Gefühlsausbrüche: Warum wir uns nicht immer beherrschen wollen

Ängste überwinden, Ärger verfliegen lassen, mehr Freude empfinden: Die eigenen Gefühle zu regulieren, ist eines der häufigsten Ziele einer Psychotherapie. Bekanntlich gelingt das nicht immer – aber womöglich liegt es gar nicht am Können, wie eine Studienreihe in der Fachzeitschrift »Emotion« nahelegt. Viele versuchen es nicht, weil sie keinen Grund dazu sehen, berichtet eine Forschungsgruppe um die Psychologin Aya Uchida von der University of Melbourne.
Zunächst sammelte das Team über eine Onlineplattform mögliche Gründe dafür, wieso Menschen ihre Gefühle nicht regulieren wollen. Die resultierende Liste stammte von 250 Erwachsenen aus dem Vereinigten Königreich, und weitere rund 250 dienten als unabhängige zweite Stichprobe. Alle 500 sollten zunächst negative oder belastende Situationen schildern, die sie kurz zuvor selbst erlebt hatten: Was hatten sie dabei empfunden? Hatten sie versucht, ihre Gefühle zu regulieren, zum Beispiel durch Sport, Freunde treffen, Alkohol oder Akzeptanz, und wenn nicht: warum nicht? Die am häufigsten genannten Gründe der ersten Stichprobe wurden der zweiten zur Beurteilung vorgelegt: Sie sollten nun angeben, wie stark die Gründe auf sie zutrafen.
In beiden Teilstudien gaben mehr als 40 Prozent an, gar nicht erst versucht zu haben, ihre negativen Gefühle zu regulieren, unabhängig von deren Intensität. In einer dritten Teilstudie waren es sogar knapp 80 Prozent – hier wurde das Verhalten in zufälligen Momenten per Handy direkt im Alltag erfragt. Eine Woche lang gaben etwa 300 online angeworbene Erwachsene aus Australien auf diese Weise Auskunft über aktuelle Ereignisse in ihrem Leben.
Für diese Alltagssituationen galt: Je stärker der negative Affekt, desto eher versuchten sie, die Emotion zu regulieren. Und desto häufiger lag der Grund für einen ausbleibenden Versuch tatsächlich in fehlender Kompetenz oder Überforderung (»Ich wusste nicht wie«, »Meine Gefühle waren zu stark«).
Die insgesamt am häufigsten genannten Gründe waren jedoch andere: »Meine Gefühle waren valide/berechtigt«, »Ich habe nicht daran gedacht / es kam mir nicht in den Sinn« oder »Da waren keine Gefühle«. Hinter manchen Formulierungen könnte allerdings auch mangelndes Vertrauen ins eigene Können stecken: »Es gab nichts, was ich in der Situation hätte tun können«, »Ich sah keinen Sinn darin, es zu versuchen« und »Ich wollte es nicht noch schlimmer machen«. Die Betroffenen trauten sich vor allem dann einen Versuch nicht zu, wenn die negativen Gefühle sehr stark waren. In den meisten anderen Fällen schien es eher so zu sein, dass sie keinen Grund sahen, ihre Emotionen zu regulieren, und zwar meist deshalb, weil sie ihnen angemessen erschienen.
Ob das der wahre Grund ist oder es sich nur um eine selbstwertdienlichere Interpretation handelt, kann die Studie nicht beantworten. Die Autorinnen räumen ein, dass ihre Methode weder automatische noch unbewusste Reaktionen abbildet und überdies auch nur das Verhalten in einer beschränkten Anzahl von Situationen in zwei ähnlichen Kulturen.
Die Studie erweitere aber den Blick auf das Thema Emotionsregulation. »Nicht bei allen Emotionen ist Regulation grundsätzlich das Ziel«, schreiben Uchida und ihre Kolleginnen. Und das sei durchaus sinnvoll, denn viele würden sich auf natürliche Weise auflösen.
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