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News: Geliebte Leiche

Wenn Biologen ihren Wissensdurst stillen möchten, schrecken sie mitunter auch vor makaberen Methoden nicht zurück: Um die Spermienkonkurrenz bei der Uferschwalbe zu untersuchen, präsentierten britische Forscher den nichts ahnenden Männchen tote Artgenossinnen als Objekt der Begierde. Und siehe da: Die liebestollen Männchen fielen auf den Trick herein und gaben ihr Sperma freudig ab - selbst wenn es sich bei dem toten Liebespartner nicht um ein Weibchen handelte. Dabei setzten die Uferschwalbenmännchen ihr kostbares Sperma durchaus gezielt ein. Waren sie allein mit der vermeintlichen Dame ihres Herzens, dann zeigten sie sich eher knauserig. Sobald jedoch ein Konkurrent auftauchte, ejakulierten sie weitaus freigiebiger.
Geschlechtszellen sind ein kostbares Gut. Auch wenn sich eine männliche Samenzelle wesentlich bescheidener zeigt als die weibliche Eizelle, sollten Männchen bestrebt sein, einerseits ihr Sperma nicht zu verschwenden, anderseits daran jedoch nicht zu sparen, um möglichst chancenreich ihr Erbgut weiterzugeben. Schwierig wird das bei Arten, die es mit der Treue nicht so genau nehmen, denn hier konkurrieren Spermien verschiedener Männchen sogar noch im Körper eines einzigen Weibchens. Ökologen interessieren sich daher, wie diese Spermienkonkurrenz bei den verschiedenen Arten abläuft.

Um diese Frage zu klären, müssen die Männchen ihr Ejakulat der Wissenschaft spenden. Bei Vogelarten legen neugierige Forscher dafür etwas unsanft Hand an – eine "unangenehme Prozedur für beide, den Forscher und den Vogel", wie Henry Nicholls von der University of Sheffield meint. "Hinzu kommt, dass die erhaltenen Spermaproben in keiner Beziehung zur Spermienzahl stehen, welche die Männchen unter natürlichen Bedingungen abgeben würden", kritisiert der Evolutionsbiologe weiter.

Nicholls wählte stattdessen einen etwas makaber anmutenden Weg, um an das Ejakulat von Männchen der Uferschwalbe Riparia riparia zu gelangen. Er sammelte tote Uferschwalben ein, konservierte sie chemisch, versteifte ihre Beine mit Draht und klebte die fertig präparierten Leichen auf einen Zweig. Da sich bei den Uferschwalben die Geschlechter nicht äußerlich unterscheiden, konnte Nicholls nicht sicher sein, jeweils immer ein totes Weibchen erwischt zu haben. Doch die liebeshungrigen Männchen störte das wenig. Sobald sie eine Leiche erblickten, stürzten sie sich auf sie, um ihre Liebesgabe loszuwerden. Der Wissenschaftler brauchte nur noch den Köder wieder einzusammeln und konnte dann die Spermien auszählen.

Er entdeckte dabei, dass die Uferschwalbenmänner durchaus wählerisch mit ihrem Sperma umgehen: Sobald sich ein Konkurrent zeigte, enthielt das Ejakulat deutlich mehr Spermien als wenn sie mit dem Weibchen allein waren. Damit, so vermutet der Wissenschaftler, können sie je nach Situation die Wahrscheinlichkeit steuern, dass ihr Erbgut zum Zuge kommt. "Das ist so ähnlich wie bei einer Lotterie", erklärt Nicholls. "Wenn Sie als einziger spielen, kaufen Sie nur ein Los und gewinnen immer. Wenn Sie jedoch wissen, dass Sie gegen jemand anderen spielen, müssen Sie mehr Lose kaufen, um eine gute Gewinnchance zu behalten."

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