Gelassenheit im Alter: »Im mittleren Alter werden die Weichen gestellt«

Pasqualina Perrig-Chiello untersuchte eine ganze Forscherkarriere lang, wie Menschen ihre Lebensübergänge gestalten und später im Alter psychisch dastehen. Als Therapeutin begleitete sie Menschen, die in Krisen strandeten. Nun ist sie selbst im Ruhestand – und hat eine dreifache Perspektive auf das Alter.
Frau Perrig-Chiello, warum werden manche Menschen im Alter milde und gelassen – andere hingegen verbittert?
Das hat mit der Biografie zu tun, mit der Persönlichkeit und damit, ob jemand sozialen Support hat. Die meisten Menschen lernen aus den Lektionen des Lebens. Sie werden krisenerprobt und wissen zunehmend besser mit Widerwärtigkeiten umzugehen. So entwickelt sich eine Gelassenheit und Lebensweisheit, die hilft, neue Hürden zu nehmen. Aber das hängt eben auch stark von der Persönlichkeit ab.
Nämlich wie?
Ganz entscheidend für Gelassenheit im Alter ist die Fähigkeit zu vergeben – sich und anderen. Das Leben spielt uns oft übel mit, die Folgen sind Wut, Trauer, Scham oder andere negative Gefühle. Wer später »Lassen wir es gut sein« sagen kann, findet inneren Frieden. Das hat auch mit dem Selbstwert zu tun: Wer sich selbst annimmt, kann eher loslassen. Und für den Selbstwert wiederum ist ein gutes Miteinander wichtig, denn das stärkt uns.
»Ganz entscheidend für Gelassenheit im Alter ist die Fähigkeit zu vergeben – sich und anderen«
Was bedeutet Einsamkeit im Alter?
Einsamkeit schmerzt und macht auf Dauer krank. Vor allem Menschen im hohen Alter gehören zur Risikogruppe. Sinnes- und Mobilitätseinschränkungen sowie Krankheiten sind große Herausforderungen. Sie erschweren soziale Aktivitäten. Viele Menschen ziehen sich dann zurück und vereinsamen zunehmend.
Die systemische Familientherapeutin ist emeritierte Professorin der Universität Bern mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie der Lebensspanne insbesondere des mittleren und höheren Lebensalters.
Bei der körperlichen Gesundheit gibt es einen Trend hin zu einer Medizin der Vorbeugung. Gibt es das auch für die seelische Gesundheit?
Unbedingt. Wir sollten uns auf das Alter vorbereiten, denn die Gene bestimmen je nach Studie höchstens zu 30 bis 40 Prozent darüber, ob wir gesund und zufrieden altern. Der Rest ist Lebensstil, der sich über die Epigenetik ja sogar noch auf unsere Anlagen auswirkt: Wie ich lebe, beeinflusst, welche Gene aktiv sind.
Was raten Sie zur Vorbeugung von seelischem Leid im Alter?
Im Grunde ist es simpel, es gibt die entscheidende Trias: geistige Aktivität, körperliche Aktivität und soziale Aktivität. Also: lebenslang lernen, sich bewegen und soziale Beziehungen pflegen. Langzeitstudien zeigen: Spätestens im mittleren Lebensalter sollte man einen entsprechenden Lebensstil etabliert haben. In den mittleren Jahren werden die Weichen für ein gutes Alter gestellt.
Wann beginnt das mittlere Alter?
In der Entwicklungspsychologie sagen wir: bei etwa 40 oder 45 Jahren. Dann setzen die hormonellen Umstellungen ein und das verbleibende Lebenszeitfenster erscheint uns nicht mehr immens groß zu sein. Die Dinge verschieben sich – im Körper, im Kopf und im Lebensgefühl.
Was raten Sie also jemandem, der heute 40 oder 50 Jahre alt ist?
Bei vielen stellt sich in diesem Alter das Bedürfnis zu bilanzieren ein. Man fragt sich: Ich habe so viel investiert in Beziehung, Beruf, gesellschaftliche Rolle – und wo bleibe ich? Mein Rat lautet: innehalten und wirklich prüfen. Ist mein Leben das, was ich wollte? Oder bin ich vielleicht in einem Hamsterrad und definiere meine Identität darüber, was andere von mir denken und wollen? Wie möchte ich die nächsten Jahre gestalten? Heute hat man mit 45 im Schnitt noch eine lange Zeit in guter körperlicher Gesundheit vor sich. Deshalb: bewusst über die eigenen Prioritäten nachdenken und nicht warten, bis eine Krise kommt. Das ist eine Entwicklungsaufgabe.
Das hört sich sehr rational an. Welche Rolle spielen Emotionen dabei?
Eine große! Bilanzieren ist immer auch emotional. Ich muss spüren, wenn es nicht mehr passt. Erst dann kann ich etwas ändern. Dann aber braucht es auch einen klaren Entschluss, sonst entgleitet mir mein Leben.
»Gerade Männer sind Kandidaten für Krisen in der mittleren Phase«
Was ist mit Menschen, die keinen guten Zugang zu ihren Gefühlen haben?
Die sind klar im Nachteil. Unzufriedenheit wird dann häufig verdrängt – und entlädt sich oft später umso heftiger. Gerade Männer sind Kandidaten für Krisen in der mittleren Phase. Viele unterdrücken zum Beispiel, dass sie gewisser Rollen oder Aufgaben überdrüssig sind. Und dann schmeißen sie plötzlich alles hin oder verlassen Job und Familie. Bei Frauen beobachten wir das seltener, weil sie sich eher anderen mitteilen und eine Kultur des Miteinanders pflegen.
Sprechen wir da gerade von der klassischen Midlife-Crisis?
In der Entwicklungspsychologie sind wir vorsichtig mit dem Begriff »Midlife-Crisis«, weil er etwas Einheitliches suggeriert. Doch die allfälligen Krisen im mittleren Alter fallen unterschiedlich aus: Es gibt berufliche Krisen, etwa weil Jüngere nachrücken, es gibt familiäre Krisen, wenn Kinder ausziehen oder Eltern pflegebedürftig werden, es gibt Scheidungen. Und natürlich gibt es auch Sinnkrisen.
Um es nicht erst zur Krise kommen zu lassen: Wie kann man Lebensübergänge gut gestalten?
Alle großen Lebensübergänge – angefangen mit der Pubertät und dem Erwachsenwerden – zwingen dazu, sich neu zu definieren, weil alte Muster nicht mehr funktionieren. Darin liegt die Chance. Wenn man an alten Identitäten festhält, funktioniert das aber nicht. Ich habe einmal eine Ärztin begleitet, die nach langer Ehe von ihrem Mann verlassen worden war und sich dann aus Frust und Trauer mit aller Kraft in ihren Job stürzte. Da wurde sie gebraucht und feierte Erfolge. Aber drei Monate nach ihrer Pensionierung suchte sie als ein Häufchen Elend meine Hilfe.
Mit welchen Symptomen?
Sie hatte keine Kraft mehr. Da war einfach eine große Müdigkeit, fast eine Starre. Sie kam schon morgens nicht aus dem Bett. Und dann brach sich die ganze Trauer Bahn, die sie all die Jahre verdrängt hatte, in denen sie sich nur über ihre Funktion als Ärztin definierte. Sie hatte es schlicht unterlassen, sich darüber Gedanken zu machen, ob das ihr Leben sein sollte – und wie es einmal nach der Berufsphase weitergehen würde. Sie hat alles verdrängt.
Wie haben Sie sie unterstützt?
Wir haben die verpassten Übergänge und Neudefinitionen, die sie vorher hätte machen sollen, aufwendig aufgearbeitet. Allmählich erkannte sie, dass sie nun eine neue Aufgabe brauchte, etwas Sinnstiftendes – und das hat sie dann auch gefunden: ein Ehrenamt, in dem sie gebraucht wird und ihre Fähigkeiten einbringen kann.
»Natürlich tragen wir die Vergangenheit immer in uns. Aber es ist wichtig, neugierig zu bleiben und Neues auszuprobieren«
Wie wichtig sind der Blick zurück und der Blick nach vorn in der Psychotherapie?
Natürlich tragen wir die Vergangenheit immer in uns. Aber es ist wichtig, neugierig zu bleiben und Neues auszuprobieren – etwas, wovor emotional labile Menschen oft Angst haben.
Muss man zuvor schon ein erfülltes Leben gelebt haben, um im Alter milde und gelassen zu sein? Oder kann man seinen inneren Frieden auch dann noch finden?
Das ist möglich. Man kann seine Jahre im Ruhestand noch mit neuen Aktivitäten füllen und daran wachsen. Wer aber den Blick immer nur nach hinten richtet, riskiert zu verbittern. Besser ist es, im Hier und Jetzt zu leben und zuversichtlich nach vorn zu schauen. In der Wissenschaft sprechen wir auch vom »Growth Mindset«.
Welche Rolle spielen frühe Traumata für das eigene Erleben im Alter?
Sie brennen sich tief im Gehirn ein. Ich denke da etwa an einen 67-Jährigen, der im Job sehr erfolgreich war, gut aussah, ein Siegertyp. Doch nach der Pensionierung hatte er eine Herzklappenoperation. Danach fiel er in eine Depression und entwickelte starke Ängste vor allen möglichen Situationen, vor allem vor engen Räumen und vor Reisen. Er konnte zum Beispiel keine Busse, keine Züge mehr besteigen. In unseren Gesprächen kam nach etwas Widerstand heraus, dass er eine sehr schwierige Kindheit hatte. Sein Vater war immer auf Montage, und die Mutter arbeitete auch. Als mit weitem Abstand jüngstes Kind der Familie war er oft allein zu Hause und wurde dann von der Mutter eingesperrt. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, es gab damals im Ort keine Kitas. Er hatte zu essen, sie achtete auf Hygiene, aber: Er war regelmäßig allein und eingesperrt.
Und dieses Gefühl, eingesperrt zu sein, brach dann im Alter wieder auf?
Offenbar hat seine Herzoperation ein Gefühl des Ausgeliefertseins in ihm hervorgerufen, das die Kindheitserfahrungen und damit verbundene Ängste zurückholte. Aus Forschung und klinischer Praxis wissen wir, dass in Zeiten der Vulnerabilität, etwa bei schweren Erkrankungen oder Verlusterlebnissen, frühere psychische Wunden wieder aufbrechen können.
Welche Therapie hilft so einem Patienten?
Verhaltenstherapie hilft, Ängste spezifisch anzugehen. Gleichzeitig sind Gespräche, welche die Hintergründe ausleuchten, sehr hilfreich. Der Klient sollte sich nicht nur seiner Angst stellen und neue Erfahrungen machen, sondern auch erkennen, woher seine Ängste kommen.
Sie sagten eingangs, die Frage, wie wir altern, sei auch eine Frage der Persönlichkeit – inwiefern?
Persönlichkeitseigenschaften, wie sie zum Beispiel das Big-Five-Modell beschreibt, spielen eine große Rolle beim Altern. Besonders wichtig ist Gewissenhaftigkeit. Wer gewissenhaft ist, führt im Allgemeinen einen gesünderen Lebensstil – was wiederum mit einer höheren Lebenserwartung einhergeht. Extravertierte sind ebenfalls im Vorteil, denn sie gehen auf andere Menschen zu und pflegen soziale Kontakte. Und Offenheit für Neues, also ein gewisses Maß an Neugierde, ist die Voraussetzung für lebenslanges Lernen.
»Wer nur akzeptiert, bewegt sich nicht mehr. Wer nur kämpft, verliert Kraft«
Welche Rolle spielt Akzeptierenkönnen?
Auch eine große. Gesunde, weise Hochaltrige kennzeichnet, dass sie das Schicksal akzeptieren – und gleichzeitig die vorhandenen Möglichkeiten aktivieren. Die Kunst besteht darin, beides zu verbinden. Wer nur akzeptiert, bewegt sich nicht mehr. Wer nur kämpft, verliert Kraft und schadet seiner Gesundheit, etwa dem Immunsystem.
Haben Sie ein Beispiel für diese Weisheit im Alter?
Ich erinnere mich gern an einen 95-jährigen Mann, den ich einmal für meine Forschung interviewte und der erstaunlich fit und lebensfroh war. Als ich ihn nach seinem Rezept fragte, sagte er: »Das Leben ist, wie auf einen See hinauszufahren. Der da oben schickt Wind und Wetter, aber rudern muss ich selbst.« Dieses Bild hat mir sehr imponiert.
Macht die Auseinandersetzung mit dem Tod Menschen gelassener oder verzagter?
Menschen, die mit ihrer Biografie im Reinen sind, fürchten den Tod in der Regel nicht. Schwieriger ist es für Menschen, die in Schuldzuweisungen, Reue oder Verbitterung feststecken. Deshalb ist die eigene Lebensbilanz so wichtig. Kann ich Ja sagen zu meinem Leben? Der Tod verliert viel von seinem Schrecken, wenn man diese Frage bejahen kann.
»Der Tod verliert viel von seinem Schrecken, wenn man diese Frage bejahen kann«
Wie kann man das erreichen?
Man kann sich zum Beispiel fragen: Wenn ich morgen sterben würde, was hätte ich verpasst? Was hätte ich unbedingt noch machen wollen? Wem schulde ich noch etwas – und wer schuldet mir noch etwas?
Welche Rolle spielen Spiritualität und Religion dabei?
Spiritualität ist für mich eine Charakterstärke, die mit zunehmendem Alter wichtiger wird. Die finalen Fragen, die wir ja nie beantworten können, rücken näher: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was trägt mich? Dafür muss man nicht zwingend religiös sein. Religiosität ist an Institutionen gebunden. Spiritualität ist weiter gefasst und hat viel mit Hoffnung, Dankbarkeit und Vergebungsbereitschaft zu tun. In unseren Studien hing sie auch stärker mit dem Wohlbefinden im Alter zusammen als die Religiosität. Und ganz wichtig ist Humor, eine wunderbare Bewältigungsstrategie. Humor schafft Distanz zum Leid und hilft, sich nicht von Schwierigkeiten überwältigen zu lassen.
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