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Neurobiologie: Gegen die Angst

Angst ist erlernbar - aber auch verlernbar. Jetzt konnten Forscher beim Menschen die Hirnregionen aufspüren, die helfen, die Angst zu vergessen.
Vor etwa achtzig Jahren führten der amerikanische Psychologe John Watson und seine Assistentin Rosalie Rayner ein Experiment durch, das aus heutiger Sicht als eher fragwürdig eingestuft werden muss: Sie zeigten einem elf Monate alten Kind namens Albert – ein aufgeweckter Knabe, der vor den meisten Dingen keine Angst verspürte – eine weiße Laborratte. Als der neugierige Junge seine Hand nach dem vermeintlichen Spielkameraden ausstreckte, schlug Watson lautstark mit einem Hammer auf ein Metallrohr. Albert schrie erschreckt auf. Watson und Rayner wiederholten das Spiel mehrfach – mit Erfolg: Sobald Albert eine Ratte auch nur von weitem sah, fing er sofort an zu schreien und wegzukrabbeln; der laute Knall war für seine Angst nicht mehr nötig. Bald fürchtete er sich auch vor einem Hasen, einem kleinen Hund, ja, sogar vor einer weißbärtigen Weihnachtsmannmaske.

Watson und Rayner hatten mit ihrem Menschen-Experiment wiederholt, was Iwan Pawlow bereits an Hunden entdeckt hatte: die klassische Konditionierung. Dem russischen Physiologen und Nobelpreisträger war aufgefallen, dass seinen Hunden das Wasser im Munde zusammenlief, sobald sie nur die Glocke hörten, welche die anstehende Fütterung ankündigte. Damit war nachgewiesen, dass ein ursprünglich unabhängiger Reiz eine physiologische Reaktion auslösen kann – und das funktioniert auch mit der Angst.

Konditionierte Angst lässt sich aber auch wieder verlernen, wie Experimente – diesmal an Tieren – zeigten: Ratten und Mäuse lernen sehr schnell, ein grelles Licht oder ein Geräusch zu fürchten, wenn sie dabei einen leichten Elektroschock an ihren Füßen spüren. Ärgern die neugierigen Forscher anschließend ihre Versuchstiere mit dem an und für sich harmlosen Reiz ohne den gefürchteten Stromstoß, dann erstarren sie schließlich nicht mehr vor Schreck. Die Angst wurde "gelöscht", wie die Verhaltensforscher sagen.

Elizabeth Phelps und ihre Kollegen von der Universität New York griffen wieder auf den Menschen als Versuchsobjekt zurück – allerdings in einer etwas harmloseren Variante: Ihre 18 Freiwilligen sahen entweder ein blaues oder ein gelbes Quadrat, wobei sie bei einer bestimmten Farbe einen leichten Stromstoß am Handgelenk verspürten. Die Stärke des Stromschlags hatten sie zuvor selbst eingestellt, sodass er als zwar "unangenehm", aber nicht schmerzvoll empfunden wurde. Dennoch reagierten sie sehr schnell beim Auftauchen der entsprechenden Farbe ängstlich, wie die Forscher per Messung des Hautwiderstandes nachweisen konnten. Im zweiten Schritt folgte die Löschung der Angst: Nach und nach nahm der Stromstoß ab, bis schließlich keine Farbe mehr bestraft wurde. Erwartungsgemäß verloren dabei die Probanden ihre Furcht.

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Amygdala | Beim Auftauchen des angstauslösenden Signals regt sich die Amygdala (links und rote Kurve rechts). Bei der Löschung wird die Aktivität der Amygdala gehemmt (gelbe Kurve).
Die eigentliche Frage, für die sich die Forscher dabei interessierten, lautete: Welche Hirnregion ist an der Löschung der Angst beteiligt? Das bildgebende Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomografie sollte diese Frage beantworten.

Erwartungsgemäß regte sich bei der Konditionierung der Angst die Amygdala, jene kirschkerngroße Region des limbischen Systems, das – wie aus anderen Experimenten bereits hinlänglich bekannt war – an der Erzeugung von Gefühlen wie Angst maßgeblich beteiligt ist. Bei der Löschung kehrte sich jedoch überraschenderweise die Aktivität der Amygdala um: Jetzt antwortete sie besonders stark, wenn die Versuchspersonen das zuvor harmlose Quadrat erspähten.

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mPFC | An der Löschung der Angst sind verschiedene Regionen des medialen präfrontalen Kortex beteiligt.
Eine weitere Hirnregion, welche die Forscher bereits aus Tierversuchen in Verdacht hatten, wurde bei der Angstlöschung munter: der ventro-mediale präfrontale Kortex (vmPFC). Offensichtlich, so vermuten die Forscher, hemmt der vmPFC die Amygdala, die sich regen will, sobald der beängstigende Reiz auftaucht.

Die zuvor konditionierte und dann gelöschte Angst ist demnach nicht spurlos verschwunden, sondern sitzt noch in der Amygdala, wird aber von anderen Hirnregionen kontrolliert und unterdrückt. Und dieser Mechanismus – von Tieren bereits bekannt – scheint auch beim Menschen genauso abzulaufen.
16.09.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.09.2004

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