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News: Gehäutete Gefahr

Mit der Made im Speck möchte man ja ganz gerne tauschen - in der Haut des Specks stecken dagegen weniger. Dabei ist dies wortwörtlich der Trick eines Insekten-Parasiten: Er nutzt die Haut seines Wirtes als Tarnkappe, damit ihn dieser nicht entdeckt.
Der Kampf ist vorüber und das Schicksal entschieden, sobald Stichotrema dallatorrearum die harte Schutzschicht des Körpers von Segestidea novaeguineae durchbohrt hat. Denn bald darauf wird erstere gemächlich beginnen, letztere bei lebendigen Leibe von innen zu verzehren – um selber eine neue Generation von Nachkommen produzieren zu können.

So wird ein Weibchen von S. dallatorrearum den Rest ihres Lebens im Inneren ihres Opfers aus der Heuschreckenverwandtschaft verbleiben, dort auf Kosten ihres unfreiwilligen Gastgebers wachsen, sich über ein nach außen ausgebildetes Fortpflanzungsorgan mit den frei herumfliegenden Männchen ihrer Art paaren, vielleicht eine Million Junglarven produzieren und in die Welt entlassen: Ein typischer Lebenslauf für diese mit Wespen verwandten Raubparasiten aus der Gruppe der Strepsiptera oder Fächerflügler.

Die gängigste Waffe eines von Raubparasiten bedrohten Insekts ist es zu versuchen, die Eindringlinge im eigenen Körper mit einer widerstandsfähigen, undurchdringlichen Kapsel einzuschließen und so unschädlich zu machen. Dies funktioniere bei Strepsipteren allerdings nie, erklärt Jeyaraney Kathirithamby von der University of Oxford – offenbar erkennen die Immunzellen des attackierten Insekts den Parasiten gar nicht als Bedrohung. Den Grund dafür entdeckte die Forscherin, nachdem sie mit verschiedenen Methoden die Gewebeschichten um einen eingedrungenen Parasiten untersuchte: Die Strepsipteren waren stets von einem Sack aus wirtseigener Epidermis umhüllt – der obersten Hautschicht ihrer Wirte also – und somit nicht als Eindringling zu enttarnen. Diese Art parasitoider Täuschung war bislang noch niemals beobachtet worden.

Vielleicht, so mutmaßt Kathirithamby, rege der Parasit selbst mit Hilfe von eigens produzierten Insekten-Häutungshormonen die Zellen der Wirtsepidermis zur Teilung an – und letztlich zur Ausbildung des schützenden Hautsackes. Ecdyson, eines der klassischen Häutungshormone von Insekten, werde jedenfalls bereits von eindringenden Parasiten freigesetzt.

Jene raffinierte Tarnkappe könnte vielleicht den Erfolg dieser Raubparasiten erklären – die sich übrigens ganz und gar nicht typisch für jene Gruppe verhalten, welche ihre Wirte normalerweise stets bis auf den Tod schädigen. Und sie könnte auch einen Hinweis darauf geben, warum Strepsipteren-Spezies eine solch enorme Bandbreite möglicher Angriffsziele aus der Insektenwelt befallen können. Und dass, obwohl ihre eigene Verwandtschaft nicht unbedingt vielgestaltig ist: Nur knapp 660 verschiedene Arten gehören ihr bekanntermaßen an, wenige also verglichen mit der Größe anderer Insektensippschaften. Sogar innerhalb einer Art sind die Raubparasiten nicht sehr wählerisch: So befallen Männchen und Weibchen einer bestimmten Parasitenspezies unterschiedliche Wirtsarten.

Mitleid mit Fächerflügler-Opfern wie Segestidea novaeguineae ist im Übrigen etwas voreilig: Diese Heuschreckenverwandte etwa ist eine der größten Plagen tropischer Ölpalmen-Plantagen. Lokale Farmer sind daher, kaum überraschend, eindeutig auf Seiten der Parasitoiden. Sie hoffen auf biologische Schädlingskontrolle – darauf also, dass die Strepsipteren den Fraßfeinden der Pflanzen so richtig an die Nieren gehen.

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