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Gefahr von Sturzflut: Welche Risiken bergen die Alpen?

Täler, die besonders wuchtige Sturzfluten begünstigen, gibt es in der Himalaja-Region viele. Wie sieht es in den Alpen aus – kann sich so etwas wie der Bergsturz von Blatten im Kanton Wallis unerwartet wiederholen?
Berglandschaft mit einem großen Erdrutsch, der einen Hang hinunter in ein bewaldetes Tal fließt. Im Hintergrund sind schneebedeckte Gipfel zu sehen. Der Erdrutsch hat eine breite Schneise in den Wald geschlagen, während im Vordergrund grüne Bäume und Wiesen sichtbar sind.
Felssturz in den Schweizer Alpen im Lötschental (Schweiz), der 2025 an ein em sonnigen Tag im späten Frühjahr fast das gesamte Bergdorf Blatten verschüttete.

Ein Eis- und Felsabbruch hat die folgenreiche Sturzflut im Himalaja ausgelöst. Viele Menschen fragen sich: Wäre eine solche Katastrophe auch in den Alpen möglich? Aus Beobachtungen und geologischen Ablagerungen sei bekannt, dass große Berg- und Gletscherstürze auch in den Alpen schon vielfach vorgekommen sind, sagt Oliver Korup, Leiter der Arbeitsgruppe Naturgefahren an der Universität Potsdam. Die Höhenunterschiede im Himalaja seien aber extremer – und damit die möglichen Fallhöhen und Reichweiten, mit Folgen für die gesamte Prozesskaskade vom Abbruch bis zur Sturzflut.

»Ähnliche Ereignisse können auch in den Alpen vorkommen«, sagt auch Jan Blöthe von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Der Gletscherabbruch von Blatten in der Schweiz zum Beispiel sei von der Dynamik her vergleichbar gewesen. Entscheidender Unterschied sei das Ausmaß: »Erste Abschätzungen in Nepal deuten auf ein etwa zehnmal größeres Volumen hin als bei dem Ereignis in Blatten vor einem Jahr.«

Beim Bergsturz von Blatten im Kanton Wallis waren im Mai 2025 Fels und Eis vom Birchgletscher ins Tal gestürzt und hatten große Teile des Ortes verschüttet. Der drohende Abrutsch war zuvor erkannt, das Dorf rechtzeitig evakuiert worden.

Schmale und steile Täler fördern die Wucht

Die Hindukusch-Himalaja-Region ist das größte und höchste Gebirgssystem der Erde; dort gibt es entsprechend mehr Steilhänge und damit potenzielle Abbruchkanten. Die Täler dort seien länger und tiefer als in den Alpen, erklärt Jan Beutel von der Universität Innsbruck. Die Geländeform förderte Experten zufolge die verheerende Wucht der Sturzflut in Nepal: In dem schmalen, steilen Tal türmten sich die Wassermengen weit stärker auf, als sie es in einem breiteren mit nicht so steilen Hängen getan hätten.

Doch auch ein Ereignis mit weniger Wucht kann in den dicht besiedelten Alpentälern verheerende Folgen haben. Immer wieder haben Bergstürze und Schlammlawinen Ortschaften getroffen. So starben 2017 beim größten Bergsturz in der Schweiz seit 130 Jahren in der Ortschaft Bondo acht Menschen, mehrere Häuser wurden zerstört; im Jahr 2000 gab es nach heftigen Regenfällen im Kanton Wallis 13 Tote, als eine Schlammlawine nach heftigen Regenfällen mehrere Ortschaften traf.

Ein besonderes Risiko sind die zahlreichen Seen und Stauseen in den Alpen. Rutscht ein Hang direkt über dem Gewässer ab, verursacht er eine heftige Flutwelle. So beim berüchtigten Bergsturz von Vajont 1963 im Nordosten Italiens. Dort stürzten Schuttmassen in ein Reservoir, ein Tsunami überspülte die Staumauer und im Tal dahinter Gebäude, Autos und Menschen mit sich. Rund 2000 Menschen starben. Bis heute ist nicht klar, wie viele genau.

Die größte Gefahr geht jedoch von Ereigniskaskaden wie in Nepal aus, wo der ursprüngliche Erdrutsch vermutlich aus Staudämmen Wasser aufnahm und zu einer Schlammflut wurde, die über Hunderte Kilometer das Flusstal verheerte. Schutz bietet vor allem die Frühwarnung. Entscheidend sei dafür das Erkennen und die systematische Überwachung verdächtiger Felshang- oder Gletscherbewegungen, erklärt Korup. »Nur detaillierte und lokal an Verdachtsflächen durchgeführte Messungen bieten derzeit praktikable Vorhersagen.« Großflächige Vorhersagen und Warnungen blieben dagegen schwierig.

Vernetztes Warnsystem

Bereits heute gibt es Beobachtungs- und Warnsysteme wie die Plattform Guardaval im Kanton Wallis. Sie führt Informationen aus verschiedenen Systemen und Organisationen, vom lokalen Wetterdienst bis hin zur ESA, an einem Ort zusammen, um Gefahren frühzeitig zu erkennen. In Piemont in Norditalien unterhält die Regionale Behörde zum Schutz vor Naturgefahren ARPA mehrere Systeme, um vor Erdrutschen und Fluten zu warnen. Andere Systeme fokussieren sich auf bekannte Gefahrenpunkte, wie den Bergsturz von Brienz. Ein umfassendes System, das große Bergstürze in den Alpen in Echtzeit erfasst, gibt es jedoch nicht.

Wie stark der Klimawandel solche Extremereignisse beeinflusst, lässt sich den Experten zufolge noch nicht gesichert sagen. In den vergangenen Jahren habe es in verschiedenen Hochgebirgen eine Häufung großer Massenbewegungen gegeben, oftmals in Höhenlagen, in denen Permafrost vorkommt, erklärt Blöthe. Das Auftauen von alpinem Permafrost erhöht die Felssturzgefahr, weil gefrorenes Eis in Gesteinsklüften wie ein natürlicher Klebstoff wirkt, dessen Festigkeit bei Erwärmung drastisch abnimmt. Bei einem destabilisierten Hang steigt das Risiko, dass er abrutscht. (dpa/lfi)

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