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Interview mit Martin Rees: Sorgen über das Ende der Wissenschaft – und der Menschheit

Der Kosmologe Martin Rees über das Multiversum, biologische Bedrohungen, künstliche Intelligenz, Utopien, Gott und eine »posthumane« Wissenschaft.
Martin Rees

Ich war niemals ein großer Anhänger der Idee, dass Wissenschaftler, weil sie rational denken, die Welt führen sollten. Denn erstens einmal sind Wissenschaftler oft genauso verrückt wie der Rest von uns – oder sogar noch verrückter. Und zweitens erfordert Führung mehr als nur Vernunft. Denken wir an Captain Kirk und Mr. Spock. Doch die jüngste Geschichte macht die Vorstellung eines »wissenschaftlichen Königs« wieder attraktiver.

Und ich halte manche Wissenschaftler durchaus für weise, sogar für staatsmännisch. Ihnen ist eine stille Autorität zu eigen, die einem Vertrauen in ihr Urteil gibt – nicht nur in wissenschaftlichen Angelegenheiten. Ich denke dabei an die Physiker Hans Bethe und Steven Weinberg, sowie an den Kosmologen Martin Rees. Rees ist »Astronomer Royal«, königlicher Astronom von Großbritannien, und arbeitet an der University of Cambridge. Er hat eine glänzende Karriere hinter sich und über Jahrzehnte hinweg wertvolle Beiträge in den Bereichen Astrophysik und Kosmologie geliefert. Und er hat Stellung bezogen zu den Bedrohungen der Menschheit.

Ich habe Rees erstmals 1990 bei einer Konferenz über Kosmologie in Schweden getroffen. Unsere Wege haben sich seither mehrmals gekreuzt, so jüngst wieder bei einer Tagung in der Schweiz, an der Rees über das Internet teilnahm. Nachdem ich eine Kolumne über Rees Ausführungen geschrieben hatte, ergab sich die nachfolgende E-Mail-Korrespondenz zwischen uns.

John Horgan: Tief aus dem Bauch heraus, ist die Menschheit verloren?

Martin Rees: Nein, ich glaube nicht. Aber wir haben sicherlich in diesem Jahrhundert einen schwierigen Weg zu bewältigen. Die Weltbevölkerung wächst und stellt immer größere Anforderungen. Das belastet die natürliche Umwelt und kann einen gefährlichen Klimawandel und ein massenhaftes Artensterben auslösen, wenn bestimmte Grenzen überschritten werden. Um diese Risiken zu reduzieren, müssen wir jedoch nicht der Technik Zügel anlegen. Ganz im Gegenteil, wir müssen lernen, die Natur besser zu verstehen und zügig geeignete technische Verfahren anwenden wie beispielsweise Energieerzeugung ohne Kohlendioxidemission.

Martin Rees
Martin Rees | Rees ist seit 1995 Königlicher Astronom (Astronomer Royal) und war von 2004 bis 2012 Master des Trinity College sowie Professor für Kosmologie und Astrophysik in Cambridge. Von 2005 bis 2010 war er Präsident der Royal Society. Er ist für seine wichtigen Beiträge über den Ursprung der kosmischen Hintergrundstrahlung, über Galaxienhaufen und über die Galaxienentstehung bekannt.

Neuartige Technologien – Biotechnik, Cybertechnik, künstliche Intelligenz – können zu großen Veränderungen führen. Sie bieten möglicherweise neue Lösungen, aber sie führen auch zu neuen Anfälligkeiten. Es ist nicht einfach, optimistisch an eine friedfertige Welt zu glauben, wenn eine Kluft besteht, die so tief ist wie in der heutigen Geopolitik zwischen dem Lebensstandard und den Lebenschancen in den verschiedenen Regionen.

Welches apokalyptische Szenario fürchten Sie derzeit am meisten?

Ich würde das Wort Apokalypse nicht verwenden, aber ich denke schon, dass wir neue Gründe haben, uns zu fürchten. Was mir für die nächsten ein, zwei Jahrzehnte am meisten Sorgen bereitet, sind die Dinge, die ich bereits vor 15 Jahren in meinem Buch »Our final Century« (auf Deutsch erschienen unter dem Titel »Unsere letzte Stunde«) hervorgehoben habe: Technologien, die einzelnen Menschen oder kleinen Gruppen die Möglichkeit bieten – sei es durch Fehler oder vorsätzlich bösartiges Verhalten – global um sich greifende Folgen auszulösen.

Cyber-Attacken sind bereits ganz oben auf unserer Liste der Bedrohungen. Und ich vermute, dass biologische Bedrohungen schon bald dazu gehören. Als die Erforschung künstlicher DNA noch in den Kinderschuhen steckte, trafen sich führende Biologen in Kalifornien und einigten sich auf Regeln darüber, welche Art von Experimenten gemacht werden dürften und welche nicht. Heute, 40 Jahre später, ist die Situation völlig anders: Die Forschung auf diesem Gebiet ist viel breiter angelegt, stark internationalisiert und unterliegt stärker kommerziellen Interessen. Ich befürchte, dass auferlegte Regeln – ob rational oder ethisch begründet – sich nicht weltweit durchsetzen lassen, genauso wie es mit Drogen- oder Steuergesetzen ist. Alles was möglich ist, wird auch getan werden, von irgendjemand an irgendeinem Ort.

Und das ist ein Albtraum. Eine Atombombe lässt sich nicht ohne große, sehr spezielle Einrichtungen bauen. Doch Biotechnik verwendet kleine Geräte, die sich auch für andere Zwecke nutzen lassen. Tatsächlich breitet sich Biohacking bereits als Hobby und Wettbewerb aus. Und wir wissen alle, dass technische Fertigkeiten nicht immer mit einem ausgeglichenen Verstand einhergehen. In einem globalen Dorf gibt es auch globale Dorftrottel – und ihre Taten haben globale Folgen. Solche Bedrohungen werden Regierungen vor heikle Probleme stellen und die Spannungen zwischen Freiheit, Privatsphäre und Sicherheit verschärfen.

Neben diesen Bedrohungen gibt es natürlich weiterhin die Gefahren durch Atomkriege oder staatliche Cyber-Angriffe auf nationale Infrastrukturen.

»Es ist eine gefährliche Täuschung zu denken, dass uns das Weltall eine Flucht vor den Problemen auf der Erde ermöglicht«(Martin Rees)

Sollten wir mit dem Aufbau einer Kolonie auf dem Mars beginnen, für den Fall, dass es hier wirklich schlimm wird?

Ich bin entschieden anderer Meinung als Elon Musk und mein Kollege Stephen Hawking hier in Cambridge [***Anm. des Übersetzers: Das Interview wurde vor dem Tod Stephen Hawkings geführt und veröffentlicht. ***], die beide den schnellen Aufbau großer Siedlungen auf dem Mars befürworten. Es ist eine gefährliche Täuschung zu denken, dass uns das Weltall eine Flucht vor den Problemen auf der Erde ermöglicht. Wir müssen diese Probleme hier lösen. Mit dem Klimawandel zurechtzukommen, mag eine einschüchternde Herausforderung sein, aber gegenüber einem Terraforming des Planeten Mars ist es ein Kinderspiel. Es gibt keinen »Planeten B« für normale, risikoscheue Menschen.

Trotzdem glaube ich (und ich hoffe es auch), dass wir bis zum Jahr 2100 Basen auf dem Mars haben werden. Doch der praktische Nutzen, Menschen dorthin zu schicken, wird immer geringer, weil Roboter immer besser werden. Deshalb wird es sich bei eventuellen bemannten Missionen um hoch riskante, relativ billige und privat finanzierte Unternehmungen handeln – durchgeführt von Leuten, die den Nervenkitzel suchen und bereit sind, auf eine Rückflugmöglichkeit zu verzichten. Solche Leute werden zum Mars fliegen.

Wir (und unsere Nachkommen hier auf der Erde) sollten diesen tapferen Abenteurern zujubeln. Der Weltraum ist eine feindliche Umwelt für den Menschen. Und genau aus diesem Grund, dass sie schlecht an ihre neue Umwelt angepasst sind, werden diese Pioniere stärkere Anreize als wir auf der Erde haben, sich selbst umzuformen. Sie werden die extrem leistungsfähige Gentechnik und Cyborg-Technologien nutzen, die in den kommenden Jahrzehnten entwickelt werden. Diese Verfahren werden, so kann man hoffen, auf der Erde stark reguliert werden. Doch die Siedler auf dem Mars sind weit weg vom Zugriff der Behörden. Das könnte der erste Schritt sein zu einer Diversifizierung der Menschheit in neue Spezies. Es sind also diese raumfahrenden Abenteurer, nicht wir, die gut an das Leben auf der Erde angepasst sind, die die Speerspitze des posthumanen Zeitalters bilden werden. Wir (oder unsere erdgebundenen Nachkommen) sollten ihnen zujubeln.

Sie haben jüngst darüber gesprochen, dass die Wissenschaft an ihre Grenzen stoßen könnte. Ist das eine neue Befürchtung?

Nein, für mich ist das keineswegs eine neue Befürchtung. Tatsächlich habe ich bereits in meinem allerersten Vortrag im Radioprogramm des BBC – damals war ich noch Doktorand – gesagt, dass manche Entdeckungen erst möglich sind, wenn eine »intelligentere Spezies als wir« auf der Bildfläche erscheint.

In jedem Bereich wird es zu jedem Zeitpunkt »unbekannte Unbekannte« geben (über Donald Rumsfeld wurde gespöttelt, als er das in einem anderen Zusammenhang gesagt hat – aber natürlich hatte er recht. Es wäre aber vielleicht besser für die Welt gewesen, er wäre Philosoph geworden). Aber es gibt noch eine tiefere Frage. Gibt es Dinge, die wir niemals wissen können, weil es die Fähigkeiten des menschlichen Verstands übersteigt, sie zu erfassen? Sind unsere Gehirne geeignet, alle wichtigen Aspekte der Realität zu verstehen? Ich bin zuversichtlich, dass in den kommenden Jahrzehnten Antworten auf die meisten derzeitigen Rätsel gefunden werden. Aber vielleicht nicht auf alle. Es könnte Phänomene geben, die für ein vollständiges Verständnis der physikalischen Realität wichtig sind, deren wir uns aber nicht bewusst sind – so wenig, wie ein Affe die Natur von Sternen und Galaxien begreifen kann.

Wir sollten also offen für die Möglichkeit sein, dass es grundlegende Wahrheiten über die Natur gibt, die für das menschliche Gehirn ohne weitere Hilfsmittel zu komplex sind, als das wir sie begreifen könnten. Vielleicht werden wir sogar niemals das Geheimnis unserer Gehirne selbst verstehen – wie sich Atome zur grauen Substanz verknüpfen können, die sich dann ihrer selbst bewusst ist und Fragen nach ihrem Ursprung zu stellen vermag. Vielleicht ist auch ein Universum, das komplex genug ist, um unser Auftauchen zu ermöglichen, aus demselben Grund zu komplex, um von unseren Gehirnen verstanden zu werden.

Die Suche nach einer vereinheitlichten Theorie der Physik scheint nicht mehr voran zu kommen. Könnte es sich dabei um eine Sackgasse handeln?

Die Geschichte der Physik besteht natürlich aus sukzessiven »Sprüngen« und Vereinheitlichungen: Newton, Maxwell, Einstein, die Quantenmechanik, Quantenelektrodynamik und das Standardmodell. Es gibt sicherlich noch tiefere Regelmäßigkeiten, die uns bisher entgehen. Aber diese zukünftigen Vereinheitlichungen sind wahrscheinlich schwieriger aufzuspüren als die früheren. Das liegt zum Teil daran, dass es möglicherweise keine direkten Tests gibt. Und zum Teil auch daran, dass sie gewaltige Sprünge in den Größenordnungen beinhalten.

Jede Vereinigung von Gravitation und Quantentheorie muss beispielsweise mit großer Wahrscheinlichkeit die Planck-Länge beinhalten – und diese ist zwanzig Größenordnungen kleiner als ein Atomkern. Auf dieser Längenskala könnte der leere Raum eine komplexe Struktur zeigen. Es könnte sich dabei um die Struktur handeln, die sich aus der String-Theorie ergibt. Oder aus der Quantenschleifengravitation. Oder aus etwa völlig anderem. Die Optimisten hoffen, dass irgendeine derartige Theorie eines Tages zu Glaubwürdigkeit gelangt, weil sie die bislang unerklärlichen Parameter des Standardmodells erklärt, oder weil neue kosmologische Beobachtungen das Vakuum nahe der Planck-Skala überprüfen können. Wir wissen aber weder welche, noch ob überhaupt eine der gegenwärtigen Ideen auf der richtigen Spur ist.

Ich glaube es ist wichtig, dass einige Leute weiter an diesem »Everest-Problem« arbeiten – dass aus verschiedenen Richtungen nach überprüfbaren Theorien gesucht wird. Es ist überheblich, extrem brillante Wissenschaftler dafür zu verhöhnen – wie etwa Woit und Smolin es getan haben –, dass sie ihr wissenschaftliches Leben diesem Ziel gewidmet haben. Trotzdem müssen wir für die Möglichkeit offenbleiben, dass die wahre Theorie einfach zu kompliziert für uns ist – wir müssen aber noch viel länger und mit größerer Anstrengung danach suchen, bevor wir zu einem solchen Schluss kommen können. In diesem Sinn – und nur in diesem Sinn – könnte diese Suche von Historikern in einer fernen Zukunft als »Sackgasse« bezeichnet werden.

Ist Inflation, diese Theorie der kosmischen Schöpfung, tot?

Die Inflation sollte man möglicherweise gar nicht als spezifische Theorie, sondern lieber als »Szenario« ansehen. Und in diesem allgemeineren Sinne ist die Inflation noch höchst lebendig: Es ist immer noch die beste Idee, die wir haben, um die Größe des Kosmos und die Eigenschaften der Fluktuationen der Hintergrundstrahlung zu erklären. Das Problem ist allerdings, dass wir keine solide Vorstellung der Physik bei den immensen Energien haben, bei denen die Inflation auftritt (sie ist eine Billion Mal höher als das, was wir mit Teilchenbeschleunigern erreichen können). Messungen der Eigenschaften der Fluktuationen liefern uns zwar Einschränkungen für diese Physik und könnten zu neuen Tests führen oder gar Indizien gegen die Inflation liefern. Aber noch ist die Inflation ein gutes Konzept und es lohnt sich, darauf zu setzen.

Lassen sich Multiversum-Theorien überprüfen? Und wenn nicht, warum sollte man sie dann ernst nehmen?

Es gibt einige Varianten des Inflation-Szenarios – beispielsweise die »ewige Inflation« von Andrei Linde –, die nicht nur zu einem, sondern zu vielen »Urknallen« führen. Aber wie bereits gesagt: Wir wissen nicht, ob die Physik bei den relevanten, extrem hohen Energien die spezifischen Eigenschaften hat, die dieses Modell erfordert. Und wir wissen auch nicht, ob solche separaten Urknalle (wenn es sie denn gibt) zu Universen führen, die von den gleichen Gesetzen beherrscht werden wie das unsere. Es gibt Theorien, die erlauben mehr als ein Googol (10 hoch 100) verschiedene Zustände für das Vakuum, in jedem davon wäre die Mikrophysik unterschiedlich. Kann das wahr sein? Die Physik des 21. Jahrhunderts muss zwei Fragen beantworten. Erstens: Gibt es mehr als einen Urknall? Und zweitens und noch interessanter: Wenn es mehrere Urknalle gibt, führen diese dann alle zu derselben Physik?

Bis vor etwa 50 Jahren waren wir noch nicht einmal sicher, ob es überhaupt einen Urknall gegeben hat. Inzwischen haben wir genug Beweise, um die kosmische Geschichte bis zurück zur ultradichten ersten Nanosekunde zu beschreiben – mit der gleichen Zuversicht, mit der etwa ein Geologe die frühe Geschichte der Erde beschreibt und mit einer Genauigkeit besser als ein paar Prozent. Es erscheint also nicht übermäßig optimistisch, dass wir in weiteren 50 Jahren eine »vereinheitlichte« physikalische Theorie haben, abgesichert durch Experimente und Beobachtungen in der alltäglichen Welt, die umfassend genug ist, um das erste Billionstel Billionstel Billionstel einer Sekunde zu beschreiben, in der Dichte und Energie viel größer waren, als es die gegenwärtigen Theorien beschreiben können. Wenn diese künftige Theorie viele Urknalle vorhersagt, dann sollten wir das ernst nehmen, selbst wenn es sich nicht direkt verifizieren lässt (so, wie wir auch ernst nehmen, was Einsteins Theorie uns über das unbeobachtbare Innere von Schwarzen Löchern sagt, weil diese Theorie alle Tests in den beobachtbaren Bereichen bestanden hat).

»Wir erwarten also, dass es noch viel mehr Galaxien gibt, die unbeobachtbar hinter dem Horizont liegen«(Martin Rees)

Mitunter wird behauptet, Bereiche, die prinzipiell unbeobachtbar sind, seien nicht Bestandteil der Wissenschaft. Doch nicht einmal die konservativsten Astronomen würden dem zustimmen. Wir leben in einem beschleunigt expandierenden Universum, in dem weit entfernte Galaxien hinter einem Horizont verschwinden werden. Die ferne Zukunft dieser Galaxien ist also prinzipiell unbeobachtbar. Und es ist entsprechend ganz natürlich anzunehmen, dass es Galaxien gibt, die sich bereits jetzt hinter dem Horizont befinden und deshalb für immer unbeobachtbar sind. Wenn man sich in der Mitte eines Ozeans befindet, dann wäre es höchst überraschend, wenn sich die Küste des Ozeans unmittelbar hinter dem Horizont befände. Ganz entsprechend gehen die Astronomen davon aus, dass das für unsere Teleskope erreichbare Volumen der Raumzeit – also das, was die Astronomen traditionell als »das Universum« bezeichnen – nur ein winziger Teil der beim Urknall entstandenen Raumzeit ist. Wir erwarten also, dass es noch viel mehr Galaxien gibt, die unbeobachtbar hinter dem Horizont liegen.

Wenn wir in einem Multiversum leben, dann wäre das die vierte und bislang größte kopernikanische Revolution. Es gab die ursprüngliche kopernikanische Revolution. Dann die Erkenntnis, dass es Milliarden von Planetensystemen in unserer Galaxie gibt. Und schließlich erkannten wir, dass es Milliarden von Galaxien im beobachtbaren Universum gibt. Aber das ist immer noch nicht alles. Alles, was die Astronomen beobachten können, ist nur ein winziger Teil dessen, was bei »unserem« Urknall entstanden ist. Und »unser« Urknall ist möglicherweise nur einer aus einer vielleicht unendlichen Menge.

Das ist hochgradig spekulativ. Aber es ist keineswegs Metaphysik. Es ist aufregende Wissenschaft. Und es könnte sogar wahr sein – obwohl keineswegs klar ist, ob wir das jemals sicher wissen können.

Edward Witten ist der Meinung, das Rätsel unseres Bewusstseins könnte schwieriger zu lösen sein als das des Ursprungs des Universums. Was meinen Sie?

Ich bin mir nicht sicher, wie ich diese Frage beantworten soll. Es ist durchaus möglich, dass diese beiden großen Rätsel in den kommenden Jahrzehnten (oder Jahrhunderten) gelöst werden. Oder nur eines der beiden und das andere nicht. Vielleicht muss die Lösung auch auf eine posthumane Intelligenz warten. Es ist jedoch wichtig festzustellen, dass nur ein Prozent aller Wissenschaftler Physiker sind, die (wie Ed Witten) an vorderster Front das ganz Kleine oder das ganz Große erforschen. Die meisten Wissenschaftler, 99 Prozent, arbeiten an einer dritten Front: dem sehr Komplexen. Und die größte Komplexität findet sich in der biologischen Welt: Selbst die einfachste Lebensform besteht aus lauter Schichten von Strukturen und ist verblüffend kompliziert.

Astronomen sind in der Lage, winzige Schwingungen in einem Gravitationswellendetektor überzeugend einem Zusammenstoß von zwei Schwarzen Löchern zuzuordnen, der mehr als eine Milliarde Lichtjahre entfernt von der Erde stattgefunden hat. Im Gegensatz dazu ist unser Verständnis vertrauter Angelegenheiten, die uns alle interessieren – wie etwa Ernährung und Kinderbetreuung –, immer noch so mager, dass die Empfehlungen von »Experten« sich von Jahr zu Jahr ändern. Als ich jung war, dachte man, Milch und Eier sind gesund. Ein Jahrzehnt später galten sie als gefährlich, weil sie viel Cholesterin enthalten. Und jetzt scheinen sie wieder als harmlos eingestuft zu werden. Und es gibt immer noch keine Heilung für viele der häufigsten Krankheiten und Gebrechen.

»Denn die Astronomie befasst sich mit Phänomenen, die weit weniger komplex sind als jene, die in den Bio- und Humanwissenschaften untersucht werden«(Martin Rees)

Es allerdings keineswegs paradox, dass wir überzeugende Erklärungen für geheimnisvolle, kosmische Phänomene gefunden haben, während uns alltägliche Phänomene immer noch verwirren. Denn die Astronomie befasst sich mit Phänomenen, die weit weniger komplex sind als jene, die in den Bio- und Humanwissenschaften (und selbst in »lokalen« Umweltwissenschaften) untersucht werden. Wissenschaftler sind nahezu ohne Ausnahme Reduktionisten – sie sind davon überzeugt, dass alles, egal wie komplex es ist, eine Lösung der Schrödinger-Gleichung sein muss. Ganz im Gegensatz zu den »Vitalisten« früherer Zeitalter, die noch dachten, lebendige Dinge müssten von einer speziellen »Essenz« durchdrungen sein. Doch dieser Reduktionismus ist als Konzept nutzlos – er bietet nicht die besten Erklärungen.

Selbst ein so wenig geheimnisvolles Phänomen wie der Strom von Wasser durch Rohre oder in Flüssen lässt sich besser mit Hilfe von »emergenten« Konzepten wie Viskosität und Turbulenz verstehen. Experten der Flüssigkeitsdynamik kümmert es nicht, dass Wasser aus H20-Molekülen besteht – sie betrachten Wasser als Kontinuum. Selbst wenn sie einen Hypercomputer hätten, der die Schrödingergleichung für die Strömung Atom für Atom lösen könnte, würde die sich daraus ergebende Simulation keine neuen Einsichten zu den Fragen liefern, wie sich Wellen brechen oder warum eine Strömung turbulent wird.

Und neue, nicht reduzierbare Konzepte sind noch wichtiger für unser Verständnis wirklich komplizierter Phänomene – beispielsweise der Migration von Vögeln oder der Funktion menschlicher Gehirne. Phänomene mit unterschiedlichen Niveaus an Komplexität lassen sich jeweils am besten mit unterschiedlichen, nicht reduzierbaren Konzepten verstehen – Turbulenz, Überleben, Wachsamkeit und so weiter. Das Gehirn ist eine Ansammlung von Zellen. Ein Gemälde ist eine Anordnung chemischer Pigmente. Wichtig und interessant sind jedoch die Muster und die Strukturen – die emergente Komplexität.

Die gesamte Struktur eines Gebäudes ist gefährdet, wenn das Fundament schwach ist. Im Gegensatz dazu sind Wissenschaften einer »höheren Ebene«, die sich mit komplexen Systemen befassen, nicht durch unsichere Grundlagen gefährdet. Jede Wissenschaft hat ihre eigenen eindeutigen Konzepte und Erklärungsmethoden. In gewisser Weise ist der Reduktionismus korrekt. Aber er ist selten in einem nützlichen Sinne richtig. Und die meisten Durchbrüche, die die vergangenen zwei Jahrzehnte zur aufregendsten und dynamischsten Epoche der Wissenschaft gemacht haben, fanden auf diesen »höheren« Ebenen statt.

Könnten superintelligente Maschinen eine neue Wissenschaft entwickeln, die die Grenzen der menschlichen Wissenschaft überschreitet?

Wir nehmen natürlich bereits die Rechenleistung von Computern zu Hilfe. In der virtuellen Welt, im Inneren eines Computers, können Astronomen die Entstehung von Galaxien und Meteorologen die Atmosphäre simulieren. Und so wie Videospiele umso ausgetüftelter werden, je leistungsfähiger die Spielekonsolen werden, so werden auch diese virtuellen Experimente realistischer und nützlicher, wenn die verfügbare Computerleistung anwächst.

In der Tat gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Computer nicht Entdeckungen machen könnten, die den menschlichen Gehirnen ohne diese Hilfsmittel entgangen sind. So läuft gegenwärtig beispielsweise die Suche nach einem »Rezept« für einen Supraleiter, der bei normaler Raumtemperatur funktioniert (die bislang höchste Temperatur für Supraleitung liegt bei minus 150 Grad Celsius). Diese Suche funktioniert nach dem Prinzip »Versuch und Irrtum«, weil niemand wirklich versteht, warum der elektrische Widerstand bei manchen Stoffen leichter verschwindet als bei anderen. Doch inzwischen wird es möglich, die Eigenschaften von Materialien zu berechnen. Und zwar so schnell, dass sich Millionen von Alternativen durchrechnen lassen – viel schneller, als es mit tatsächlichen Experimenten möglich wäre. Nehmen wir an, eine Maschine findet ein neues und erfolgreiches Rezept. Damit hätte die Maschine etwas erreicht, für das ein Wissenschaftler den Nobelpreis bekäme.

Die Maschine würde sich verhalten, als besäße sie Einsichten und Vorstellungen innerhalb ihres sehr stark spezialisierten Universums – so wie Alpha Go von DeepMind menschliche Go-Meister mit einigen seiner Züge verblüfft und beeindruckt hat.

Ganz ähnlich wird künftig auch die Suche nach der optimalen chemischen Zusammensetzung von neuen Medikamenten immer häufiger von Computern übernommen werden, statt auf realen Experimenten zu basieren. So wie auch bereits seit vielen Jahren Luftfahrtingenieure den Luftstrom über Flügel mit Computerberechnungen simulieren statt mit Experimenten im Windtunnel.

Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, kleine Trends oder Korrelationen durch die Verarbeitung großer Datenmengen aufzuspüren. Ein Beispiel aus der Genetik: Eigenschaften wie Intelligenz oder Körpergröße werden jeweils durch eine Kombination von Genen bestimmt. Um diese Kombinationen zu identifizieren, muss eine Maschine schnell große Mengen an Genomen scannen, um kleine Korrelationen aufzuspüren. Ähnliche Verfahren werden von Börsenmaklern verwendet, um rechtzeitig Trends auf den Finanzmärkten zu erkennen und rasch auf diese reagieren zu können – damit ihre Klienten die besten Stücke erhalten.

Sie wurden 2011 mit dem Templeton-Preis ausgezeichnet [Anmerkung der Redaktion: Mit diesem Preis werden Personen für ihre Verdienste an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Religion ausgezeichnet]. Bedeutet das, dass Sie an Gott glauben? Und wenn ja, glauben sie, dass Gott uns retten wird?

Ich glaube nicht an religiöse Dogmata, aber ich teile mit vielen Gläubigen einen Sinn für Mysterien und Wunder. Wenn das Betreiben von Wissenschaft uns etwas lehrt, dann doch, das selbst etwas so grundlegendes wie ein Atom ziemlich schwer zu verstehen ist. Das sollte uns skeptisch gegenüber jedem Dogma und jeder Behauptung machen, dass wir mehr als nur sehr unvollständige und metaphorische Einsichten in irgendeinen tieferen Aspekt unserer Existenz erreicht hätten. Wie Darwin einst in einem Brief an den amerikanischen Biologen Asa Grey schrieb: »Ich fühle ganz tief in mir, dass das ganze Thema viel zu tiefgründig für den menschlichen Intellekt ist. Genauso gut könnte ein Hund über den Verstand von Newton spekulieren. Lass jeden Menschen hoffen und glauben, wie er es vermag.«

Selbst kompromisslose Atheisten müssen doch bemerken, dass es religiöse Menschen gibt, die eindeutig weder dumm noch naiv sind – und doch bemühen sie sich kaum, diese zu verstehen. Indem sie die großen Religionen angreifen, statt nach einer friedlichen Koexistenz mit ihnen zu streben, schwächen sie die Allianz gegen Fundamentalismus und Fanatismus. Und sie schwächen die Wissenschaft. Wenn ein junger Muslim oder ein evangelikaler Christ in der Schule gesagt bekommt, dass sie nicht zugleich an ihren Gott glauben und die Evolution akzeptieren können – dann werden sie ihren Gott wählen und für die Wissenschaft verloren sein.

Anhänger der meisten Religionen würden den gemeinschaftlichen und rituellen Aspekten eine hohe Bedeutung zumessen. Wenn uns so viel voneinander trennt und sich so viel so schnell verändert, ermöglich Religion Bindung innerhalb einer Gemeinschaft. Und ihre Überlieferungen verbindet die Anhänger mit früheren Generationen und sollten deshalb unsere Motivation stärken, den kommenden Generationen keine zerstörte Welt zu hinterlassen.

Was ist Ihre Utopie (unter der Annahme, dass wir uns nicht selbst zerstören)?

In einer utopischen Gesellschaft sollte es zumindest Vertrauen zwischen Individuen und ihren Institutionen geben. Ich befürchte, dass wir uns von diesem Ideal immer weiter entfernen. Zwei Trends verringern das Vertrauen zwischen Individuen: erstens der räumliche Abstand und die Globalisierung der Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben.

»Es ist deprimierend zu beobachten, dass ein großer Teil der Wirtschaft Aktivitäten gewidmet ist, die völlig überflüssig wären, wenn wir einander uneingeschränkt vertrauen könnten«(Martin Rees)

Zweitens die Verletzlichkeit der modernen Welt gegenüber Störungen – die Erkenntnis, dass »Hacker« oder Dissidenten Ereignisse auslösen können, die globale Folgen haben. Solche Trends erfordern natürlich Schutzmaßnahmen. Diese stören schon jetzt unser tägliches Leben – Sicherheitskräfte, komplizierte Passwörter, Kontrollen an den Flughäfen und so weiter. Sehr wahrscheinlich werden sie künftig noch lästiger. Neuerungen wie Blockchains bieten vielleicht Möglichkeiten, das Internet sicherer zu machen. Doch ihre derzeitigen Anwendungen – die eine Ökonomie auf Basis von Kryptowährungen möglich machen, die ohne traditionelle Finanzinstitute auskommt – scheinen eher schädlich als nützlich zu sein. Es ist deprimierend zu beobachten, dass ein großer Teil der Wirtschaft Aktivitäten gewidmet ist, die völlig überflüssig wären, wenn wir einander uneingeschränkt vertrauen könnten. (Es wäre eine wertvolle Aufgabe für einen Ökonomen, das einmal zu quantifizieren.)

Die Welt ist so verwoben, dass es kein Utopia auf der Grundlage einer einzelnen Nation mehr geben kann. Eine harmonische Geopolitik erfordert eine globale Verteilung von Wohlstand, die als fair empfunden wird – mit einer weit geringeren Ungleichheit zwischen armen und reichen Nationen. Und auch ohne utopisch zu sein, ist es sicher ein moralischer Imperativ (und im Selbstinteresse der glücklicheren Nationen) dieses Ziel anzustreben. Traurigerweise schenken wir auch heute noch dem Geschehen in fernen Ländern und der Mühsal der »unteren Milliarde« wenig Beachtung. Und wir berücksichtigen zu wenig die Probleme, die wir künftigen Generationen hinterlassen. Regierungen müssen sich mehr um Projekte kümmern, die zwar aus politischer Sicht langfristig erscheinen, deren Zeitrahmen für die Geschichte unseres Planeten gleichwohl nur ein Augenblick ist.

26/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26/2018

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