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News: Gefahr durch Scrapie

Mitunter führen auch Kontrollexperimente zu überraschenden Erkenntnissen: Ein französisch-britisches Forscherteam wollte herausfinden, ob BSE auch über Blut übertragen werden kann. Ihr Antwort lautet: Leider ja. Vielleicht noch erschreckender ist das Ergebnis ihrer Kontrollen. Sie zeigten, dass ein Prionenstamm der Schafskrankheit Scrapie bei Mäusen ähnliche Symptome auslöst, die auch bei der sporadischen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit des Menschen auftreten.
Vor vier Jahren musste Terry Singeltary mit ansehen, wie seine Mutter an einer rätselhaften Krankheit langsam zugrunde ging. Die Ärzte diagnostizierten Alzheimer-Krankheit, doch Singeltary blieb skeptisch. Er bestand auf eine Autopsie, die dann offenbarte, dass seine Mutter der sporadischen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (sCJD) erlegen ist.

Diese seltene Nervenkrankheit, bei der tödliche Zerstörungen des Hirngewebes auftreten, ist bereits seit den zwanziger Jahren bekannt. In die Schlagzeilen geriet dagegen die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJD) – steht sie doch in Verdacht, über das Fleisch von Rindern, die unter BSE (bovine spongiforme Enzephalopathie) leiden, übertragen zu werden. Verursacht werden all diese Krankheiten höchst wahrscheinlich durch krankhaft veränderte Eiweiße, den so genannten Prionen. Wodurch diese Veränderungen bei sCJD ausgelöst werden, blieb bisher unbekannt, eine Ansteckung über infiziertes Fleisch hielt die Forschung jedoch für unwahrscheinlich. Doch jetzt kann man da nicht mehr so sicher sein, wie ein französisch-britisches Wissenschaftlerteam herausfand.

Unter der Leitung von Jean-Philippe Deslys vom Commissariat à l'Energie Atomique in Fontenay-aux-Roses wollten die Wissenschaftler die Übertragungsmöglichkeiten von BSE untersuchen. Hierfür entnahmen sie Gewebsproben aus den Hirnen von Rindern, die an BSE erkrankt waren, sowie aus den Hirnen französischer und britischer Patienten, die an vCJD gestorben sind. Die Proben injizierten sie Mäusen und Makaken – und zwar sowohl unmittelbar ins Gehirn als auch in die Blutbahn.

Erwartungsgemäß löste die Injektion in das Gehirn der Versuchstiere deren Erkrankung aus – und zwar sowohl bei den BSE- als auch bei den vCJD-Proben. Unangenehmerweise endete auch der Weg des Erregers über die Blutbahn für die Versuchstiere tödlich. Die Wissenschaftler hatten damit nachgewiesen, das eine Übertragung BSE-ähnlicher Erkrankungen von Primat zu Primat – und damit wahrscheinlich auch von Mensch zu Mensch – möglich ist.

Dieses Ergebnis allein ist schon beunruhigend genug. Doch das Wissenschaftlerteam entdeckte noch mehr: Als Kontrolle injizierten sie in Mäusehirnen Proben verschiedenster Prionenerkrankungen von Mensch und Tier. Darunter war die Schafskrankheit Scrapie wie auch verschiedene Varianten der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.

Die Wissenschaftler erwarteten, dass die verschiedenen Prionen auch unterschiedliche Krankheitsbilder verursachen. Das war in der Regel auch der Fall. Doch womit die Forscher nicht rechneten: Sowohl Scrapie als auch sCJD eines französischen Patienten löste bei den Mäusen die gleichen Symptome aus.

Scrapie ist bereits seit über 250 Jahren bekannt; als Gefahr für den Menschen sah die Wissenschaft die Schafskrankheit nicht an, da bisher keine derartigen Fälle beschrieben wurden. "Das Hauptargument, dass Scrapie den Menschen nicht betrifft, kam von der Epidemiologie", erklärt Moira Bruce vom Institute for Animal Health in Edinburgh. Es gibt jedoch mehr als 20 verschiedene Scrapie-Stämme und sechs sCJD-Varianten. "Sie werden nicht notwendigerweise eine epidemiologische Verbindung zwischen den beiden Krankheiten finden, wenn einige Stämme nur wenige Menschen befallen", erläutert Deslys das Problem. Auch wenn seine Ergebnisse bisher noch unsicher sind, könnte Scrapie eine ernste Gefahr für den Menschen darstellen, warnt der Forscher.

Doch auch das "eigentliche" Ergebnis der Untersuchung, nämlich dass eine Prionen-Übertragung durch die Blutbahn möglich ist, gibt Anlass zur Sorge. Könnte so doch vCJD durch Arzneimittel menschlichen Ursprungs – insbesondere durch Blut und Blutprodukte – übertragen werden. Der Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, Paul Löwer, betont: "Diese Sorge wird von uns geteilt."

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