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Wassermangel: Gefährden Hitze und Dürre die Stromversorgung in Europa?

Wegen der hohen Temperaturen und des ausbleibenden Regens sind die Pegel vieler Flüsse in Europa extrem niedrig. Das hat Folgen für die Kühlung von Kraftwerken.
Ein großes Kraftwerk mit einem markanten Kühlturm steht am Ufer eines Flusses. Im Vordergrund sind Büsche und Bäume zu sehen, während eine Gruppe von Vögeln über den klaren blauen Himmel fliegt. Stromleitungen verlaufen in der Ferne, und das Wasser des Flusses spiegelt die Umgebung wider.
Wegen des extremen Niedrigwassers im Rhein ist das Steinkohlekraftwerk Duisburg-Walsum derzeit nicht in Betrieb.

Die schon seit Wochen anhaltende Hitze und die nicht enden wollende Trockenheit stellen die Stromerzeugung in Europa in diesem Sommer vor Herausforderungen. Einerseits laufen vielerorts die Klimaanlagen auf Anschlag, was die Stromnachfrage in die Höhe treibt, andererseits sind Kraftwerke auf große Mengen auf Kühlwasser angewiesen, um effizient Strom generieren zu können. Aufgrund der niedrigen Pegelstände der Flüsse kann dies aber nicht mehr überall gewährleistet werden. In Ungarn, Rumänien und Frankreich mussten bereits Kernkraftwerke gedrosselt oder ganz abgeschaltet werden.

Ein flächendeckender Engpass in der Stromversorgung ist Experten zufolge aber vorerst nicht zu befürchten. So sagte etwa Peter Radgen, Professor für Effiziente Energienutzung an der Universität Stuttgart, dem Science Media Center, dass »eine Stromknappheit auf breiterer Front aktuell wegen hoher solarer Stromerzeugung und verringerter industrieller Nachfrage nicht zu erwarten sei«.

Das europäische Stromnetz ist eng geknüpft und damit in der Lage, regionale Überschüsse und Defizite bei der Stromerzeugung in Europa auszugleichen. Insgesamt 36 Länder importieren und exportieren tagtäglich Strom und schicken ihn über Ländergrenzen hin und her. Gas- und Kohlekraftwerke, Windräder und Solarpaneele, Wasserkraftwerke und Atommeiler erzeugten beispielsweise im Jahr 2023 insgesamt 2748 Terawattstunden Strom. Das gesamteuropäische Zusammenspiel sorgt dafür, dass Länder elektrische Energie zu jedem Zeitpunkt von dort beziehen, wo sie momentan am günstigsten erzeugt wird.

Derzeit komme es allerdings besonders in den Abendstunden mit dem Rückgang der Solareinspeisung zu Knappheiten, sagt Radgen. Das liege daran, dass viele Kohlekraftwerke wegen der niedrigen Marktpreise während des Tages nicht genutzt werden und aufgrund der langen Hochfahrzeiten nicht für wenige Stunden Stromerzeugung in Betrieb gehen. »Typischerweise springen dann teurere Gaskraftwerke ein.« Diese Art der Preisgestaltung auf dem Strommarkt nennt sich Merit-Order-Prinzip: Der teuerste Anbieter, der gerade noch berücksichtigt wird, bestimmt den Börsenpreis, zu dem alle Geschäfte abgewickelt werden.

»Der massive Ausbau der Speicherkapazitäten wird diese Preisschwankungen zukünftig deutlich dämpfen, wenn der Ausbau wie geplant erfolgt«Peter Radgen, Professor für Effiziente Energienutzung

Tagsüber liegen die Börsenstrompreise in Deutschland und den Nachbarländern aktuell bei hohem Solarstromangebot nahe null oder sogar darunter, in den Morgen- und Abendstunden jedoch bei um 20 Cent pro Kilowattstunde. »Diese Schwankungen hängen nicht mit der Wasserknappheit zusammen, sondern werden durch die steigenden Anteile erneuerbarer Energien – insbesondere der Solarenergie – verursacht«, erklärt Radgen. »Der massive Ausbau der Speicherkapazitäten wird diese Preisschwankungen zukünftig deutlich dämpfen, wenn der Ausbau wie geplant erfolgt.«

Anfällig für Wassermangel sind in erster Linie Anlagen mit Durchlaufkühlung. Das sind offene Kühlkreisläufe, die kontinuierlich große Wassermengen aus einem Fluss oder dem Meer entnehmen und erwärmt zurückleiten. In Deutschland betreiben vor allem ältere Kraftwerke an großen Flüssen eine Durchlaufkühlung. Für Neuanlagen ist sie in der Regel nicht mehr genehmigungsfähig. Auch Laufwasserkraftwerke, wie sie vor allem in Österreich und der Schweiz betrieben werden, stehen derzeit aufgrund der fehlenden Zuflüsse und niedriger Füllstände der Speicherseen praktisch nicht zur Verfügung. In Deutschland ist für die Stromerzeugung bei anhaltender Trockenheit weniger die Kühlung limitierend als vielmehr der eingeschränkte Steinkohletransport bei niedrigen Flusspegeln.

»Der Klimawandel führt zu geringeren Schneereserven und damit zu weniger Schneeschmelze im Sommer, gleichzeitig zu reduzierten Sommerniederschlägen und einer höheren Verdunstung«Bettina Schaefli, Professorin für Hydrologie

Laut Bettina Schaefli, Professorin für Hydrologie an der Universität Bern, steht das Jahr 2026 exemplarisch für die zukünftige Entwicklung: »Der Klimawandel führt zu geringeren Schneereserven und damit zu weniger Schneeschmelze im Sommer, gleichzeitig zu reduzierten Sommerniederschlägen und zu einer höheren Verdunstung.« Das führe zu einer deutlichen Abnahme der Stromproduktion in der Schweiz während des Sommers, da es dort viele Wasserkraftwerke gibt. Der rasch fortschreitende Ausbau der Photovoltaik erweise sich daher als wertvoller Beitrag zur aktuellen Stromversorgung, ergänzt Tobias Wechsler von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.

Da lange Hitze- und Trockenperioden in der Zukunft eher zu- als abnehmen werden, ist der nachhaltige Umgang mit der Ressource Wasser entscheidend. Nicht nur thermische Kraftwerke sind große Wasserverbraucher, auch Landwirtschaft, Industrie und die privaten Haushalte benötigen erhebliche Mengen kostbaren Wassers. »Ein sparsamer Umgang mit Wasser, aber auch die Schaffung von Versickerungsflächen und die Wasserrückhaltung bei Starkregenereignissen werden zunehmend unverzichtbar«, mahnt Peter Radgen. Wichtig sei aber vor allem der Ausbau von Photovoltaik und Batteriespeichern – damit die Stromversorgung in Europa auch künftig nicht gefährdet ist.

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