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News: Gehör mit Dreh

Zärtliche Worte, leise ins Ohr geflüstert, verheißen beim Stelldichein Erfolg. Bei Taufliegen muss man dafür aber den richtigen Ton treffen: Deren Gehör muss erst einrasten, bevor sie den Liebesschwüren lauschen können. Eine praktische Lösung, denn sonst könnten Hören und Riechen durcheinander kommen, da die jeweils zuständigen Sinneszellen nebeneinander liegen. Aber so schalten die kleinen Insekten ihre Nase nur bei Bedarf zum Horchen an.
Ein Taufliegen-Männchen auf Brautschau lässt sich einiges einfallen, um ein Weibchen zu betören: Tänzelnd spreizt es einen Flügel ab und lässt ihn vibrieren, in den Pausen dazwischen probiert es erste Körperkontakte. Dazu beschallt es die Umworbene mit einem Liebeslied, dessen Inhalt wir nur ahnen können. Die Partnerinnen zeigen sich in jedem Fall entzückt, und manchmal regt der Gesang sogar andere Männchen an, das Tanzbein zu schwingen.

Offenbar haben sie gut die Ohren gespitzt. Und das ist ganz schön verzwickt, haben Martin Göpfert und Daniel Robert von der Universität Zürich herausgefunden. Als Schallempfänger dienen den Tieren Rezeptoren auf ihren Antennen, die aus drei Segmenten und einem federartigen Anhängsel, der so genannten Arista, aufgebaut sind. Sie bildet eine mechanische Einheit mit dem letzten, Golfschläger-artig geformten Segment, von dem sie senkrecht absteht. Werden die beiden von Schallwellen getroffen, beginnen sie zu schwingen.

Doch schließlich ist nicht jeder Ton von Interesse, warum also darauf hören? Nein, die Fliegen horchen nur bei bestimmten Frequenzen auf. Dann kippt der "Federbusch" der Arista plötzlich um und reißt dabei wie ein Hebelarm das dritte Segment mit. Den Dreh um die Längsachse konnten die Forscher anhand von Frequenzanalysen gut nachweisen: Eine plötzliche Phasenverschiebung um 180 Grad an gegenüberliegenden Messpunkten zeigte, dass der Hörapparat nun eingerastet ist.

Denn ohne diese Kippbewegung gibt es offenbar keinen Hörgenuss: Am unteren Ende des dritten Segments sitzt in Längsrichtung ein kleiner Zapfen, der genau in eine Mulde am zweiten Segment passt, wie ein Schlüssel in ein Schloss. Auch er macht die Bewegung mit. Bevor er einrastet, ist er zu einem kleinen Haken gebogen, der sich nun wie der Bart eines Schlüssels dreht. Dadurch werden die Hörrezeptoren, die auf seinen Seiten sitzen, maximal gestaucht und gedehnt – endlich kann das Weibchen dem Liebeslied lauschen.

Mit ihren "rotierenden Ohren" haben sich die Taufliegen ein ungewöhnliches Konzept einfallen lassen, die Schallenergie auf ihre Hörrezeptoren zu übertragen. Und noch dazu verhindern sie verwirrende Konflikte in ihrer Wahrnehmung. Denn das dritte Segment ist auch Heimat unzähliger Riechsinneszellen. Da das Gehör aber immer erst einrasten muss, können die Tiere die einzelnen Eindrücke sauber auseinander halten. "Eine elegante evolutionäre Lösung", meinen die Forscher. So passt beides eng nebeneinander – der Dreh macht's.

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  • Quellen
Nature 411: 908 (2001)

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