status quo freuen, bei dem wir jahrelang dafür gekämpft haben, dass er sich endlich verbessert. Wir hatten große Hoffnungen, als im Koalitionsvertrag stand, dass eine flächendeckende Eins-zu-eins-Betreuung bei der Geburt eingeführt werden soll. Diesem Ziel sind wir heute – ein Jahr später – keinen Schritt näher gekommen. Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit und wir lassen es zu, dass in so einer entscheidenden Phase des Lebens – während der Geburt eines Kindes – nicht sichergestellt ist, dass eine Hebamme nur für diese Frau zuständig ist.

Um wie viele gebärende Frauen kümmert sich denn eine Hebamme?

Ein Gutachten von 2019 hat ermittelt, dass in ungefähr jedem dritten Dienst das Arbeitsaufkommen sehr hoch ist. In so einem Dienst betreut die Hälfte der Hebammen drei Frauen gleichzeitig während der aktiven Geburtsphase, ein Drittel sogar vier oder mehr Frauen. Die Hebammen rennen zwischen den Frauen hin und her. Und wenn die Hebamme bei einer Frau ist, tut sie das in dem Wissen, dass sie die anderen Frauen in der Zeit allein lässt. Letztens hat mir eine Kollegin erzählt, dass sie eine Frau betreut hat, die gerade ihr viertes Kind bekam. Sie musste eine halbe Stunde zu einer anderen Gebärenden. Eine halbe Stunde kann bei einer Geburt wirklich lang sein. Als die Kollegin wiederkam, hat diese Frau ihre Hand nicht mehr losgelassen. Sie hatte Angst, wieder allein zu sein – und das war eine erfahrene Viertgebärende. Ich finde es schlimm, dass wir solche Zustände zulassen.

Liegt es denn nur an der Finanzierung oder gibt es einfach zu wenige Hebammen?

Ehrlich gesagt wissen wir gar nicht, wie viele Hebammen wir in Deutschland haben. Wir schätzen ihre Zahl auf ungefähr 25 000. Davon ist ungefähr ein Drittel angestellt, ein Drittel arbeitet sowohl angestellt als auch freiberuflich und ein Drittel rein freiberuflich. Das sind aber alles nur Schätzungen. Wir haben keine Stelle, die diese Zahlen erhebt. Das sagt leider auch etwas darüber aus, welchen Stellenwert Hebammen als zuständige Berufsgruppe im Gesundheitswesen haben und wie viel Wertschätzung ihnen in Deutschland zukommt.

»Wir brauchen eigentlich doppelt so viele Hebammen in der klinischen Geburtshilfe, wie wir zur Zeit haben. Dafür müssen wir die Kolleginnen länger als nur vier bis sieben Jahre im Job halten und deutlich mehr ausbilden.«

Werden wir denn zukünftig genügend Hebammen haben?

Zumindest haben wir in Deutschland kein Nachwuchsproblem. Es gibt momentan ungefähr zehn Bewerberinnen auf einen Studienplatz. Wir können also alle Ausbildungsplätze gut besetzen. Aber: Wir brauchen eigentlich doppelt so viele Hebammen in der klinischen Geburtshilfe, wie wir zur Zeit haben. Dafür müssen wir die Kolleginnen länger als nur vier bis sieben Jahre im Job halten und deutlich mehr ausbilden. Wir haben aber längst nicht genügend Praxisplätze für die Ausbildung. Das ist gerade das Nadelöhr. Wir brauchen eine Ausbildungsoffensive. Wir müssen Studiengänge ausbauen und Praxisorte aufbauen, und wir müssen das alles finanzieren. Eine Hoffnung von uns wäre, dass es künftig ein spezielles Hebammenbudget gibt. Das müsste natürlich auch an Qualitätskriterien gebunden sein. Diese müssten sicherstellen, dass Kliniken das Budget nur abrufen können, wenn die entsprechende Anzahl Hebammen dort arbeitet. Und die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung muss geändert werden.

Ein sehr deutsches Wort. Legt sie nicht fest, dass es eine Mindestzahl an Pflegekräften geben muss? Das ist doch eigentlich eine gute Sache?

Richtig. Erreichen will man damit, dass eine bestimmte Personaldecke an Pflegekräften nicht unterschritten werden kann. Bisher waren die Geburtshilfeabteilungen aber davon ausgenommen. In einem Gesetzesentwurf standen sie dann plötzlich drin – mit null Prozent. Nach unserer Kritik wurde wenigstens ein Grenzwert von tagsüber zehn Prozent und nachts fünf Prozent bewilligt. Das heißt allerdings, dass rein rechnerisch tagsüber 9 Pflegekräfte und nachts 18 arbeiten müssten, damit eine einzige Hebamme komplett angerechnet werden darf. Das funktioniert natürlich nicht. Diese Personalausstattung haben wir nicht. Manche Kliniken erfüllen die Verordnung nicht, weil sie mehr Hebammen einsetzen als erlaubt. Sie müssen deshalb monatliche Strafen zahlen. Das hat seit Anfang des Jahres dazu geführt, dass viele Kolleginnen ihre Verträge nicht verlängert bekommen haben, da die Kliniken aus wirtschaftlichen Zwängen den gesamten Personaleinsatz umplanen müssen. Wir hoffen inständig, dass die Grenze jetzt ganz schnell wieder gekippt wird. Dass auch hier der Gesetzgeber zur Einsicht kommt und die Leistung, die Hebammen erbringen, zukünftig zu 100 Prozent anerkannt und anrechnet.

»Es kommt nicht selten vor, dass im Sozialraum der Belegschaft eine Geburt stattfindet. Es sind manchmal entwürdigende, traumatisierende Zustände für Frauen«

Karl Lauterbach hat angekündigt, die Geburtshilfe im Krankenhaus in den kommenden beiden Jahren mit insgesamt 240 Millionen Euro zu stärken. Wird das die Situation nicht verbessern?

Natürlich freuen wir uns über jeden zusätzlichen Euro, der in die Geburtshilfe fließt. Und positiv ist ebenfalls, dass auch kleinere Krankenhäuser hierdurch unterstützt werden können. Allerdings: Wenn man die angekündigten 240 Millionen auf die Bundesländer verteilt und dann runterrechnet, bleiben im Schnitt weniger als 300 000 Euro pro Klinik. Das ist für manche vielleicht ausreichend, aber nicht für alle Kliniken. Und einfach nur Geld zur Verfügung zu stellen, es weder an Qualitätskriterien zu binden noch sicherzustellen, dass es dem Personal zugutekommen soll: Das überzeugt uns nicht. Es sind wieder keine Anreize gesetzt, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Die fehlende Anrechnung auf Personaluntergrenzen gibt es ja zum Beispiel immer noch. Die grundlegenden Probleme der klinischen Geburtshilfe werden nicht gelöst. Wir haben zudem nicht nur personelle Engpässe, sondern auch räumliche. Unsere Krankenhäuser sind überall an den Kapazitätsgrenzen. Wenn nur eine kleine Klinik schließt, wird das an den anderen Kliniken deutlich spürbar. Unsere Kreißsäle sind voll. Übervoll. Es kommt nicht selten vor, dass im Sozialraum der Belegschaft eine Geburt stattfindet. Es sind manchmal entwürdigende, traumatisierende Zustände für Frauen.

Wenn man das so hört, wundert man sich fast, dass sich Paare überhaupt noch für ein Kind entscheiden?

Es ist bekannt, dass das Geburtserlebnis und die Versorgung danach einen großen Einfluss darauf hat, ob und wann eine Frau noch ein Kind bekommt. Das ist die wichtige Aufgabe der Hebammen: Sie wissen, es wird da nicht nur ein Kind geboren, sondern eine Frau wird zur Mutter, ein Paar wird zu Eltern. Das ist verbunden mit viel Verunsicherung und Erwartungen. Nach einer Geburt ist das ganze Leben verändert. Das braucht eine gute Begleitung und Betreuung. Mütter und Väter sollten damit nicht allein sein. Genau dafür sind wir Hebammen da.

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