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News: Gefährliche Vor-Urteile

In manchen Ländern richten sie über Leben und Tod: die Geschworenen. Auch in Deutschland sind Laienrichter beziehungsweise Schöffen bei vielen Verhandlungen dabei und fällen gemeinsam mit dem Berufsrichter das Urteil. Ihre oberste Pflicht ist Unparteilichkeit - erst nach Vorstellung aller Hinweise und Indizien sollen sie sich für schuldig oder nicht schuldig entscheiden. Doch in fingierten Verfahren entschieden sich "Geschworene" schon für eine Alternative, während sie noch die Unterlagen zu den Fällen durchsahen. Alles, was danach kam, gewichteten sie dann zugunsten ihrer eigenen Einschätzung.
Beweisstück Nummer sieben gab den Ausschlag: schuldig. Dabei sollten die Geschworenen unvoreingenommen noch vierzig weitere Beweisstücke berücksichtigen. Doch dazu waren sie nicht mehr in der Lage, denn durch das in den Köpfen bereits gefällte Urteil gewichteten sie weitere Informationen möglichst zugunsten ihrer eigenen Meinung. Die geforderte und für ein möglichst objektives Urteil grundlegende Unparteilichkeit war dahin.

Ein Einzelfall? Offensichtlich nicht. Die Ergebnisse von Kurt Carlson und Edward Russo bestätigen schon häufiger geäußerte Zweifel, dass Geschworene ihre Unparteilichkeit während einer Verhandlung verlieren. Die Wissenschaftler von der Cornell University zeigten 248 Studenten sowie 148 zukünftigen Geschworenen zunächst ein 20-minütiges Video für Geschworenen-Anwärter, das sie davor warnte, übereilte Entscheidungen oder Schlussfolgerungen zu treffen. Dann versorgten sie ihre Versuchsteilnehmer mit detaillierten Informationsmappen über zwei fingierte Fälle: Hintergrundberichte, Daten zum Tathergang, Zeugenaussagen und vieles mehr.

Während sich die Testpersonen durch das Material arbeiteten, sollten sie anmerken, welches Beweisstück für den Kläger oder für den Angeklagten sprach, zu welchem Urteil sie tendierten und wie sicher sie sich darin waren, dass ihr gerade vorherrschendes Urteil auch tatsächlich gewinnen würde. Abschließend sollten sie ein Urteil fällen, ohne noch einmal alles zu rekapitulieren.

75 Prozent der Studenten und 85 Prozent der Geschworenen-Anwärter hatten zu diesem Zeitpunkt offenbar ihre Unparteilichkeit schon verloren. Indem sie sich bereits vorher für ein Urteil entschieden hatten, konnten sie die weiteren Informationen nicht mehr unvoreingenommen aufnehmen, sondern gewichteten sie so, dass sie die von ihnen bevorzugte Alternative unterstützten. Dies zeigte sich um so stärker, je sicherer sie sich in ihrer bestehenden Meinung waren.

Das Umfeld spielte dabei eine entscheidende Rolle. Denn die Geschworenen in spe mussten den Test in einem Gerichtsgebäude absolvieren, was die verzerrte Beurteilung deutlich steigerte. Die Forscher vermuten, dass bei ihnen im Vergleich zu den jüngeren Studenten bereits stärkere Überzeugungen und Prinzipien vorhanden waren. Das führte womöglich dazu, dass sie sich schneller für eine Meinung entschieden und nachfolgende Hinweise viel ausgeprägter zu Gunsten dieser Ansicht gewichteten.

Carlson und Russo vermuten, dass hinter der verzerrten Einschätzung der Wunsch nach einem stimmigen Bild steckt. Denn so können Geschworene den Konflikt umgehen, dass neue Beweise womöglich nicht den von ihnen angenommenen Gewinner der Verhandlung unterstützen.

Doch das bedeutet nicht, dass das Geschworenen-Verfahren ungeeignet ist. Die Wissenschaftler führen einige Hinweise an, wonach Laienrichter solche Vorverurteilungen stark reduzieren, wenn nicht sogar ausschalten konnten, nachdem sie deutlich auf die Gefahr hingewiesen wurden. Das Fazit der Studie sei daher, "dass jede Form von Gesamturteil möglichst lang hinausgeschoben werden sollte".

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