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News: Gefährliches Fliegen?

Die meisten Menschen stolpern nach einem langen Flug steif und verkrampft aus der Maschine. Manche erwischt es sogar noch schlimmer: Sie müssen plötzlich mit einer Thrombose kämpfen. Viele Wissenschaftler nehmen an, dass der Unterdruck, zu wenig Flüssigkeit und mangelnde Bewegung die Blutgerinnung im Körper fördert. Doch letztendlich bewiesen ist das noch nicht. Und auch zwei neu veröffentlichte Studien kommen zu entgegengesetzten Ergebnissen.
Lange Reisen im Flugzeug sind anstrengend. Stunde um Stunde sitzt man eingezwängt auf seinem Platz, kann meist die Beine nicht richtig ausstrecken, und auch die kurzen Spaziergänge im Gang helfen nur wenig. Dabei bleibt es nicht allein bei eingeschlafenen Beinen: Seit 1998 sprechen Mediziner vom Economy-class-Syndrom, wenn Menschen, die viel reisen, eine tiefe Venenthrombose entwickeln. Wie es dazu kommt, ist noch umstritten, als mögliche Faktoren nennen Forscher jedoch die schlechtere Sauerstoffversorgung durch den Unterdruck, mangelnde Bewegung und zu wenig Flüssigkeit. Viele Forscher zweifeln aber noch, ob das Syndrom überhaupt etwas mit dem Fliegen zu tun hat. So erschienen auch jetzt im Abstand von nur 14 Tagen zwei Studien, die zu genau entgegengesetzten Ergebnissen kommen.

Roderick A. Kraaijenhagen vom Department of Vascular Medicine der University of Amsterdam und seine Kollegen gingen das Problem statistisch an. Mit einem Fragebogen erfassten sie bei 788 Personen, wann, wieviel und mit welchem Verkehrsmittel diese gereist waren. Anschließend untersuchten sie die Versuchsteilnehmer – ohne deren Vorgeschichte zu kennen – auf tiefe Venenthrombosen, die sie bei etwa einem Viertel der Probanden auch tatsächlich feststellen konnten.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Es gab keinerlei Zusammenhang zwischen Reiselust und Thrombosen – egal, um welches Transportmittel es sich handelte, wie lange die Personen unterwegs waren und welche medizinische Vorgeschichte sie hatten. Somit gaben die Forscher erstmal Entwarnung (The Lancet vom 28. Oktober 2000).

Doch am 11. November 2000 berichteten Bjørn Bendz und seine Mitarbeiter vom Haematological Research Laboratory der University of Oslo in der gleichen Zeitschrift von offenbar genau entgegengesetzten Resultaten. Die Wissenschaftler richteten eine Unterdruckkammer wie eine kleine Wohnung ein, in der sie den Luftdruck auf 76 Kilopascal senken konnten – das entspricht den Druckverhältnissen in einer Flugzeugkabine. 20 junge Männer, die sich als Versuchspersonen gemeldet hatten, durften sich acht Stunden lang in den Räumen ganz normal bewegen, sollten aber körperliche Anstrengung vermeiden.

In verschiedenen Zeitabständen untersuchten die Wissenschaftler die Venen der Freiwilligen auf verschiedene Blutgerinnungs-Anzeiger wie beispielsweise die Prothrombin-Fragmente 1 und 2, den Thrombin-Antithrombin-Komplex und die Aktivität des Faktors VIIa. Zusätzlich maßen sie auch die Sauerstoffsättigung des Blutes.

Und bei allen Teilnehmern stellten die Forscher fest: Der plötzliche Druckabfall hatte im Körper die Zeichen auf Blutgerinnung gesetzt – die Konzentrationen der Prothrombin-Fragmente stieg nach zwei Stunden auf das 2,5-fache, der Gehalt des Thrombin-Antithrombin-Komplexes sogar auf das über achtfache. Die Sauerstoffsättigung war hingegen gesunken. Nach einer gewissen Zeit kehrten die Werte jedoch wieder zu normalen Verhältnissen zurück. Der verringerte Druck wirkte sich also nur vorübergehend aus und nicht irreversibel – was auch erklären würde, warum Kraaijenhagens Team keine langfristigen Veränderungen beobachten konnte.

Die Wissenschaftler schließen daraus, dass tiefe Venenthrombosen während Flugreisen zwar selten, aber dann sehr ernst, wenn nicht gar lebensbedrohlich sind. Sie empfehlen daher unter anderem, während langen Reisen viel zu trinken. Die Frage, ob stundenlanges Sitzen im Flugzeug nun tatsächlich die Thrombosegefahr fördert, ist aber immer noch ungeklärt.

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